bedeckt München 14°

Dem Geheimnis auf der Spur:Irrlicht oder Ufo

Seltsame Lichter im Wald haben die Menschen schon immer fasziniert.

(Foto: Imago)

Wurde der junge Johann Wolfgang Goethe Zeuge einer Nahbegegnung der ersten Art - oder hat er gar ein unbekanntes Flugobjekt gesichtet?

Von Rudolf von Bitter

Wenn Johann Wolfgang Goethe von einem Naturphänomen erzählt, das er sich nicht erklären konnte, ist das Grund genug, sich dem zuzuwenden. Eine Schilderung aus dem Anfang seiner Studentenzeit ist so rätselhaft, dass sie nicht nur Ufologen inspiriert hat.

Bild.de berichtet am 30. Januar 2016 von einem "merkwürdigen Abschnitt" in "Dichtung und Wahrheit". Der 16-jährige angehende Jurastudent ist im Herbst 1765 auf der Reise nach Leipzig, wo schon sein Vater studiert hatte.

Was er in seinen Erinnerungen festhält, konnte Bild.de auch 2016 noch nicht erklären: "... ein anhaltender Regen hatte die Wege äußerst verdorben, welche überhaupt noch nicht in den guten Stand gesetzt waren, in welchem wir sie nachmals finden; und unsere Reise war daher weder angenehm noch glücklich. Doch verdankte ich dieser feuchten Witterung den Anblick eines Naturphänomens, das wohl höchst selten sein mag; denn ich habe nichts Ähnliches jemals wieder gesehen, noch auch von anderen, dass sie es gewahrt hätten, vernommen. Wir fuhren nämlich zwischen Hanau und Gelnhausen bei Nachtzeit eine Anhöhe hinauf, und wollten, ob es gleich finster war, doch lieber zu Fuße gehen, als uns der Gefahr und Beschwerlichkeit dieser Wegstrecke aussetzen. Auf einmal sah ich an der rechten Seite des Wegs, in einer Tiefe, eine Art von wundersam erleuchtetem Amphitheater. Es blinkten nämlich in einem trichterförmigen Raum unzählige Lichtchen stufenweise über einander, und leuchteten so lebhaft, dass das Auge davon geblendet wurde.

Was aber den Blick noch mehr verwirrte, war, dass sie nicht etwa still saßen, sondern hin und wider hüpften, sowohl von oben nach unten, als umgekehrt und nach allen Seiten. Die meisten jedoch blieben ruhig und flimmerten fort. Nur höchst ungern ließ ich mich von diesem Schauspiel abrufen, das ich genauer zu beobachten gewünscht hätte. Auf Befragen wollte der Postillon zwar von einer solchen Erscheinung nichts wissen, sagte aber, dass in der Nähe sich ein alter Steinbruch befindet, dessen mittlere Vertiefung mit Wasser angefüllt sei. Ob dieses nun ein Pandämonium von Irrlichtern oder eine Gesellschaft von leuchtenden Geschöpfen gewesen, will ich nicht entscheiden."

Dass es ein nachhaltiger Eindruck gewesen ist, bezeugt die Tatsache, dass Goethe in seinem Werk auf dieses Phänomen eingegangen ist: Zu Beginn der Walpurgisnacht fordert Mephistopheles ein Irrlicht auf, ihm und Faust den Weg zu leuchten, und in "Das Märchen" machen sich zwei Irrlichter einen Spaß, erst eine Schlange zum Leuchten zu bringen und am Ende Goldstücke unter die Leute zu werfen, woran diese ihre Freude haben.

Lichtphänomene, die über das Menschenmögliche hinausgehen, hat es schon früher gegeben. Der Prophet Hesekiel schreibt: "... und siehe, es kam ein ungestümer Wind von Mitternacht her mit einer großen Wolke voll Feuer, das allenthalben umher glänzte; und mitten in dem Feuer war es lichthell. Und darin war es gestaltet wie vier Tiere, und dieselben waren anzusehen wie Menschen."

