Regimekritik:Xi und Puuh

Die chinesische Zensurbehörde löscht Fotos, auf denen Staats- und Parteichef Xi Jinping mit der Disney-Figur Winnie Puuh verglichen wird. Nun wird sogar ein Disney-Film verboten. Ob es hier einen Zusammenhang gibt, ist aber unklar.

Von Christoph Giesen

Es war eine letzte Provokation, ein letzter Gruß nach Peking, ein Gruß an Xi Jinping, Chinas Staats- und Parteichef. Sie lautete: Ich mag zwar bald sterben, aber ich lache über dich! Chinas Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo war dem Tode geweiht, Leberkrebs im Endstadium. Nur Tage später schloss er für immer die Augen. Auf diesem Foto aus dem Krankenhaus aber sah man Liu Xiaobo im vergangenen Sommer noch einmal neben seiner Frau Liu Xia. Beide halten eine Teetasse in der Hand, beide grinsen verschmitzt. Denn: Liu Xiaobos Becher ist gelb, die Umrisse von Disney's Winnie Puuh, dem Bär sind darauf abgebildet. Winnie Puuh, das ist in China Xi Jinping. Für viele Chinesen ist der Vergleich mit der korpulenten Disney-Figur die vielleicht einzige unbeschwerte Möglichkeit, über ihren Präsidenten zu spotten, ein Witz, den der beinahe Allmächtige Xi offenbar jedoch nicht allzu gerne hat.

FROM THE FILES - XI ANOINTED CORE LEADER

Chinas Präsident Xi Jinping (rechts) schüttelt die Hand von Japans Premierminister Shinzo Abe.

(Foto: Kim Kyung Hoon/Reuters)
Regimekritik: Winnie Puuh (rechts) schüttelt die Pfote von Esel I-Aah.

Winnie Puuh (rechts) schüttelt die Pfote von Esel I-Aah.

Alles begann, als Xi Jinping frisch im Amt 2013 zum Staatsbesuch in den Vereinigten Staaten weilte und ein Foto veröffentlicht wurde, das ihn gemeinsam mit dem damaligen US-Präsidenten, Barack Obama, zeigt. Beide haben sie ihre Jackets abgelegt und spazieren über einen akkurat gemähten Rasen. Xi mit seiner etwas zu weit hochgezogenen Hose wirkt in der Tat leicht pummelig neben dem deutlich drahtigeren Obama. Irgendwer im Netz hatte dann die Puuh-Idee. Xi der Bär und Obama, sein getreuer Comic-Kompagnon Tigger. Auf den ersten Blick vielleicht nicht sonderlich witzig. Ein Scherz für Grundschüler eher, nichts von langer Haltbarkeit.

Xi-Anhänger gehen gerade zur Gegenoffensive über: Sie verschenken Stoffbären

Doch das Gegenteil war der Fall. Es wurde ein Phänomen in ganz China daraus, weil die Zensur dünnhäutig dazwischenfuhr und wie wild löschte. Seitdem kennen die Vergleiche kein Halten mehr. Im Jahr 2014 als Xi puuh-strahlend den japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe traf, der wirklich ein bisschen wie der Esel I-Aah (ebenfalls ein Freund von Winnie Puuh) dreinschaute (siehe Foto), machte das nächste Bild die Runde. Und wieder löschte die Zensur ausgesprochen penibel. Auch heute noch entfernt die eifrige Internetpolizei in den sozialen Netzwerken regelmäßig Puuh-Bilder. Etliche Namensvariationen stehen bereits auf dem Index.

Ebenfalls nicht gezeigt in China wird der neueste Disney-Film "Christopher Robin", der gerade in den Vereinigten Staaten angelaufen ist und bald auch in Deutschland in die Kinos kommt. Auch der Streifen basiert auf Alan Alexander Milnes Kinderbuch "Puuh der Bär". Doch in China gab es keine Zulassung. Weil es dem Präsidenten nicht schmeckt? Oder weil ohnehin nur gut drei Dutzend ausländische Filme pro Jahr in China eine staatliche Genehmigung bekommen? Genau klären lässt sich das nicht, zum Bär Puuh äußert sich der chinesische Staat nicht. Auffällig ist jedoch, dass in jüngster Zeit eingeschworene Xi-Anhänger, die Xi-iten, angefangen haben, Puuh-Bilder aufzuhängen und Kinder mit entsprechenden Kuscheltieren auszustatten. Um die Deutungshoheit geht es, nicht weniger. Die Frage ist: Wem gehört Winnie Puuh?

© SZ vom 09.08.2018
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