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Reaktionen auf Breiviks Verurteilung:"Eine mutige und unabhängige Entscheidung"

Die Norweger reagieren erleichtert auf das Urteil gegen den Attentäter Anders Breivik, erspart es ihnen doch wahrscheinlich einen Revisionsprozess. Auf Twitter dagegen bricht nach der Urteilsverkündung ein Proteststurm los - der aus einem Missverständnis erwächst.

Mindestens zwei Jahrzehnte Haft für den Mann, der ihr Leben aus den Fugen geraten ließ: Die Hinterbliebenen und Überlebenden des Massakers von Utøya und des Bombenanschlags von Oslo hatten sich dieses Urteil erhofft und reagierten entsprechend erleichtert auf die Entscheidung des Gerichts. Diejenigen von ihnen, die in den Gerichtssaal im Osloer Tinghuset gekommen waren, reagierten gefasst, als Richterin Elizabeth Arntzen das Urteil verlas.

"Dass Breivik für zurechnungsfähig erklärt wurde, ermöglicht den Familien, mit dem Geschehenen abzuschließen", sagte Opferanwalt Frode Elgesem während einer Prozessunterbrechung im norwegischen Fernsehen. "Es wird sicher verschiedene Meinungen geben, aber wir haben hier höchstwahrscheinlich ein Urteil, mit dem viele Trauernde und Überlebende leben können." Das Osloer Amtsgericht habe eine "mutige und unabhängige Entscheidung getroffen", sagte seine Kollegin Mette Yvonne Larsen.

"Jetzt müssen wir Extremismus ernst nehmen", zitiert der britische Journalist Mark Antony Lewis einen Überlebenden auf Twitter. Die überwältigende Mehrheit der anwesenden Opfer sei zufrieden mit der Entscheidung des Gerichts.

"Erleichtert", "zufrieden" oder einfach "fertig" - so beschrieben die meisten Norweger ihre Emotionen nach dem Urteil gegen den Massenmörder auf der Webseite der Tageszeitung Aftenposten, die ihre Leser online nach dem Wort gefragt hatte, das am besten zur Gefühlslage passe. Schon kurz nach der Urteilsverkündung hatten mehr als 1200 Menschen das Wort "erleichtert" angeklickt. Mehrere Hundert wählten "fertig" oder "zufrieden", einige allerdings auch "gleichgültig" und "überrascht".

"21 Jahre für Breivik? Das sind 100 Tage pro Opfer", twitterte Paul Myers von der britischen BBC kurz nach Verkündung des Urteils und nahm den Ton der bestimmenden Debatte damit vorweg. In den sozialen Netzwerken rief der Urteilsspruch zunächst nämlich vor allem Unverständnis hervor - Unverständnis, das auf dem Missverständnis basiert, Breivik würde nach 21 Jahren wieder freikommen.

Im kollektiven Entsetzen über die vermeintlich lächerlich kurze Haftstrafe und im Spam-Sturm der Sexseiten, die den Hashtag zum Prozess in Oslo längst gekapert haben, gehen vorsichtigere Stimmen unter. So dringen jene Twitter-Nutzer kaum durch, die versuchen, den Link zur Webseite des Hochsicherheitsgefängnisses Ila unters digitale Volk zu bringen, auf der die Sicherungsverwahrung detailliert erklärt wird. Noch schwerer damit, sich Gehör zu verschaffen, tun sich differenzierte Stimmen. So twittert eine Nutzerin zum Beispiel: "Das ist der Preis, den wir für eine Demokratie bezahlen" und stellt klar: "Breivik wird nach 21 Jahren nicht freikommen, wenn er als Gefahr für die Gesellschaft eingestuft wird."

Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg kündigte eine Stellungnahme nach Ende der Urteilsverkündung an.

© Süddeutsche.de/dapd/leja/vs

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