Im 2. Buch Mose heißt es: "Und der Herr zog vor ihnen her, des Tages in einer Wolkensäule, dass er sie den rechten Weg führte, und des Nachts in einer Feuersäule, dass er ihnen leuchtete, zu reisen Tag und Nacht."

Warum haben Goethes Mitreisende nichts von dem Spektakel bemerkt?

Gegen die Interpretation von Goethes Lichterlebnis als einer Nahbegegnung gibt es Widerstand vonseiten der Ufo-Kritikergemeinde und der Ufo-Skeptiker, und das mit einer prosaischen Erklärung: Es seien lüsterne Leuchtkäfer gewesen, wobei die Weibchen bequemerweise am Platze bleiben und die Männchen sie umschwärmen. Aber laut Bild.de "paaren sich Leuchtkäfer und Glühwürmchen im Hochsommer und nicht im Herbst".

Außerdem scheinen Goethes Mitreisende nichts davon bemerkt zu haben. Einigermaßen romantisch ist die Deutung, es könne sich um ein interdimensionales oder paranormales Ereignis gehandelt haben, wo also etwas herüberscheint aus einer außersinnlich wahrnehmbaren Parallelwelt.

Der Mathematiker und Astrophysiker Jacques Vallée dachte in diese Richtung und deutete Goethes Schilderung im Sinn seiner Theorie, dass Ufo-Erscheinungen nicht unbedingt einen außerirdischen Hintergrund haben müssen.

Der französische Ufo-Forscher Patrick Gross belehrt im Internet über Unterschiede zwischen Ufo, Fee und Geist, und beobachtet, wie Goethes Erscheinung bei dem belgischen Chemiker und Ufologen Jacques Scornaux und seiner Mitautorin Christiane Piens zu einem oder mehreren Flugobjekten umgedeutet ("saucerized") wird. Außerdem sehe es so aus, als wisse Vallée gar nicht, was er überhaupt dazu denken soll.

Goethe habe dazu geneigt, die Natur als wundervoll zu schildern, ein Amphitheater sei kein Ufo, Goethe habe die Gegend gar nicht gekannt, und der Postillon habe ja schon gesagt, das sei ein Steinbruch. Also tippt auch er auf die Glühwürmchen.

Interstellarer Austausch und präastronautische Begegnungen, Ufos als soziopsychologische Phänomene, Elmsfeuer in herbstlicher Gewitterstimmung oder aktive Glühwürmchen mögen das eine sein, Goethe denkt wie seine aufgeklärten bundesdeutschen Herausgeber eher an Sumpfgas: "Von dem Sumpfe kommen wir, woraus wir erst entstanden", sagen seine Irrlichter selbst.

Das Irrlicht als solches wird in der Goethe-Ausgabe von Albrecht Schöne als "ein in Sumpfgebieten und Mooren dicht über dem Boden schwebendes Flämmchen" erklärt, als eine naturwissenschaftlich ungeklärte Selbstentzündung von Sumpfgas, was aber heute, so in der Trunz'schen Ausgabe, "infolge der Trockenlegung und Kultivierung der Landschaft nicht mehr" vorkomme.

Hand aufs Herz - wäre es nicht fabelhaft, wenn Goethe schon Ufos gesichtet hätte, nur kurz bevor die Brüder Montgolfier auf die Idee kamen, Ballone aufsteigen zu lassen? Dass er sich in Leipzig im Gebäudekomplex der "Feuerkugel" einquartierte, wirft weitere Fragen auf.

© SZ/chrm
Zur SZ-Startseite
Friedrich II. König von Preussen Der alte Fritz Repro: Oliver Das Gupta

Friedrich der Große
:Der schwule Fritz

Friedrich II. vertraute seinem Kammerdiener Fredersdorf blind bei Geld, Spionen und Hämorrhoidenleiden. Der Briefwechsel zeigt den Preußen-König ohne Legende - dafür voller Liebe.

Oliver Das Gupta

Lesen Sie mehr zum Thema