bedeckt München

Reportage aus dem Epizentrum:Zwischen Lebenden und Toten

Verzweifelt, verletzt und wütend haben die Menschen drei Tage ausgeharrt - wie nun die ersten Helfer die am härtesten getroffene Region erreichen.

Henrik Bork

Der Weg ist diesmal nicht das Ziel. Aber der Weg ist wichtig. Wer ihn nicht kennt, diesen Weg ins Epizentrum des Erdbebens, diesen 60 Kilometer langen Fußmarsch ins Herz der Zerstörung, der kann leicht wütend werden.

China Erdbeben

Vor einer eingestürzten Schule in Wenchuan betet ein Frau für ihre toten Verwandten.

(Foto: Foto: Reuters)

Darüber, dass Kinder unter den Trümmern ihrer Grundschule auch am dritten Tag nach dem Beben in Sichuan in Chinas Südwesten noch weinen, ohne dass die Helfer ihnen näher gekommen sind. Oder darüber, dass manche Schwerverletzte seit drei Tagen auf ihren Transport warten, dort unten auf der Wiese am Flussufer, wo es zugeht wie im Feldlazarett.

Der Weg also. Er beginnt in Dujiangyan, Provinz Sichuan. Auch hier hat das Beben vom 12. Mai viele Häuser einstürzen lassen. Doch immerhin sind die Straßen noch offen, das Mobilfunknetz konnte schnell wieder repariert werden, Helfer waren relativ rasch da.

Kurz hinter Dujiangyan aber, auf der Bergstraße nach Yingxiu, beginnt die Reise aus der "Zivilisation in die Steinzeit", wie Xiao Wang sagt, der gerade die Straße entlangläuft. Ein Erdrutsch hat sie nach dem Beben blockiert, auf der Höhe des Zepingpu-Staudamms.

Xiao Wang, der "kleine Wang", hat Familie in Yingxiu, der letzten kleinen Stadt in unmittelbarer Nähe des Epizentrums, das noch 56 Kilometer weiter unter den Dörfern des Kreises Wenchuan gelegen haben soll. Und er hat seit Tagen nichts von ihr gehört. Es dringen kaum Nachrichten nach draußen. Die Straße ist unpassierbar. Das Telefonnetz komplett ausgefallen. Eben Steinzeit. Deshalb hat er sich mit seinem Cousin auf den langen Fußmarsch gemacht.

Erst geht es einen matschigen, steilen Bergpfad hinauf, zur Krone des Stau-dammes. Eine ganze Kolonne um ihre Angehörigen besorgter Menschen schiebt sich da gerade mühsam hinauf. Ausgerechnet in diesem Moment macht ein Gerücht die Runde, dass ein Nachbeben den Damm erschüttert hat und er jeden Moment zu bersten drohe. Oder war es eine Nachricht, die jemand im Radio gehört hat? Gerüchte, Wahrheiten und Halbwahrheiten wechseln sich in solchen Zeiten noch schneller ab, als ein Stein den Hang herunterrollen kann.

Eine Brücke ins Nichts

Oben angekommen, beginnt ein mehr als 50 Kilometer langer Treck über eine von breiten Rissen zerklüftete, hier und da ins Tal abgerutschte, und immer wieder von gewaltigen Felstrümmern versperrte Bergstraße. Schon nach drei Stunden Marsch zeigt sich ein Vorbote des Schreckens, der im Zentrum des Katastrophengebietes warten muss.

Ein Fels, groß wie ein Kleinwagen, ist auf einen weißen Kleinwagen gestürzt. Die Leiche des Fahrers hat noch niemand geborgen, von ihr sind der blutige Kopf zu sehen und eine, in einer letzten, verzweifelten Geste, aus der offenen Tür greifende Hand. Was mag in Xiao Wangs Kopf jetzt vorgehen?

Eine Kompanie von "Tiejun", Bahnsoldaten aus Luoyang, läuft im Eilmarschtempo in Richtung Yingxiu. Die blutjungen Soldaten bieten dem ausländischen Wanderer, dem einzigen an diesem Tag, aus einer Plastiktüte Wildkirschen an, ein Bauer am Wegrand hat sie ihnen verkauft.

