Raser in Berlin:Mein Audi, mein Kind

Aufräumarbeiten nach illegalen Autorennen

Spuren der Raserei: der Unfallort in Berlin nach dem Rennen von H. und N.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Im Mordprozess gegen zwei Raser legt eine Psychologin ein Gutachten vor, das zeigt: Menschen wie der Angeklagte führen eine Art Beziehung mit ihren Autos - mit tödlichen Folgen.

Von Verena Mayer, Berlin

Sein Spitzname war "Der Transporter", nach der Filmreihe, in der ein Actionheld in einem Audi durch Schaufensterscheiben rast, gegen Hydranten und über Rampen auf einem Flugfeld. Hamdi H. hatte einen Audi A 6 Quattro, und auch er jagte damit durch die Gegend, meistens über den Berliner Kurfürstendamm. Nur dass er sein Auto nicht unter Kontrolle hatte wie der Mann aus dem Film.

Anfang Februar vergangenen Jahres stand er an der Ampel neben einem Mercedes CLA 45 AMG. Beide Fahrer gaben Gas, wahrscheinlich, um sich ein sogenanntes Stechen zu liefern, ein illegales Rennen. Sie fuhren erst in eine Kurve und dann über eine rote Ampel, wobei der Audi von Hamdi H. mit 160 Kilometern pro Stunde den Jeep eines Rentners rammte. Der alte Mann war sofort tot, Zeugen beschrieben den Unfallort später als "Schlachtfeld".

Das Auto als Mordwaffe

Seit Herbst wird Hamdi H. und dem Mercedes-Fahrer Marvin N., 27 und 25 Jahre alt, in Berlin der Prozess gemacht. Den beiden wird Mord vorgeworfen, ihnen droht lebenslange Haft. Sie hätten allein dadurch, dass sie mit hoher Geschwindigkeit auf einer belebten Straße unterwegs waren, den Tod eines Menschen billigend in Kauf genommen, so der Staatsanwaltschaft. Seiner Ansicht nach war dies eine Tat mit gemeingefährlichen Mitteln, das Auto als Mordwaffe.

Der Berliner Prozess wird bundesweit aufmerksam verfolgt, denn er fällt mit zahlreichen Versuchen zusammen, die Raserszene einzudämmen, mit der viele Städte zu kämpfen haben. So verabschiedete der Bundesrat im Herbst einen Gesetzesentwurf, wonach schon mit Haft bestraft werden kann, wer an einem illegalen Rennen teilnimmt. Der Bundesverkehrsminister kann sich ebenfalls vorstellen, tödliche Unfälle strenger zu bestrafen, an denen Raser schuld sind. Und Anfang Januar hat der Bundesgerichtshof eine mehrjährige Haftstrafe für einen Kölner Autoraser bestätigt. Der war 2015 mit 109 Kilometern pro Stunde in einem gemieteten Sportwagen durch die Kölner Innenstadt gerast und hatte dabei einen Radfahrer erfasst, der kurz darauf im Krankenhaus starb.

Aber wusste Hamdi H. überhaupt, was er tat? Oder überschätzte er sich, als er losraste, sodass ihm mögliche Folgen nicht bewusst waren? Fragen, die darüber entscheiden können, ob eine Tat ein Mord ist oder nicht. Am Donnerstag hat die Verkehrsexpertin Jacqueline Bächli-Biétry vor dem Berliner Landgericht dazu ein Gutachten abgegeben. Sie ist Verkehrspsychologin aus Zürich und hat schon viele Autoraser begutachtet.

Jung, männlich, keine Perspektive

Hamdi H. sei ein typischer Vertreter der Raserszene, sagte die Gutachterin. Jung, männlich, geringes Selbstwertgefühl, keine Perspektive. H., der als Jugendlicher aus Kosovo geflohen ist, machte den Hauptschulabschluss, eine Lehre zum Kfz-Mechatroniker brach er ab. Aber er hatte seinen Audi. Der habe für ihn einen Stellenwert gehabt, den sich niemand vorstellen könne, der ein Auto nur als Transportmittel nützt, so Bächli-Biétry. "Das war wie eine Beziehung von einer Mutter zum Kind."

Das Auto und der Vergleich mit anderen Fahrern ersetzten H. die Anerkennung, die er im Leben nicht bekam. Bis zu 50 000 Kilometer fuhr er im Jahr, Regeln spielten für ihn keine Rolle, mögliche Folgen habe er verdrängt, so die Expertin. Sie spricht von "extremer krimineller Energie".

In ihrem Gutachten wird allerdings deutlich, dass es in seinem Fall wohl schon gereicht hätte, die Gesetze, die es bereits gibt, anzuwenden. 22 Mal ist Hamdi H. wegen Verkehrsdelikten auffällig geworden, darunter waren schwere Unfälle mit Verletzten, einmal hatte er eine Radfahrerin übersehen. Doch Hamdi H. durfte immer weiterfahren - er erhielt lediglich ein Mal einen Monat und ein Mal vier Monate Fahrverbot. Das sei schon sehr ungewöhnlich, sagt die Gutachterin, "in der Schweiz braucht es weit weniger, damit man durch die Mühle gedreht wird". Diese Folgenlosigkeit habe H. dann noch in seinem Tun bestärkt. Hamdi H. raste weiter, lieferte sich Rennen, ließ sich von Freunden als "Der Transporter" feiern. "Ich habe noch nie jemanden so fahren gesehen", sagte eine Zeugin.

Wie Hamdi H. reagiert habe, als er im Krankenhaus erfuhr, dass durch ihn auf dem Kurfürstendamm ein Mensch zu Tode gekommen sei, will der Richter von einem Bekannten von H. wissen. Der muss nicht lange überlegen. "Er fragte als Erstes, ob er wohl seinen Führerschein wieder zurückbekommen wird."

© SZ vom 27.01.2017/jana
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB