Radikalisierung:Auf dem Lehrplan: Analyse von Propagandavideos

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Die Anwerbung findet mal übers Netz statt, mal von Angesicht zu Angesicht. Das Schema ist fast immer identisch. Es beginne meist harmlos, sagt Thomas Mücke, Gründer des "Violence Prevention Networks". Jugendliche werden von Einzelpersonen oder Gruppen angesprochen. Man freundet sich an, der Neuling findet Geborgenheit in der Gruppe, findet Leute, mit denen er sprechen kann, die für ihn da sind. Dann beginnt die Gehirnwäsche. Die neuen "Freunde" fangen an, den Jugendlichen in den Islam einzuführen - oder in das, was sie für den Islam halten.

Sobald der Jugendliche tief genug in der neuen Gedankenwelt verstrickt ist, kommt der nächste Schritt. "Wie kannst du hier in diesem Land bleiben? Wie kannst du abends unter deiner warmen Decke schlafen, während anderswo Glaubensbrüder angegriffen, muslimische Frauen vergewaltigt und Kinder getötet werden", gibt Mücke die typischen Sätze wieder, mit denen radikalisierte Jugendliche nach Syrien getrieben werden.

Mehr als 700 Personen sind in den vergangenen Jahren von Deutschland aus nach Syrien und in den Irak gereist, um sich dschihadistischen Kampfgruppen anzuschließen. Dort geht die Gehirnwäsche weiter. "Den Leuten wird das eigenständige Denken abtrainiert, es gibt eine streng vorgegebene Sichtweise für jeden Aspekt des Lebens", sagt Mücke.

Bei den Rückkehrern unterscheiden die Experten zwischen denen, die mit tiefem Hass auf die deutsche Gesellschaft nach Syrien gegangen sind und diesen Hass auch wieder mit zurückbringen. Und den anderen, die sich verirrt haben, die in Syrien oft einen Realitätsschock erlitten haben und tief verunsichert zu ihren Familien zurückkehren. Mit beiden Gruppen versucht Thomas Mücke zu arbeiten. Das wichtigste sei, sagt er, dass die Jugendlichen Vertrauen aufbauen zu den Mitarbeitern der Organisation, zu ihren Eltern, zum sozialen Umfeld, in das sie sich wieder integrieren sollen. Und: "Sie müssen lernen, wieder selbst zu denken." Dann würden manche von alleine anfangen, das Weltbild der Islamisten in Frage zu stellen.

Anwerbeversuche erkennen lernen

Die Radikalisierung geht oft schnell, die Deradikalisierung dagegen ist ein langwieriger Prozess, der in vielen Fällen überflüssig wäre, wenn es flächendeckende Präventionsmaßnahmen gäbe. Denn ausreichend vorgesorgt wird auch in Deutschland noch nicht. 100 junge Männer und Frauen hat allein das "Violence Prevention Network" in den vergangenen 16 Monaten direkt beraten. Die Islamistenszene wächst, während die Beratungsangebote sich noch im Ausbau befinden und sich bislang auf soziale Brennpunkte konzentrieren.

Ahmad Mansour und Thomas Mücke sind mit ihren Organisationen nicht nur Ansprechpartner für radikalisierte Jugendliche und verunsicherte Eltern. Sie klären auch in Schulen über den Islam auf. Sie sprechen mit Schulklassen über Religionen, Menschenrechte und die Würde des Menschen. "Wir schauen mit Schülern auch Propagandavideos", sagt Thomas Mücke. Dann werde Schritt für Schritt analysiert, mit welchen Mitteln die Extremisten arbeiten, um junge Leute in ihren Bann zu ziehen.

"Wir müssen die Jugendlichen für das Thema sensibilisieren, damit sie merken, wenn jemand versucht, sie auf seine Seite zu ziehen", sagt Mücke. Denn nur wer einen Anwerbeversuch erkennt, kann sich auch dagegen wehren.

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