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Reportage:Der verlorene Sohn

"Die strafrechtliche Schiene ist im Sinne des Kindswohls selten das geeignete Vehikel." Hans-Michael Veith sagt das. Es gibt in Deutschland für alles eine Behörde, sogar für Kindsentführungen. Veith leitet beim Generalbundesanwalt eine Abteilung, die auf Basis internationaler Abkommen versucht, diplomatischer Mittler zu sein zwischen Ländern und Rechtssystemen.

Ziel ist, dass der andere Staat deutsche Sorgerechts-Urteile anerkennt. Das dauert. "Der Zeitfaktor", sagt Veith, "spielt eine große Rolle." Ein Jahr sei die entscheidende Grenze. Wenn ein Kind einmal so lange von einem Elternteil fern gehalten wurde, werde aus Unrecht schnell Recht. Oft wollten die Gerichte das Kind dann nicht wieder aus seiner Umgebung herausreißen.

Ein Jahr! Die Zeit rennt dem Vater davon. Das Familienverfahren könnte in Bulgarien weitergehen, doch die Mutter ist verschwunden. Kapp engagiert in Sofia einen Anwalt und drei Detektive, die Suche wird sein Leben. Bei der bulgarischen Polizei will er Vermisstenanzeige aufgeben und erhält zur Antwort: Das Kind ist doch bei seiner Mutter.

Verzweifelt klappert Kapp in Bulgarien Kindergärten ab. Was, wenn er ihn fände? "Ich weiß es nicht", sagt der Vater. Er weiß auch nicht, wie er sich eine Zukunft mit dem Sohn vorstellen soll, nur so viel weiß er: Ein Lebenszeichen wünscht er sich, ein Foto, einen Anruf vielleicht, und sonst das, was für Sven am besten ist.

Die Spur der Mutter findet sich erst im Juni 2005 wieder. Sie fliegt nach Zypern in den Urlaub. Ohne Sven. Bei der Einreise wird sie verhaftet, bald nach Deutschland ausgeliefert.

Das Frauengefängnis Neudeck liegt direkt unterhalb vom Nockherberg, dem Münchner Bierberg. Frau Kapp begrüßt ihre Anwältin mit Küsschen links, Küsschen rechts. Die Mutter wirkt nicht bitter, eher siegessicher, fröhlich fast, sagt, sie habe sich abgefunden mit der Haft, ein paar Monate noch, glaubt sie.

Ihrem Ex-Mann gehe es nicht ums Kind, sonst hätte er sie nicht ins Gefängnis werfen lassen. "Ihm geht es um persönliche Rache, weil ich nicht gehorcht habe in der Ehe." Harte Worte, und doch wirkt sie weich, jetzt in diesem Besuchszimmer. Man kann sie sich gut als sorgende Mutter vorstellen.

Sven gehe es jetzt viel besser, sagt sie. All die Auffälligkeiten seien verschwunden. Nach seinem Vater frage er nicht mehr, Deutsch zu sprechen habe er aufgehört, als sie deutsche Filme mit ihm anschauen wollte, habe er protestiert: Das versteh' ich nicht!

Da lachen Mutter und Anwältin, es klingt wie das Kichern zweier Freundinnen. Natürlich, sagt Elena Kapp, "das Kind braucht seinen Vater und er das Kind". Ja, es sei "grauenhaft" für den Vater, den Sohn so lange nicht zu sehen. Und ja, wahrscheinlich werde Sven psychische Schäden davontragen, "dagegen kann man nichts machen".

Versuch eines Handels

Ihre Worte, ihre Gesten deuten nicht auf den geringsten Zweifel an ihrem Handeln. Sie opfert sich und ihr Kind, um eine Zukunft mit dem Kind zu haben. Irgendwann. Wenn der Vater zustimmt, dass die beiden sich regelmäßig sehen, Sven aber in Bulgarien bleibt, wäre eine Lösung möglich, sagt sie. Nur dann.

Zwei Tage später sitzen sich Svens Mutter und Vater wieder im Gerichtssaal gegenüber, letzter Verhandlungstag. Die eine Seite hat das Gefängnis als Druckmittel, die andere den Jungen. Keiner sagt, ich verzichte auf ein Stück meines Rechtes, damit das Kind wieder Eltern bekommt. "Sie hat einen starken Charakter", sagt Elena Kapps letzter Freund im Zeugenstand. "Wenn sie etwas machen wollte, hat sie das gemacht."

Eine Familientherapeutin beschreibt Elena Kapps Standpunkt: "Ich bin die Mutter, und das Kind gehört zur Mutter." Die Zeugin erinnert sich, wie die Eltern einander das Kind abkaufen wollten: Was willst du für Sven, habe der Vater gefragt - die Mutter hätte auf den Unterhalt verzichtet. "Für mich", sagt die Therapeutin, "war das Opfer der Sven." Es ist selten, dass jemand von Sven spricht.

Elena Kapp beantwortet Fragen erst kurz vor der Urteilsverkündung, auch die ihres Ex-Mannes. Wie geht es Sven? Zum ersten Mal in den drei Gerichtstagen schaut sie ihn an, sagt: "Ich habe gehört, dass es ihm gut geht."

Ihre Anwältin plädiert auf Freispruch. Ihre Mandantin habe nicht gewusst, dass die Flucht strafbar ist. Sie argumentiert mit dem "entwürdigenden" Leben im Vater-Haus, spricht von "Leibeigenschaft" und "Herrenmenschenattitüde".

Strafrichter Robert Grain aber wertet die Flucht als "Selbstjustiz". Sie habe gewusst, dass sie Unrecht tue, "so dumm sind Sie nicht!". Sie solle doch ihre Strategie zumindest in der zweiten Instanz ändern und Sven nicht mehr verstecken, schließlich sei ihr Tun ein "Dauerdelikt": Nach Ende der Haft sei ein neuer Prozess zu erwarten. Aus den Worten des Richters spricht kein Zweifel, als er das Urteil verkündet: Zwei Jahre. Ohne Bewährung.

Als sich die Mutter im Juni von Sven in den Urlaub verabschiedete, versprach sie ihm: In zehn Tagen bin ich wieder da.

(Die Namen der Familie sind geändert)