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Reformbedarf der katholischen Kirche:Ein grundlegendes Strukturproblem: Der Papst

An diesem Fall wird ein grundlegendes Strukturproblem der gegenwärtigen Kurie deutlich, das - wie die Quellen im Vatikanischen Geheimarchiv belegen - bereits während des Pontifikats Pius' XI. seit 1922 entstand. Statt wie üblich in wichtigsten Fragen die "Kongregation für die Außerordentlichen Kirchlichen Angelegenheiten" einzuschalten, der die Präfekten der wichtigsten "Fachministerien" (= Kongregationen) angehörten, entschied der Papst zusehends allein. Auf eine "kollegiale" Beratung mit seinen "Ministern" legte Pius XI. keinen Wert mehr. Er besprach sich lediglich mit seinem Kardinalstaatssekretär und empfing gegebenenfalls den einen oder anderen Kardinalpräfekten in Privataudienz.

Das führte zu einem zunehmend autokratischen Führungsstil der Päpste des 20. Jahrhunderts, der unter Pius XII. einen Höhepunkt erreichte. Johannes Paul II. kompensierte dieses Strukturproblem ein wenig, indem er sich zu jedem Essen mehr oder weniger spontan Gesprächspartner einlud, die er von Terminen mitbrachte, um so an Informationen aus erster Hand zu kommen - ohne den zwischengeschalteten Filter der Kurie und insbesondere des Kardinalstaatssekretärs.

Autokratie führte zur Überforderung

Dieses autokratische System führte dennoch zu einer systematischen Überforderung des Staatssekretärs und letztlich auch des Papstes selbst. Denn nur sie allein verfügten über alle notwendigen Informationen, falls sie diese angesichts der Masse überhaupt verarbeiten konnten. Die Kompetenzen der Kongregationen wurden nicht mehr umfassend abgegriffen, die Kommunikation in der Kurie erwies sich als zunehmend gestört.

Das Gebot der Stunde wäre daher, die Kongregation für die Außerordentlichen Angelegenheiten wieder einzurichten, die man in heutigem Sprachgebrauch als Kabinettssitzung des Papstes mit den Chefs der Kongregationen oder wöchentliche Lage bezeichnen könnte. Gleichzeitig müsste jedoch das "Superministerium" des Kardinalstaatssekretärs wieder auf seine ursprünglichen Aufgaben reduziert werden. Dieser sollte sich auf die - immer noch gewaltige - Aufgabe eines "Außenministers" des Heiligen Stuhls konzentrieren können und nicht länger als Regierungschef unter dem päpstlichen Monarchen fungieren müssen, zu dem er seit der Kurienreform Pauls VI. mehr und mehr geworden ist.

Außerdem lässt sich in historischer Perspektive insgesamt eine deutliche Tendenz zur Hierarchisierung sowohl innerhalb der Römischen Kurie selbst als auch in ihrem Verhältnis zur katholischen Weltkirche beziehungsweise den Ortskirchen feststellen. Hier bietet die Kirchengeschichte ebenfalls ein äußerst erfolgreiches alternatives Modell an, das als Grundlage für eine Reform dienen könnte: das sogenannte Subsidiaritätsprinzip.

Probleme auf unterer Ebene klären

Dieses wurde von der katholischen Soziallehre entwickelt und fand bei Sozialethikern und Sozialpolitikern aller Couleur in aller Welt höchste Anerkennung. Es lässt sich ganz knapp auf den Punkt bringen: Nur wenn es gar nicht anders geht, soll im wirtschaftlichen und sozialen Feld etwas auf der obersten Ebene entschieden werden, etwa durch Gesetzgebung der Regierung nach einem Spitzengespräch mit Wirtschafts- und Gewerkschaftsbossen. So viel wie irgend möglich soll unten, vor Ort geklärt werden, etwa in den einzelnen Betrieben. Nur wenn in der jeweils kleineren Einheit keine Lösung gefunden werden kann, soll die nächsthöhere Instanz eingeschaltet werden.

Die Plausibilität des Subsidiaritätsprinzips leuchtet unmittelbar ein. Man fragt sich, ob dieses von der Kirche erfundene, so erfolgreiche Prinzip nicht nur in der Politik, Wirtschafts- und Soziallehre, sondern auch innerhalb der katholischen Kirche selbst angewendet werden sollte. Das hieße: So viel wie möglich auf der Ebene der Pfarreien entscheiden, erst dann das Dekanat einschalten, dann die Diözese, dann die Bischofskonferenz und ganz am Schluss Kurie und Papst. Und auch das nur, wenn es um die grundlegenden Fragen geht, um zentrale Glaubenswahrheiten etwa, an denen sich die Einheit der Kirche als solche und die Authentizität ihres Zeugnisses entscheidet.

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