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Quentin Tarantino:Es ist uncool, immer cool zu sein

Warum der Regisseur des Kultstreifens "Pulp fiction" macht in seinem neuen Film "Kill Bill" halbe Sachen macht.

Das Schwert ist die wichtigste Requisite in diesem Film. So eine Art Maskottchen. "Kill Bill", Quentin Tarantinos großer Coup, haut alles kurz und klein.

Uma Thurman als Braut in "Kill Bill".

(Foto: Foto: Miramax)

Erst ging im Schneideraum, weil Tarantino nicht mehr kürzen wollte, der ganze Film entzwei, weshalb an diesem Donnerstag nur die ersten anderthalb Stunden ins Kino kommen, das "Volume 1".

Der Zuschauerseele widerfährt, wenn man endlich drin sitzt in diesem sechs Jahre lang erwarteten Opus, Ähnliches: Ein Hieb von Uma Thurman, und man hockt als gespaltene Persönlichkeit auf dem Kinositz.

Der eine Teil balanciert auf dem Rand des Sessels, reckt den Hals zur Leinwand und krallt sich an den Armlehnen fest vor Faszination. Der andere hat die Beine übereinander geschlagen, sich im Sessel zurückgelehnt und raunt ins Halbdunkel: Werd' endlich erwachsen.

Tarantino sät gern Zwietracht, insofern ist die gespaltene Reaktion Teil des Spiels. Actionkino in seiner reinsten Form hat Tarantino machen wollen, und das ist ihm gelungen.

Der Film beginnt in qualvoller Ruhe, man sieht das zerschlagene Gesicht der schwangeren Braut, Uma Thurman, die in die Mündung des Revolvers schaut, der sie töten soll.

Sie überlebt, wacht nach vier Jahren aus dem Koma auf und beginnt dann, Kapitel für Kapitel, das Killerkonsortium niederzumetzeln, für das sie einst gearbeitet hat - und das sie schließlich selbst erledigen wollte.

Die Braut macht sich auf nach Japan und verhackstückt dort jede Gegnerin, die sich ihr und ihrem handgefertigten Schwert in den Weg stellt.

Tarantino hat das wie im Geschwindigkeitsrausch inszeniert, als wilden Tanz, mittendrin bricht der Film in eine Animations-Sequenz aus, im Stil des japanischen Manga gezeichnet.

Ein großartiges Spektakel - was die Technik angeht, hat Tarantino einiges dazugelernt -, in dem einem die Bilder, schöne und grauenhafte und faszinierende, um die Ohren fliegen, als säße man in einer Achterbahn.

Ein furioses Blutbad, an dessen vorläufigem Ende man nicht weiß, wo oben und unten ist.

Männer sind hier - bis auf Bill, den man nie sieht - Randfiguren, Futter für Umas Schwert. Man sollte, die Erfahrung macht schon der Krankenpfleger, der die Braut im Koma missbraucht hat, sich in Acht nehmen vor dieser Frau.

Ein feministisches Statement, hat Tarantino gesagt. Das ist auch wieder etwas, worüber man geteilter Meinung sein kann: Ist das ein niedlicher Gag, oder sollte irgendwer ihn drauf hinweisen, dass kleine Jungs keine Worte in den Mund nehmen sollen, die sie nicht verstehen?

"Kill Bill" ist einerseits grandios und bleibt andererseits hinter den Erwartungen zurück, zeugt von einer unendlichen, ansteckenden Lust am Kino und geht einem irgendwann in seiner pubertären Zitierwut auf die Nerven.

Gleichzeitig ist der Film eine Weiterentwicklung dessen, was Tarantino bisher gemacht hat, und das Dokument eines Rückfalls in ein Stadium des Filmemachens, über das die Wärme, mit der er Pam Grier in "Jackie Brown" inszeniert hat, schon hinaus war.

Wenn er die je wiederfindet, über die distanzierte Verehrung für seine Muse Uma Thurman hinauswächst und ihr mit mehr Tiefe begegnet, wird er ein richtig großer Geschichtenerzähler.

