Ehemaliger "Bild"-Chefredakteur:Bei Reichelt ist Snickers noch maskulin

Lesezeit: 1 min

Bild - Julian Reichelt

Beklagt willkürlich gezogene Grenzen: der frühere "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Bericht von der Front: Der frühere "Bild"-Chef greift sich einen Schokoriegel, stellt sich ins Bordbistro der Deutschen Bahn und wirft gleich zwei Schicksalsfragen auf.

Glosse von Oliver Klasen

Julian Reichelt, der letzte verbliebene Anführer der freien Welt, ist für uns alle, die wir nicht so unerschrocken sind wie er, einmal mehr an die Grenze gegangen - und darüber hinaus. Einen Fuß nur setzte der ehemalige Bild-Chefredakteur ins Reich des Bösen. Das Bordbistro der Deutschen Bahn kann ein unwirtlicher Ort sein, selbst für einen viel gereisten Kriegsreporter. Reichelt stellte sich direkt an die Demarkationslinie, genau an die Stelle, an der die zwei mit 300 Kilometern pro Stunde durch das Land rasenden Waggons nur durch einen Faltenbalg aus Gummi zusammengehalten werden.

Dort wo sein linker Fuß stehe, so berichtete Reichelt auf dem Frontnachrichtendienst Twitter, dürfte ein Ungeimpfter ein Snickers essen, ohne dass ihn eine fremde Macht daran hindere. Reichelt bezeichnet dieses Regime mit dem Codewort 3 G. Rechts, unter der Knute von 2 G Plus, dürfe eben jener Ungeimpfte nicht abbeißen. Ein Wahnsinn, findet der Ex-Chefredakteur.

Reichelt wäre nicht Reichelt, wenn er in der Stunde der größten Gefahr nicht mehrere Schicksalsfragen zugleich aufwerfen würde. Er mokiert sich über willkürlich gezogene Grenzen; Grenzen mithin, die unbescholtene Bürger an der Befriedigung elementarer Grundbedürfnisse hindern. Nämlich sich irgendwo zwischen Kassel-Wilhelmshöhe und Wolfsburg 488 Kilokalorien bestehend aus, wie Wikipedia weiß, "Karamell, Erdnüssen und einer weißen nougat-ähnlichen Masse" einzuverleiben. Und, wichtiger vielleicht sogar, Reichelt spricht Genderfragen an, die das ganze Land spalten: Heißt es die, das oder der Snickers? Der Schokoriegel müsse Neutrum sein, dozieren sie nun auf Twitter (Reichelt schreibt: "den Snickers"). Aber sie haben ja auch nicht den Hauch einer Ahnung: Snickers ist maskulin. Für den Beweis muss man ins Jahr 1980 zurückgehen, Reichelts Geburtsjahr. Damals, mitten im Kalten Krieg, warb Snickers mit dem unverkennbar männlichen Slogan "Echt kernig. Herzhaft. Mit Biß". Klingt wie der Titel von Reichelts kommender Biografie.

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