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Recklinghausen:Der Junge im Kleiderschrank

Vermisster 15-Jähriger wird bei Hausdurchsuchung entdeckt.

Von Oliver Klasen

Die Polizisten, die am Freitagmorgen eine Wohnung in Recklinghausen durchsuchen, sind auf der Suche nach verdächtigen Datenträgern. Festplatten, Speicherkarten, oder USB-Sticks, auf denen kinderpornografisches Material gespeichert sein könnte. Doch als die Beamten routinemäßig einen Kleiderschrank öffnen, finden sie einen Jungen, der sich dort versteckt gehalten hat. Wie sich später herausstellt, ist es ein 15-Jähriger, der im Juni 2017 aus einer Jugendwohngruppe in der Nachbarstadt Oer-Erkenschwick verschwunden war und seitdem vermisst wird.

Alles an dem Fall ist seltsam. Mehr als zweieinhalb Jahre lang gibt es keinen Hinweis auf den Verbleib des 15-Jährigen. Auch, dass der Fall im Juli dieses Jahres in der Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" vorgestellt wird, bringt die Polizei nicht weiter. Als die Polizisten den Jungen dann schließlich am Freitag im Kleiderschrank entdecken, wirkt es nicht so, als werde der Junge gewaltsam dort festgehalten. Er ist nicht gefesselt oder geknebelt, kann sich frei bewegen und weist keine sichtbaren äußeren Verletzungen auf. Was geschah in der Wohnung? Wurde der Junge dort durch den Einsatz physischer oder psychischer Gewalt gefügig gemacht? Ist er missbraucht oder misshandelt worden? Und wenn ja, von wem? Auf diese Fragen muss die Polizei nun Antworten finden.

Die Wohnungsdurchsuchung richtete sich gegen den 44-jährigen Bewohner. Er steht im Verdacht, kinderpornografisches Material verbreitet zu haben. Die Polizei nahm ihn am Freitag vorläufig fest. Sein 77-jähriger Vater, der ebenfalls in der Wohnung lebte, wurde befragt, kam aber schnell wieder auf freien Fuß. Den ganzen Samstag über durchkämmten Spurensicherungsexperten die offenbar völlig zugemüllten Räume und luden Umzugskisten in einen Transporter. "Jeder Quadratmeter wird von uns auf links gedreht", heißt es bei der Polizei.

Dann erließ ein Richter Haftbefehl wegen "einer schweren Sexualstraftat", wie es in der Mittelung der Staatsanwaltschaft heißt. "Das ist die Formulierung, auf die wir uns aus Opferschutzgründen geeinigt haben", sagt Andreas Wilming-Weber, der Pressesprecher der Polizei Recklinghausen.

Bei der Durchsuchung wurde auch ein Spürhund eingesetzt, der auf das Erschnüffeln von Datenträgern spezialisiert ist. Einige in der Wohnung gefundenen Datenträger, so die Polizei, würden derzeit bereits ausgewertet. Nach dem Missbrauchsskandal von Lügde, wo es zahlreiche Ermittlungspannen gab und Beweismaterial abhandenkam, stehen die nordrhein-westfälischen Behörden unter erheblichem Druck, wenn es um Kinderpornografie-Verdacht geht.

Den im Kleiderschrank gefundenen Jungen brachte die Polizei nach einer ersten Befragung in eine Klinik. Sein psychischer Zustand werde ärztlich untersucht, so Wilming-Weber. Der 15-Jährige sei mehr als zwei Jahre nicht mehr in der Obhut eines Erziehungsberechtigten gewesen. Deshalb müsse zunächst abgeklärt werden, wo der Junge am besten untergebracht werden könne. Mit seiner Mutter stehe die Polizei in Kontakt.

© SZ vom 23.12.2019
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