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Recycling in Istanbul:Müll gegen Geld

In a photo provided by the Istanbul Metropolitan Municipality, the new Istanbul subway machines, which will add credit to subway cards and crush, shred and sort recycled material.

Der neue Pfandautomat der Istanbul Metropolitan Municipality, der das Guthaben direkt auf die "Istanbulkart" lädt.

(Foto: The NewYorkTimes/Redux/laif/ISTANBUL METROPOLITAN MUNICIPALI)
  • Mit neuen Recyclingautomaten will Istanbul sein Problem mit Plastikmüll in den Griff bekommen.
  • Für jede abgegebene Plastikflasche überweisen die Automaten Geld auf die elektronische Fahrkarte des Nutzers.
  • Um dem Problem wirklich Herr zu werden, sind es aber zu wenige Automaten.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Plastik um den Käse, die Gurken liegen auch unter Folie, und jeder Tropfen Trinkwasser kommt in der Plastikflasche. Wen angesichts dieser Plastikschwemme in Istanbul das schlechte Gewissen plagt, der kann seine Plage jetzt in der U-Bahn abgeben, und dabei auch noch Geld verdienen. Die ersten zwei von bald 100 Plastikflaschenschluckern wurden in der Metrostation an der Istanbul Universität aufgestellt. Wer dort eine Flasche einwirft oder eine Aluminiumdose, bekommt zwischen zwei und neun Kuruş, nicht auf die Hand, sondern auf seine "Istanbulkart". So eine kleine Plastikkarte besitzt praktisch jeder hier, man benutzt sie für alle öffentlichen Verkehrsmittel, Bahn, Bus, Schiff, und kann damit auch die städtischen Toiletten öffnen. Die Karte ist wieder aufladbar.

Zwei bis neun Kuruş ist wenig Geld, eine Lira hat 100 Kuruş, und eine Lira ist derzeit gerade mal 15 Cent wert. Aber, wie gesagt, es gibt ja so viele Plastikflaschen. Und wer 50 Flaschen auf einmal mitbringt, kann auch eine Theaterkarte gewinnen, für 100 Flaschen gibt es einen Restaurantgutschein.

Vielen Bürgern geht der Vorstoß nicht weit genug

"Intelligente Recycling Container" heißt das Projekt, organisiert von Isbak Istanbul, der städtischen Firma für "IT und Smart City Technologies". Den Standort an der Uni hat man für die Experimentalphase wohl gewählt, weil man dort intelligentes Publikum erwartet. "Ja verrückt, sehr gut", sagt eine Studentin, die den Kasten zum ersten Mal gesehen hat. Sie will künftig ihre Flaschen mitbringen. "Aber ich mache noch viel mehr", sagt sie, "im Sommer habe ich an der Ägäisküste Plastikmüll gesammelt. Solche Geräte sollten sie an den Küsten aufstellen. Hier werfen ja alle ihren Abfall schon in die Mülleimer." Die Marmorböden der Station sind komplett sauber, papierschnipselfrei.

Eine Frau steht jetzt vor dem Automat, ratlos. "Der schluckt nur einzeln, nicht mehrere Flaschen gleichzeitig einwerfen", rät ein Student. "Wir haben heute schon 90 Kuruş gespart", sagt ein Mann. Ist ja alles so teuer jetzt, die Inflation beträgt schon 25 Prozent, alles ist also um etwa ein Viertel teurer als vor einem Jahr. Der Mann findet, der neue Automat sei eine gute Erfindung, "aber wir müssten viel mehr tun", sagt er. "In Istanbul hat man schon so viele Wälder abgeholzt, und in Thrazien sind die Flüsse verseucht."

Weiterhin viel Arbeit für die Müllsammler

Das Umweltministerium in Ankara sagt, die Hälfte aller Plastikflaschen sei bisher schon recycelt worden, und dazu im letzten Jahr und den ersten drei Monaten des Jahres 2018 auch 1,7 Millionen Tonnen Papier und Karton. Recycling ist freiwillig in der Türkei, das System stützt sich auf die Müllsammler. Oft sind es die Ärmsten der Armen, die damit ihr Geld verdienen. Sie haben sich auf Plastikflaschen und Papier spezialisiert und die Stadt unter sich aufgeteilt. Mit ihren scheppernden Karren, Eisengestelle mit großen Säcken dran, rollen sie durch die steilen Gassen, durchwühlen Tonnen und den Müll, der an den Straßenrand gestellt wird, bevor jeden Abend die städtischen Müllautos kommen. Dass die Müllsammler schnell arbeitslos werden durch die intelligenten Container, ist kaum zu erwarten. Für die Stadt mit mehr als 15 Millionen Einwohnern reichen 100 Automaten ganz gewiss nicht.

© SZ vom 23.10.2018/csi/fzg
Credit: Greg Martin, Surfers Against Sewage

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