"Wir hoffen, dass Sie uns nicht nur wieder schlechtmachen", sagt der Zhang Chengwei, der Kommandant der Kompanie. Alle ausländischen Reporter scheinen seit der Tibet-Krise und der damit verbundenen Regierungspropaganda unter diesem Generalverdacht zu stehen.

Aus der Gegenrichtung, aus Yingxiu, schleppt sich ein nicht abreißender Strom von Verletzten in Richtung Dujiangyan, in Richtung Krankenhaus also. Männer auf Krücken, mit offenkundig gebrochenen Beinen. Bauern mit selbstgebastelten Tragen aus armdicken Bambusrohren, auf denen Frauen mit blutverschmierten Kopfverbänden liegen. Söhne, die ihre verletzten alten Väter auf dem Rücken Meter um Meter voranschleppen. Kein Soldat kümmert sich um sie. In China ist man an viel Leid gewöhnt, und der Tagesbefehl der Soldaten lautet, ins Zentrum der Katastrophe vorzustoßen.

Rund drei Kilometer vor Yingxiu ist ein 100 Meter langer Teil einer Talbrücke einfach ins Nichts gestürzt. So muss die Menschenschlange aus Soldaten und verängstigten Anwohnern den Hang zum Fluss hinunterklettern. Von hier geht es über einen matschigen Pfad, den immer wieder Geröll versperrt. Besorgt blicken alle, die hier unterwegs sind, nach oben. Am gegenüberliegenden Flussufer donnert gerade wieder ein Steinschlag nieder. Es klingt, als sei das Ende der Welt nun doch gekommen, nach einer Vorankündigung und einer Galgenfrist.

Zwei Kilometer vor Yingxiu, neben einem verbogenen Brückenpfeiler, kniet eine junge Frau mit Pferdeschwanz und im roten Pullover im Lehm und verbrennt Banknoten mit dem Aufdruck "8 Millionen Yuan", ein Trauerritual. Cai Hongyans Eltern sind in dem Trümmerhaufen gestorben, der weiter oben langsam den Hang hinabrutscht und bis zum 12. Mai, 14. 28 Uhr ein bescheidenes Zuhause war.

Und dann, im letzten Tageslicht, taucht nach einer Wegbiegung Yingxiu auf. Der Ort sieht aus wie nach einem Luftangriff, und zwar einem besonders gründlichen. Zwei Drittel aller Häuser sind komplett zerschlagen. Alle übrigen sind beschädigt, scheinen sich mühsam mit Rissen in ihren Fassaden gegen die vielen Nachbeben zu wehren.

2700 von 5000 Einwohnern sind unter Trümmern begraben. Die meisten müssen zu diesem Zeitpunkt bereits als tot gelten, auch wenn bislang nur wenige Leichen geborgen sind und niemand Zeit hatte, sie zu zählen. Das Beben hat in wenigen Augenblicken wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Menschen von Yingxiu ausgelöscht.

Auf der nächsten Seite: eine apokalyptische Szenerie...

Zwischen Lebenden und Toten

Von denen, die überlebt haben, hat niemand in dieser Nacht ein Dach über dem Kopf. Die Menschen schlafen auf den Straßen. Sie zerren verbogene Bettgestelle oder anderen Schrott aus den Trümmern, legen Plastikplanen darüber, um sich vor dem Regen zu schützen. Famile um Familie, oder was von ihnen übrig ist, reiht sich so in dem zerstörten Ort aneinander. Unter manchen Planen dringt leises, andauerndes Schluchzen hervor.

"Woher kommen Sie?", fragt der Mann mit dem Kopfverband. "Aus Deutschland." "Mein Bruder ist tot." Ganz plötzlich war Wan Yaobing, ein leicht untersetzter, 23-Jähriger, aus der Nacht aufgetaucht. Als es seinem Gegenüber nach dieser Eröffnung die Sprache verschlägt, erzählt er einfach weiter. Erst zwanzig Jahre alt sei der Bruder gewesen.

Er liege noch unter dem zusammengestürzten Haus der Familie. Er sei tot. Jedenfalls höre man ihn nicht mehr. Wahrscheinlich sei er tot. Oder? Wan will lieber noch einmal hingehen und ganz genau hinhören. Dann ist das Gespräch vorbei, genauso abrupt, wie es begonnen hat. Die Begegnung hat etwas Gespenstisches, Irreales, vielleicht auch deshalb, weil in dieser Nacht ein Halbmond die apokalyptische Szenerie in ein funzliges Licht taucht.

Die Soldaten, die nach ihrem Gewalt-marsch gerade angekommen sind und eine Schale Nudeln geschlürft haben, klettern mit Taschenlampen auf den Trümmern einer Baustelle herum. Sie suchen nach Brettern und Pfosten für Notunterkünfte. 1700 Soldaten der Volksbefreiungsarmee sind bis zum Abend des zweiten Tages nach dem Beben in Yingxiu angekommen, dazu 1300 Helfer von Bewaffneter Volkspolizei und Feuerwehr. Zuvor war der Ort zwei Tage lang weitgehend auf sich allein gestellt.

Das Weinen hat aufgehört

Am nächsten Morgen wird der ausländische Reporter, der erste, der das Gebiet beim Epizentrum erreicht hat, erst einmal festgenommen. Zwar hatte das Außenministerium in Peking ausländischen Journalisten die Reise ins Erdbebengebiet gestattet, doch der Kommandant Bao der Bewaffneten Volkspolizei hat damit Probleme. "Wir sind für Ihre Sicherheit verantwortlich", sagt er. Das gute Dutzend chinesischer Journalisten, das es bereits bis nach Yingxiu geschafft hat, scheint hingegen nicht in Gefahr zu sein. Die Kollegen können sich frei bewegen, während dem Ausländer stundenlang heißes Wasser und Kekse serviert werden.

Nach stundenlangem Palaver gibt es einen typisch chinesischen Kompromiss: Zwei Volkspolizisten begleiten den Reporter auf einem "Spaziergang", auf dem eigentlich keine Interviews erlaubt sind, greifen dann aber nicht ein, wenn sie trotzdem stattfinden. So hat niemand wirklich Verantwortung übernommen, weil nichts richtig erlaubt, aber auch nichts komplett verboten worden ist.

Das Ziel ist die Grundschule von Yingxiu, unter deren Trümmern an diesem Tag drei nach dem Beben noch sechs Kinder leben sollen. Sie ist durch ein Gebiet zu erreichen, dessen Zustand nur mit einem militärischen annähernd beschrieben werden kann: ein Schlachtfeld. Nahezu alle Gebäude der Hauptstraße von Yingxiu sind ausradiert. Die Polizeistation, das Krankenhaus rechts daneben, alle Häuserzeilen links davon.

Von der Grundschule ist nur ein einziger, grotesk in den Himmel ragender, fünfstöckiger Baustein stehen geblieben. Der Rest ist auf die 473 Kinder gestürzt, die hier gerade in ihren Klassenzimmern saßen. Ein Dutzend Toter liegt am Eingang zum Schulhof, notdürftig bedeckt.

Ein Elternpaar beugt sich über eine Kinderleiche, sie ist lehmverschmiert. "Warum hast du nicht auf Mama gewartet? Wie konntest du einfach sterben, bevor Mama da war? Bitte sei Mama nicht böse, bitte, bitte," sagt weinend die Mutter. Sie sieht dabei offenbar ihr Kind vor sich, nicht eine Leiche, denn sie streichelt ihm zärtlich über das Gesicht.

Wang Guixui sitzt auf einer kleinen Steinmauer und schaut grimmig auf das Dutzend Uniformierter, die auf den Trümmern der Schule herumklettern. "Sie kamen erst gestern, die ersten zwei Tage war weit und breit kein Helfer in Sicht", sagt der verzweifelte Vater. Seine zwei Töchter, die sechsjährige Wang Xinlu und die zehnjährige Wang Xiyue, sind noch nicht geborgen worden. Nur etwa 150 Kinder scheinen überlebt zu haben, mehr als 300 sind tot. Das Weinen der letzten Kinder hat am Vorabend aufgehört, genau an dem Abend, an dem die meisten Soldaten eintrafen.

