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Raumfahrt:Teurer Traum

Thiele-Eich and Baumann pose for a picture after being announced by German Economy Minister Zypries as Germany's first female astronauts during a media event in Berlin

Insa Thiele-Eich, 35, wollte schon als Kind Astronautin werden. Das Interesse für den Weltraum liegt in der Familie, ihr Vater Gerhard Thiele verbrachte im Jahr 2000 elf Tage im All, an Bord der Raumfähre Endeavour.

(Foto: Fabrizio Bensch/Reuters)

Nach einem einjährigen Casting für die erste deutsche Astronautin sind zwei von 400 Frauen in der Finalrunde. Die Siegerin soll 2020 auf die Internationale Raumstation ISS fliegen - wenn das Geld dafür zusammenkommt.

Wenn von Finalistinnen die Rede ist, geht es in aller Regel um die Stimme, um Fohlenbeine und etwas, das heute gern als "personality" bezeichnet wird. Eine Jury aus Fernsehmenschen sitzt dann vor einer Reihe meist junger Frauen, taktische Pause, harter Blick, Tribunalatmosphäre: Du musst gehen, du darfst bleiben, du hast gewonnen. Am Ende weinen sie dann, alle.

Wenn an diesem Mittwoch von Finalistinnen die Rede ist, geht es zwar mehr um ISS und Raumfahrttechnik als um die Klum'sche Mädchen-Theorie. Die Castingshow-Assoziation ist trotzdem da. Ganz am Anfang, vor einem Jahr, da waren es 400 Frauen, die sich für den Wettbewerb "Die Astronautin" und damit für eine Mission auf der Internationalen Raumstation ISS beworben haben. Viele Persönlichkeitstests, medizinische Untersuchungen und Interviews später waren es 250. Dann 150, dann 90, dann 30, und nun stehen sechs Frauen vor der Jury in Berlin, die vorerst letzte Auswahlrunde wird live auf Facebook übertragen.

Die eine fliegt "Eurofighter", die andere ist Meteorologin und hat zwei Kinder

Kameras, eine Raketenattrappe, Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries ist da, alle sechs Frauen werden auf die Bühne gerufen (darunter eine Astrophysikerin, eine Raumfahrttechnikerin, eine Entwicklungsingenieurin), Gruppenbild, Tribunalatmosphäre. Kurz darauf wird ein Zettel hochgehalten, vier Bewerberinnen fliegen raus, heute keine Tränen, und Nicola Baumann und Insa Thiele-Eich haben - man kann es nicht anders sagen - gewonnen. Baumann, 31, fliegt in ihrem Alltagsberuf Eurofighter, Thiele-Eich ist 33, Meteorologin an der Universität Bonn und hat zwei Kinder.

Nach dem Casting ist vor dem Casting, das ist bei der Raumfahrt wie bei den Model-Macher-Shows. Ab Mitte des Jahres sollen beide mit Parabelflügen und Tauchtrainings beginnen, später soll in Russland und Houston trainiert werden. Das Unternehmen HE Space, ein Personaldienstleister für Luft- und Raumfahrtspezialisten, will Baumann und Thiele-Eich in einer privaten Initiative in den kommenden Jahren zu Astronautinnen ausbilden, alternativ zur traditionellen Ausbildung über die Europäische Weltraumorganisation. 2020 soll eine von ihnen, nämlich "Prime", losfliegen, die andere ist "Back-up".

Wer auch immer es in dieser allerallerletzten Castingrunde schafft, wird die erste deutsche Frau im Weltall sein. Elf deutsche Astronauten waren schon da, aber noch nie eine Astronautin. Von den etwa 550 Astronauten und Kosmonauten, die bislang ins All geschickt wurden, waren insgesamt nur rund 60 Frauen. Aus England, aus Frankreich, aus Italien, aber eben noch nie aus Deutschland. Am 16. Juni 1963 flog Walentina Tereschkowa aus der Sowjetunion als erste Frau in den Weltraum. Als 1982 in Swetlana Sawizkaja die zweite Frau hoch zu den Männern durfte, sagte Nasa-Berater Dick Richards laut Spiegel, dass Sex der einzige Grund für ihren Besuch bei den Kollegen sei.

Waren es solche Sprüche, war es die Statistik, die die Raumfahrtingenieurin Claudia Kessler auf die Idee brachten, eine Astronautin zu suchen? "Es war immer ein Lebenstraum von mir, selbst Raumfahrerin zu werden. Als dann das große Medienecho auf Alexander Gerst kam, dachte ich: Das kann eigentlich nur getoppt werden, wenn eine Frau Raumfahrerin wird."

Das mit dem Echo hat geklappt, ob das mit der "ersten Astronautin", wie es überall heißt, auch klappt, ist noch nicht so definitiv. Denn so eine Ausbildung, so ein Flug, das kostet. Bisher seien 27 000 Euro über Crowdfunding zusammengekommen. Fehlen noch 30 bis 50 Millionen Euro für den Rest der Ausbildung, und eben den Flug, dieses Fernziel. Die Initiative, die unter anderem vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und der Bundesregierung gefördert wird, ist auf Sponsoren angewiesen. Wie soll das gehen? Kessler sagt: "Ich bin überzeugt, dass das klappt. Es gibt in den USA eine Menge privater Projekte, die sich über Spenden und Sponsoren finanzieren und nicht über die staatlichen Agenturen." Vielleicht heißt auch deshalb: der Traum vom Fliegen.