Nagerplage in Paris Stadt der Ratten

Im Zentrum von Paris kommen zehn Ratten auf jeden Einwohner. Die Stadt kommt mit der Bekämpfung nicht mehr nach, ein einziges Rattenpaar kann 5000 Nachfahren zeugen. Selbst vor dem Élysée-Palast machen die Nager nicht halt.

Von Stefan Ulrich

In Paris lässt es sich gut leben, finden jedenfalls die Ratten. Etwa sechs Millionen der pelzigen Tiere aus der Gruppe der Altweltmäuse sollen in den Abwasserkanälen, Kellern, Wohnungen und Speichern der Metropole hausen. Genaue Zahlen sind nicht zu bekommen, denn bislang hat noch keine Rattenvolkszählung stattgefunden. Die Zeitung Libération warnte jedoch 2010, in der gesamten Hauptstadtregion habe die Zahl der Ratten in den vergangenen fünf Jahren um 40 Prozent zugenommen. In den schäbigeren Arrondissements der Stadt kämen zehn Ratten auf jeden Einwohner. "Wir sind nicht in Dhaka, der Kapitale von Bangladesch, sondern mitten in Paris", wunderte sich die Zeitung.

Sechs Millionen Ratten sollen sich in den Pariser Abwässerkanälen, Kellern und Wohnungen tummeln. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn bislang hat noch keine "Rattenvolkszählung" stattgefunden.

(Foto: AP)

Derzeit treiben es die Ratten besonders bunt. So blieb der große, beliebte "Parc des Chanteraines" bei Paris vergangene Woche für das Publikum geschlossen, um den Tieren mit 700 Fallen nachzustellen. "Seit einigen Monaten wird eine exzessive Präsenz von Nagern festgestellt", warnen die Behörden. Allein bei der Einheit für Schädlingsbekämpfung der Pariser Polizeipräfektur gingen im vergangenen Jahr 2600 Beschwerden wegen Ratten und Mäusen ein. Dabei machen die Tiere weder vor dem Élysée-Palast noch vor vornehmen Wohnungen im 16. Arrondissement halt.

"Niemand wird verschont, weder die Luxushotels noch die Ministerien", sagte Frédéric Devanlay von der Schädlingsbekämpfungs- und Hygiene-Firma Avipur der Zeitung Parisien. Er gibt zu bedenken: "Ein einziges Rattenpaar kann innerhalb eines Jahres 5000 Nachfahren bekommen." Für die Spezialfirmen ist diese Fruchtbarkeit nicht unbedingt von Nachteil. Die Aufträge der Kunden nähmen seit Jahren zu, heißt es bei Avipur. Bei der Firma "SOS nuisibles" verweist man darauf, viele Pariser Häuser seien sehr alt und voller Risse, Löcher und doppelten Wänden, in denen die Tiere viele Verstecke finden.

Einige Entrattungs-Experten meinen, derzeit seien besonders viele der Nager zu sehen, weil der Winter hart gewesen sei. Die Ratten kröchen aus den Kanälen und suchten in den Häusern Wärme und Geborgenheit. Andere sagen, die vielen Bauprojekte in Paris - etwa die Modernisierung des Stadtbahnhofs Saint-Lazare - schreckten die Nager auf. Zudem ist die Bekämpfung schwierig. Ratten sind schlau und fallen nicht unbedingt sofort auf die Tricks der Menschen herein. So schicken die Ratten alte und kranke Tiere vor, um Speisereste zu kosten. Sind diese vergiftet, und die Tester verenden schnell, dann rühren die anderen Ratten die Köder nicht mehr an. Die Kammerjäger verwenden deswegen lieber langsam wirkende Gifte. Dagegen werden die Ratten jedoch oft schnell immun. Zudem verbieten die Umweltgesetze den Einsatz mancher hochwirksamer Chemikalien.

Fallen, Gifte, Entrattungs-Aktionen - die bis zu einem Pfund schweren Nager werden in Paris als Feinde behandelt. In der ganzen westlichen Kultur gelten sie, im Gegensatz zum Osten, als verschlagen und gefährlich, da sie Krankheiten wie die Pest verbreiten können, die Ernte der Bauern fressen, Wasserleitungen annagen und Stromkabel durchbeißen. Für jeden vierten Brand in Paris seien Ratten verantwortlich, behauptet der Parisien.

Dabei können Ratten durchaus nützlich sein. In der Pariser Unterwelt sind sie gern gesehene Bewohner. Sie fräßen verstopfte Abwasserrohre frei und dienten den Kanalarbeitern als Frühwarnsystem bei Gaslecks und Überschwemmungen, loben die Experten des "Musée des Egouts de Paris", des Pariser Kanalisations-Museums, bei ihren Führungen durch das unterirdische Abwassersystem. Auch die Polizeipräfektur möchte die Ratten nicht wirklich ausrotten. Sie sollen nur unter der Erde bleiben und nicht, wie unlängst geschehen, die Besucher eines feinen Restaurants an den Champs-Élysées verschrecken.

Die feinsinnigen Ratten passen eigentlich gut zur Spitzenküche. Das suggeriert jedenfalls der Kultfilm "Ratatouille" aus dem Jahr 2007. Darin erobert die romantische Wanderratte Rémy, allen Vorurteilen zum Trotz, die Pariser Gourmet-Welt. Am Ende schmachtet sogar der schreckenerregende Großkritiker Ego nach Rémys Gerichten. Der Welterfolg des Films verbesserte das Image der französischen Ratte zunächst beträchtlich. Die Zoohandlungen meldeten signifikant steigende Verkäufe. Bei Kleintiermessen wurde das clevere Tier mit der spitzen Schnauze und den dunklen Knopfaugen zum Star.

Mittlerweile scheint der kurze Ruhm der Ratte zu verblassen. Die Pariser finden, nicht jede Nager sei so nett wie Rémy. Uralte Ängste quellen aus Rinnsteinen und Kellerschächten - die Ratte als Vorbote von Katastrophen. "Am Morgen des 16. April trat der Arzt Bernard Rieux aus seiner Wohnung und stolperte mitten auf dem Flur über eine tote Ratte", heißt es zu Beginn von Albert Camus' berühmtem Roman "Die Pest". Die meisten Franzosen haben das Buch in der Schule gelesen. Das tut dem Ruf der Ratte auch nicht gut. In wenigen Wochen will die Polizeipräfektur Paris wieder zu einer großen Rattenjagd blasen.