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Reportage aus dem Epizentrum:Zwischen Lebenden und Toten

Von denen, die überlebt haben, hat niemand in dieser Nacht ein Dach über dem Kopf. Die Menschen schlafen auf den Straßen. Sie zerren verbogene Bettgestelle oder anderen Schrott aus den Trümmern, legen Plastikplanen darüber, um sich vor dem Regen zu schützen. Famile um Familie, oder was von ihnen übrig ist, reiht sich so in dem zerstörten Ort aneinander. Unter manchen Planen dringt leises, andauerndes Schluchzen hervor.

"Woher kommen Sie?", fragt der Mann mit dem Kopfverband. "Aus Deutschland." "Mein Bruder ist tot." Ganz plötzlich war Wan Yaobing, ein leicht untersetzter, 23-Jähriger, aus der Nacht aufgetaucht. Als es seinem Gegenüber nach dieser Eröffnung die Sprache verschlägt, erzählt er einfach weiter. Erst zwanzig Jahre alt sei der Bruder gewesen.

Er liege noch unter dem zusammengestürzten Haus der Familie. Er sei tot. Jedenfalls höre man ihn nicht mehr. Wahrscheinlich sei er tot. Oder? Wan will lieber noch einmal hingehen und ganz genau hinhören. Dann ist das Gespräch vorbei, genauso abrupt, wie es begonnen hat. Die Begegnung hat etwas Gespenstisches, Irreales, vielleicht auch deshalb, weil in dieser Nacht ein Halbmond die apokalyptische Szenerie in ein funzliges Licht taucht.

Die Soldaten, die nach ihrem Gewalt-marsch gerade angekommen sind und eine Schale Nudeln geschlürft haben, klettern mit Taschenlampen auf den Trümmern einer Baustelle herum. Sie suchen nach Brettern und Pfosten für Notunterkünfte. 1700 Soldaten der Volksbefreiungsarmee sind bis zum Abend des zweiten Tages nach dem Beben in Yingxiu angekommen, dazu 1300 Helfer von Bewaffneter Volkspolizei und Feuerwehr. Zuvor war der Ort zwei Tage lang weitgehend auf sich allein gestellt.

Das Weinen hat aufgehört

Am nächsten Morgen wird der ausländische Reporter, der erste, der das Gebiet beim Epizentrum erreicht hat, erst einmal festgenommen. Zwar hatte das Außenministerium in Peking ausländischen Journalisten die Reise ins Erdbebengebiet gestattet, doch der Kommandant Bao der Bewaffneten Volkspolizei hat damit Probleme. "Wir sind für Ihre Sicherheit verantwortlich", sagt er. Das gute Dutzend chinesischer Journalisten, das es bereits bis nach Yingxiu geschafft hat, scheint hingegen nicht in Gefahr zu sein. Die Kollegen können sich frei bewegen, während dem Ausländer stundenlang heißes Wasser und Kekse serviert werden.

Nach stundenlangem Palaver gibt es einen typisch chinesischen Kompromiss: Zwei Volkspolizisten begleiten den Reporter auf einem "Spaziergang", auf dem eigentlich keine Interviews erlaubt sind, greifen dann aber nicht ein, wenn sie trotzdem stattfinden. So hat niemand wirklich Verantwortung übernommen, weil nichts richtig erlaubt, aber auch nichts komplett verboten worden ist.

Das Ziel ist die Grundschule von Yingxiu, unter deren Trümmern an diesem Tag drei nach dem Beben noch sechs Kinder leben sollen. Sie ist durch ein Gebiet zu erreichen, dessen Zustand nur mit einem militärischen annähernd beschrieben werden kann: ein Schlachtfeld. Nahezu alle Gebäude der Hauptstraße von Yingxiu sind ausradiert. Die Polizeistation, das Krankenhaus rechts daneben, alle Häuserzeilen links davon.

Von der Grundschule ist nur ein einziger, grotesk in den Himmel ragender, fünfstöckiger Baustein stehen geblieben. Der Rest ist auf die 473 Kinder gestürzt, die hier gerade in ihren Klassenzimmern saßen. Ein Dutzend Toter liegt am Eingang zum Schulhof, notdürftig bedeckt.

Ein Elternpaar beugt sich über eine Kinderleiche, sie ist lehmverschmiert. "Warum hast du nicht auf Mama gewartet? Wie konntest du einfach sterben, bevor Mama da war? Bitte sei Mama nicht böse, bitte, bitte," sagt weinend die Mutter. Sie sieht dabei offenbar ihr Kind vor sich, nicht eine Leiche, denn sie streichelt ihm zärtlich über das Gesicht.