Es ist uncool, immer nur cool zu sein, aber Rache, heißt es zu Beginn von "Kill Bill", ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert.

Tarantino legt viel Wert darauf, dass "Kill Bill" nicht auf diesem Planeten spielt, nichts zu tun hat mit realer Gewalt, und tatsächlich bleibt der Film immer surreal, von der Ästhetik bis zu Uma Thurman, die mit ihrem Schwert an Bord eines Passagierflugzeugs sitzt und in einen knallorangefarbigen Sonnenuntergang fliegt.

Mit seiner Blutrünstigkeit hat er dennoch für Ärger gesorgt, bevor irgendjemand den Film gesehen hatte. Der expliziten Gewaltdarstellung kann man aber eher vorwerfen, dass die abgeschlagenen Extremitäten in der Masse langweilen.

Tarantino hat soviel Kunstblut verspritzt, dass den Kämpfen die Luft ausgeht: Overkill Bill. Ob er den Film auf eine verwertbare Länge hätte kürzen können? Genaues wird man erst wissen, wenn "Vol. 2" zu sehen ist, aber im Prinzip lautet die Antwort: Aber klar doch.

Ihm die Deutlichkeit seiner Darstellung um die Ohren zu hauen, ist aber nicht sehr logisch - implizierte Gewalt kann wesentlich schrecklicher sein als dieses Blutbad.

Wie sich Quentin Tarantinos Gewaltdarstellung zur großen Kunst des Horrors, der im Kopf entsteht, verhält, ist keine Frage - Romuald Karmakars "Totmacher", der die grausige Geschichte eines Serienmörders als Kammerspiel im Verhörraum erzählt, ist auf seine Art klüger und kunstvoller - er spielt aber in einem anderen Universum.

Tarantino hat mit voller Absicht reines Unterhaltungs-Action-Kino gedreht, interessanter ist also, wie "Kill Bill" in diesem Genre sich verhält. Im Action-Kino geht es um dieselbe Sehnsucht nach dem Adrenalinstoß, die Menschen Achterbahn fahren lässt, und in diesen Filmen werden die - oft sinnentleerten - Brutalitäten gern genau so geschnitten und gefilmt, dass sie die Altersfreigaben unterlaufen: Als wäre man unschuldig, wenn man sich nicht hat erwischen lassen.

Tarantino hat sich für die ehrlichere Art entschieden, ein Gemetzel zu inszenieren. Sein Film ist ab 18 Jahren freigegeben, und auf nichts anderes hat er je spekuliert. Das ist mehr, als man von der Hälfte dessen behaupten kann, was in jeder Videothek über den Ladentisch geht.

Es hat besonders viel Aufhebens gegeben um eine Szene, in der die Braut eine Gegnerin vor den Augen ihrer kleinen Tochter ermordet. Die Braut ist sich bewusst, dass sie dafür wird bezahlen müssen, und die Szene ist ein gutes Beispiel für einen Augenblick, der nicht für sich steht, Teil eines größeren Themas ist.

Am Ende ist "Kill Bill" vielleicht doch von dieser Welt, und selbst ohne "Vol. 2" lässt er sich, in seinen besten Momenten, nicht abtun als Storytelling ohne Story, lose Abfolge von Szenen, die nicht zu einer Geschichte finden.

Dann ahnt man, wie sich dahinter ein Bild zusammensetzt aus unendlich vielen Details und Assoziationen, eine Geschichte entsteht aus einem Universum von tausend Filmen und den Emotionen, die sie wecken. Die Lust am Adrenalinrausch ist nur eine davon.

© KILL BILL, VOL. 1 - Regie, Buch: Quentin Tarantino. Kamera: Robert Richardson. Musik: RZA. Mit: Uma Thurman, Lucy Liu, Daryl Hannah, Vivica A. Fox, David Carradine, Michael Madsen. Buena Vista, 95 Minuten.
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