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Rauchverbot? Niemals!:Das Zelebrieren der Entspannung

Jedes Jahr sterben Millionen von Menschen an den Folgen von Stress. Rauchen bedeutet zur Ruhe kommen. Und das muss auch in der Öffentlichkeit erlaubt sein.

Jürgen Schmieder

Tja, da steht man dann da. Mit einer Zigarette in der Hand. Allein. In der Kälte. Vor einem Restaurant in München. Zwanzig Meter weiter, vor einem anderen Gasthaus, steht auch einer. Ebenfalls mit Zigarette. Er friert auch. Man grüßt sich, denn man mag sich irgendwie.

Eine grausige Vision, wenn das Rauchen auch in deutschen Bars und Kneipen verboten würde. In New York und Turin spielen sich diese Szenen bereits ab: die Bars halb leer, weil alle draußen in der Kälte stehen, um ihrer Sucht nachzugeben. Mittlerweile gibt es schon "Smokers Parties" VOR den Kneipen im Big Apple. Und drinnen?

Da sitzen die nichtrauchenden Frischluftfanatiker und sprechen über Fitnesssalate und Cholesterinwerte. Über die Freiheit der Lunge, das Besiegen der Dämonen, den Frieden in der Welt. Gibt keine anderen Themen, die Raucher sind ja draußen.

Ab und zu schauen sie durchs Fenster, wo die Verachter des eigenen Körpers stehen wie Schaufesterpuppen des Grauens. Gehässig gucken sie auf den Frevler, der er sich trotz aller Ulrich Strunz und Jean Pütz dieser Welt immer noch erdreistet, sich eine Fluppe in den Mund zu stecken. Sie haben alle keine Ahnung.

Sie kennen das Gefühl nicht, in einer Bar zu sitzen: Ein kühles Pils, vielleicht ein trockener Cabernet Sauvignon, auch ein Bourbon auf Eis ist gut. Gute Freunde am Tisch, interessante Themen in der Luft. Drüben im Eck spielt jemand Snooker.

Und dann der Griff in die Tasche, wo eine kleine Schachtel der Pandora auf das Öffnen wartet. Das darf nicht schnell gehen, keine Panik! Der Moment soll ausgekostet werden, in dem man den kleinen Stengel zum ersten Mal durch die Finger gleiten lässt: Einmal das Papier glatt streifen, dann zweimal mit der Zigarette auf den Tisch klopfen - vorsichtig, um den Tabak gleichmäßig zu verteilen.

Dann, und jetzt ist jahrelange Übung gefragt, den Torpedo, der gleich die Lunge erschüttern wird, in den Fingern einmal um sich selbst kreisen lassen, ehe der Filter langsam zwischen die Lippen gleitet.

Es folgt das Anzünden: Kein Feuerzeug, das wäre Frevel. Ein Zippo muss es sein, mit persönlicher Gravur. Zur Not Streichhölzer. Erst ganz Gentleman sein und der Dame links Feuer anbieten - Höflichkeit stirbt nie aus, bei Rauchern ist sie besonders ausgeprägt. Dann aber volle Konzentration auf zehn Zentimeter Entspannung.

Wenn das Feuer zum ersten Mal den Tabak berührt, sich der Rauch erst den Weg durch die Zigarette bahnt, um schließlich im Mund zu landen. Dort verweilt er einen Augenblick und man ist für einen kurzen Augenblick in einer anderen Welt.

Erst beim Ausatmen nimmt man die Personen am Tisch wieder wahr. Aber viel entspannter. Man stößt an auf einen gelungenen Abend unter Freunden. Dort, wo es warm ist. Und Rauchen erlaubt ist.

Rauchen ist keine Sucht, es ist das Zelebrieren der Entspannung. Und das sollte überall erlaubt sein.

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