Wang Guixui sitzt auf einer kleinen Steinmauer und schaut grimmig auf das Dutzend Uniformierter, die auf den Trümmern der Schule herumklettern. "Sie kamen erst gestern, die ersten zwei Tage war weit und breit kein Helfer in Sicht", sagt der verzweifelte Vater. Seine zwei Töchter, die sechsjährige Wang Xinlu und die zehnjährige Wang Xiyue, sind noch nicht geborgen worden. Nur etwa 150 Kinder scheinen überlebt zu haben, mehr als 300 sind tot. Das Weinen der letzten Kinder hat am Vorabend aufgehört, genau an dem Abend, an dem die meisten Soldaten eintrafen.

Schützen der schwere Weg aus Dujiangyan hierher in dieses abgelegene Bergtal, schützen der schwere Regen an den ersten zwei Tagen die chinesische Regierung diesmal vor jeglicher Kritik? Sind nicht immerhin einige Kinder aus den Trümmern gezogen worden? Nicht in den Augen der Eltern auf dem Hof der Grundschule von Yingxiu, nicht an diesem Tag.

Hätte man nicht doch schneller reagieren, etwas besser organisieren können? Warum gab es keine konzertierte Aktion örtlicher Helfer? "Der Parteisekretär kam nur, um uns zu erzählen, man müsse auf Experten warten", ruft eine wütende Mutter. Der Bürgermeister von Yingxiu befindet es daraufhin für nötig, den Reporter schnellstens entfernen zu lassen. Die Eskorte wächst um zwei weitere Soldaten.

Auf der Uferwiese unterhalb der ebenfalls halb eingestürtzen Mittelschule liegen die Schwerverletzten und warten auf ihre Bergung per Hubschrauber. Erst seit dem Vortag erlaubt das Wetter die Flüge. Auch der 29-jährige Yang Yujian liegt hier auf einer Decke. Ein Türpfosten hatte sich durch seinen rechten Unterschenkel gebohrt, aber sein Kopf ist nur leicht verletzt, und er will erzählen.

Als das Beben kam, war er daheim, im fünften Stock eines Wohnheims der Landwirtschaftsbank. "Ich schnappte mir noch unseren Sohn und lief auf den überdachten Balkon vor unserer Wohnungstür", sagt Yang. Da stürzte er vier Stockwerke in die Tiefe und wurde begraben. Doch ein Dachbalken schützte seinen Kopf, und nach einer Stunde konnten ihn Anwohner ausgraben. "Ich hielt immer noch meinen Sohn im Arm, aber er war tot", sagt der Vater. Yang Pan hieß der Kleine, zwei Monate war er alt.

Rettende Zufälle

An dem Wort Schicksal kommt niemand vorbei, der die Geschichten der Überlebenden hört. So ist das bei jedem Erdbeben, so war es auch in Yingxiu. Die eine Frau hat überlebt, wie etwa die Mutter von Wan Yaobing, weil sie gerade auf der Gasse vor ihrem Haus mit drei Freundinnen Mahjong spielte. Die andere, wie die Frau von Yang Yujian, weil ihre Mutter sie vom Computer weggerufen hatte und sie genau neben dem Kühlschrank stand, als der Boden unter ihr wegbrach. Der Kühlschrank kam dann über ihr zu liegen kam und hielt schwere Steine von ihrem Kopf fern. Solche Geschichten gibt es hier nun ohne Zahl.

Niemand kennt die Geschichten, derer, die Pech hatten, der Begrabenen. Waren sie auch noch einen Moment vorher auf dem Balkon? In der Nähe des Kühl-schranks? Wollten sie gerade die Wohnung verlassen, hatten aber ihr Handy vergessen und gingen nochmal hinein? Man wird es nicht mehr erfahren.

Überall zwischen den Ruinen sind Uniformierte unterwegs, die Verletzte zum Flugplatz bringen. Auf Tragen, auf ihren Schultern, auf Schubkarren. Rund ein Dutzend Mal an diesem Vormittag landet ein Armeehubschrauber. Jedes Mal kann er zwölf Verletzte ausfliegen. Die Armee, wie spät auch immer sie sich hierher vorkämpfen konnte, wird wirklich gebraucht. Jede einzelne Kompanie wird von einem Kameramann begleitet, der unablässig filmt, die Regierung in Peking wünscht solche Bilder.

Auf dem Bergpfad nach Dujiangyan, zurück in die Zivilisation, stapft eine Kompanie Feuerwehrmänner aus Shanghai in orangefarbenen Overalls nach Yingxiu. Sie schleppen schwitzend Stihlsägen, Pressluftzangen und -hämmer auf ihren Schultern oder zu zweit an Tragestangen. Sie bringen das schwere Gerät, das alle anderen Helfer schon seit drei Tagen so dringend gebraucht hätten. Der Weg war lang, aber sie sind fast am Ziel.

© SZ vom 16.05.2008
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