Schützen der schwere Weg aus Dujiangyan hierher in dieses abgelegene Bergtal, schützen der schwere Regen an den ersten zwei Tagen die chinesische Regierung diesmal vor jeglicher Kritik? Sind nicht immerhin einige Kinder aus den Trümmern gezogen worden? Nicht in den Augen der Eltern auf dem Hof der Grundschule von Yingxiu, nicht an diesem Tag.

Hätte man nicht doch schneller reagieren, etwas besser organisieren können? Warum gab es keine konzertierte Aktion örtlicher Helfer? "Der Parteisekretär kam nur, um uns zu erzählen, man müsse auf Experten warten", ruft eine wütende Mutter. Der Bürgermeister von Yingxiu befindet es daraufhin für nötig, den Reporter schnellstens entfernen zu lassen. Die Eskorte wächst um zwei weitere Soldaten.

Auf der Uferwiese unterhalb der ebenfalls halb eingestürtzen Mittelschule liegen die Schwerverletzten und warten auf ihre Bergung per Hubschrauber. Erst seit dem Vortag erlaubt das Wetter die Flüge. Auch der 29-jährige Yang Yujian liegt hier auf einer Decke. Ein Türpfosten hatte sich durch seinen rechten Unterschenkel gebohrt, aber sein Kopf ist nur leicht verletzt, und er will erzählen.

Als das Beben kam, war er daheim, im fünften Stock eines Wohnheims der Landwirtschaftsbank. "Ich schnappte mir noch unseren Sohn und lief auf den überdachten Balkon vor unserer Wohnungstür", sagt Yang. Da stürzte er vier Stockwerke in die Tiefe und wurde begraben. Doch ein Dachbalken schützte seinen Kopf, und nach einer Stunde konnten ihn Anwohner ausgraben. "Ich hielt immer noch meinen Sohn im Arm, aber er war tot", sagt der Vater. Yang Pan hieß der Kleine, zwei Monate war er alt.

Rettende Zufälle

An dem Wort Schicksal kommt niemand vorbei, der die Geschichten der Überlebenden hört. So ist das bei jedem Erdbeben, so war es auch in Yingxiu. Die eine Frau hat überlebt, wie etwa die Mutter von Wan Yaobing, weil sie gerade auf der Gasse vor ihrem Haus mit drei Freundinnen Mahjong spielte. Die andere, wie die Frau von Yang Yujian, weil ihre Mutter sie vom Computer weggerufen hatte und sie genau neben dem Kühlschrank stand, als der Boden unter ihr wegbrach. Der Kühlschrank kam dann über ihr zu liegen kam und hielt schwere Steine von ihrem Kopf fern. Solche Geschichten gibt es hier nun ohne Zahl.

Niemand kennt die Geschichten, derer, die Pech hatten, der Begrabenen. Waren sie auch noch einen Moment vorher auf dem Balkon? In der Nähe des Kühl-schranks? Wollten sie gerade die Wohnung verlassen, hatten aber ihr Handy vergessen und gingen nochmal hinein? Man wird es nicht mehr erfahren.

Überall zwischen den Ruinen sind Uniformierte unterwegs, die Verletzte zum Flugplatz bringen. Auf Tragen, auf ihren Schultern, auf Schubkarren. Rund ein Dutzend Mal an diesem Vormittag landet ein Armeehubschrauber. Jedes Mal kann er zwölf Verletzte ausfliegen. Die Armee, wie spät auch immer sie sich hierher vorkämpfen konnte, wird wirklich gebraucht. Jede einzelne Kompanie wird von einem Kameramann begleitet, der unablässig filmt, die Regierung in Peking wünscht solche Bilder.

Auf dem Bergpfad nach Dujiangyan, zurück in die Zivilisation, stapft eine Kompanie Feuerwehrmänner aus Shanghai in orangefarbenen Overalls nach Yingxiu. Sie schleppen schwitzend Stihlsägen, Pressluftzangen und -hämmer auf ihren Schultern oder zu zweit an Tragestangen. Sie bringen das schwere Gerät, das alle anderen Helfer schon seit drei Tagen so dringend gebraucht hätten. Der Weg war lang, aber sie sind fast am Ziel.

© SZ vom 16.05.2008
Zur SZ-Startseite