Reformationsjubiläum:Der Staat hat das Jubiläum zu seiner Sache gemacht

Lesezeit: 4 min

Greifbar sind zudem die Museen und Gedenkstätten in Thüringen, Sachsen-Anhalt und anderswo, die aufs feinste renoviert, erweitert, mit neuen Dauerpräsentationen ausgestattet sind. Beide Bundesländer, in denen kaum noch aktive Christen leben, melden touristisch Zufriedenheit - und vielleicht fährt man am besten jetzt dorthin, wenn der Trubel vorbei ist.

Auf grob 250 Millionen Euro werden die öffentlichen Ausgaben fürs Reformationsjubiläum geschätzt, je nachdem, was man mitrechnet. Und noch etwas bleibt: der vielleicht beste Lutherwitz des Jahres. Als die EKD-Jubiläumsbeauftragte Margot Käßmann den neu getauften ICE "Martin Luther" vorstellte, schrieb einer auf Twitter, das sei ja ein treffliches Motto für die Deutsche Bahn mit ihren Verspätungen: "Hier stehe ich und kann nicht anders."

Weniger lustig ist die Debatte, ob der evangelischen Kirche auf der überregionalen, nationalen Bühne die großen Gesten und Dialoge zwischen 1517 und 2017 gelungen sind. Das Dilemma war: Hier kann man nicht nur im stillen Kämmerlein oder gepflegt kulturprotestantisch agieren; wenn aber Kirchenfunktionäre ihren oft geforderten Anspruch auf gesellschaftspolitische Einmischung tatsächlich erheben, dann taucht wieder, unter kritischeren Vorzeichen, der alte Vorwurf der zu großen Staatsnähe auf.

Denn dieser Makel hängt seit jeher am Protestantismus: der Pakt mit der Obrigkeit. Durch ihn konnte sich die Konfession historisch durchsetzen, obwohl sie bei Luther gegen das Papsttum eigentlich von der Freiheit, der individuellen Glaubenserfahrung, der Unabhängigkeit von selig machenden Hierarchien ausgegangen war. Das schwang alles mit beim Noch-Präsidenten Joachim Gauck - der allerdings beim eröffnenden Staatsakt vor einem Jahr glänzend mit dem Dilemma umgegangen ist -, beim Kirchentag im Mai mit Angela Merkel und Barack Obama oder zuletzt bei Wolfgang Schäubles Mahnungen an den neuen Bundestag mit dem kategorischen Imperativ von Immanuel Kant.

Der Anfang einer großen Koalition?

Fairerweise muss man feststellen, dass sich nicht einfach die Kirche der Obrigkeit angedient hat, sondern umgekehrt der Staat auch sehr bereitwillig das Jubiläum als Ausdruck deutscher Identität in unsicheren Zeiten zu seiner Sache gemacht hat, nicht nur mit viel Fördergeld in der Kultur. Und die Kirche hat durchaus erkannt, dass sie zivilgesellschaftlich weiter ausgreifen muss - auch wenn man sich fragen kann, ob Gundula Gause oder Jürgen Klopp als "Reformationsbotschafter" dabei wirklich geholfen haben.

21,9 Millionen

Menschen in Deutschland gehören der evangelischen Kirche an (nach Angaben der EKD für 2016). Das ist ein Rückgang gegenüber dem Vorjahr um 1,57 Prozent - Tendenz weiter fallend. Letzteres hat zwei Gründe: Allein 2016 starben 340 000 Mitglieder, getauft wurden aber nur 180 000 Menschen. Weitere 25 000 traten der Kirche wieder bei. 190 000 Menschen dagegen verließen eine der 20 Landeskirchen. Allerdings können diese auch hoffen, denn der Trend zum Kirchenaustritt nimmt ab: Im Vergleich zum Vorjahr sind die Austritte um zehn Prozent zurückgegangen.

Jetzt wird der Ernte-Ertrag geprüft, es erscheinen (auch typisch protestantisch) bereits Bücher wie "Reformation 2017 - eine Bilanz" oder "Aufbruch oder Katerstimmung?". Die EKD sieht sich im Internet vor dem Feiertag am Dienstag "auf der Zielgeraden", als würde sie danach auf der Rennbahn zusammenbrechen, und wird gefragt, ob sie sich mit ihrer "Weltausstellung" und den Dimensionen des Kirchentags-Abschlusses in Wittenberg nicht übernommen und überschätzt habe. Und hat man nicht zu krampfhaft versucht, stets die Sprache der säkularen Mehrheitsgesellschaft zu sprechen?

Es geht ums Selbstverständnis, auch im Verhältnis zur katholischen Kirche. Die ökumenischen Versöhnungsgesten dieses Jubiläumsjahres waren tatsächlich historisch unerhört, angesichts der ungelösten Fragen der Kirchenspaltung entstand aber auch der Eindruck einer großen Koalition: Schwächere Institutionen rücken enger zusammen.

Und jetzt alle: "Wenn zwei! Oder drei! - in meine-hem Namen versammelt sind ..."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema