Kurzfristige Entscheidungen:Ich weiß noch nicht

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Kurzfristige Entscheidungen: Collage: SZ

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Österreichs Hüttenwirte schlagen Alarm: Immer mehr Gäste reservieren, erscheinen dann aber nicht. Aus diesem Anlass ein Plädoyer für mehr Verlässlichkeit.

Von Martin Zips

Niemand hat dieses Phänomen bisher besser auf den Punkt gebracht als Rainer Schlattinger, der bislang viel zu wenig beachtete Geschäftsführer des Alpenvereins Vorarlberg. Schlattinger sprach gerade im Österreichischen Rundfunk vom "Bröckeln eines Wertesystems".

Und tatsächlich: Wer wüsste es besser als er?

Jetzt, wo Übernachtungsplätze in Berghütten, nicht nur den Vorarlbergern, wieder ungeheuer gefragt sind, kann man laut Schlattinger nämlich beobachten, dass Wanderer für ein und denselben Tag gleich mehrere Schlafplätze reservieren. Warum? Damit sie auf diese moralisch zweifelhafte Weise eine größere Wahlfreiheit haben bei ihrem schönen Mai-Ausflug. Je nach Kondition, Lust, Laune und Weißbier-Konsum entscheiden die Bergfreunde dann nämlich spontan, ob sie entweder gleich auf der ersten Hütte bleiben oder doch lieber noch in ein anderes Schlaflager weiterziehen.

Also ungefähr so wie beim Würfelspiel "Kniffel", wo man sich ja auch das ein oder andere Feld möglichst lange offen hält, um nur den Fünferpasch nicht zu verpassen.

Stornierungsgrund: ein Wölkchen am Himmel

Oft, so Alpenvereinsfunktionär Schlattinger, buchten die Gäste gar unter falschem Namen, um etwaigen Stornokosten zu entgehen. Auch der Wirt der an der österreichisch-schweizerischen Grenze gelegenen Tilisunahütte im Montafon, Markus Jankowitsch, klagte dieser Tage im Radio, es sei zu einer schrecklichen Unart geworden, dass Wanderer immer nur auf Schönwetter-Verdacht reservierten. Seine Erfahrung lehre: Schon eine einzige Wolke am Himmel trete eine wahre "Stornowelle" los.

Tatsächlich ziehen nicht nur im Montafon immer wieder Wolken auf. Der bereits von Psychoanalytiker Erich Fromm thematisierte Grundkonflikt zwischen idealistischer und materialistischer Weltanschauung scheint in den zurückliegenden Jahren doch sehr in die materialistische Ecke gekippt zu sein. Denn die Frage, die den modernen Menschen bewegt, lautet meist: "Welchen Vorteil habe vor allem ich?" Da ist einem dann womöglich auch das frisch bezogene Bett auf der Tilisunahütte schon wieder wurscht. Zumindest, wenn gerade eine Wolke heranzieht.

Das vom Alpenverein Vorarlberg damit klug beobachtete und glücklicherweise zum Thema gemachte "Bröckeln des Wertesystems" beschreibt also ein weit über Kaiserschmarrn und Almdudler hinausreichendes gesamtgesellschaftliches Phänomen.

So verglich gerade der Luxemburger Außenminister Jean Asselborn in einem Interview mit dem ZDF das Verhalten des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan in der Frage der Nato-Mitgliedschaft von Finnland und Schweden mit dem eines Händlers auf einem Basar. So wie dieser schaue auch Erdoğan - und zwar bis zum letzten Moment -, wie er das Beste für sich (als Staatspräsident würde er natürlich sagen: "für mein Land") herausholen kann. Ganz ähnlich wie ein Wanderer im Vormerkungstaumel.

Das Ehrenwort ist spätestens seit Helmut Kohl auch nicht mehr das, was es mal war

Unterstützt wird diese Haltung, um zum Vorarlberger Bergtourismus zurückzukehren, durch Hotelreservierungsportale, welche dem Gast mit kurzfristigen und natürlich kostenfreien Stornierungsangeboten den Eindruck vermitteln, er sei ja ohnehin immer im Recht. "No show", wie das Nicht-Erscheinen eines zuvor Angemeldeten in der touristischen Fachsprache heißt, müsste demnach also heißen: No problem.

Allerdings zeigte bereits der Philosoph Arthur Schopenhauer, dass in einer nur noch auf persönliche Wahlfreiheit ausgerichteten Welt, in der höchstens noch ein "Ehrenwort" als wirklich verbindlich angesehen wird, beim ein oder anderen im Umkehrschluss dann doch den Eindruck vermitteln könnte, "dass jedes andere Wort gebrochen werden darf". (Im Übrigen: Auch das Ehrenwort ist spätestens seit Helmut Kohls Parteispendenaffäre und Uwe Barschels Pressekonferenz zum Thema Bespitzelung längst nicht mehr das, was es vielleicht mal war.)

Und so wird das Leben insgesamt immer unverbindlicher. Seit einigen Jahren macht beispielsweise das Wort vom "Mingle" die Runde, ein Kompositum aus "mixed" und "single", auch "friend with benefit" genannt. Wenn man Lust hat, holt man sich so einen Mingle zu sich nach Hause. Wenn nicht, dann eben nicht. Hauptsache, es geht einem damit selber gut.

Sogar unter sogenannten Freunden heißt es ja manchmal: "Hey, lass uns mal wieder treffen!" Aber dann, höchstens eine Stunde vor dem vereinbarten Termin, wird einem - meist per Gruppenchat - halt doch wieder abgesagt. Mal dient das Wetter als Begründung, mal die persönliche Befindlichkeit. Da sitzt man dann so verloren da wie Estragon und Wladimir in Samuel Becketts absurdem Theaterstück "Warten auf Godot". Bestellt, aber nicht abgeholt.

Tatsächlich: Wohlstand und Digitalisierung gestatten es uns, immer spontaner zu agieren. Warum sollten wir also nicht davon Gebrauch machen? Die Verlockungen sind riesig, Alternativen gibt es unendlich viele - was zählt da noch eine längst getroffene Vereinbarung? Und notfalls kann man natürlich ghosten. Also nicht antworten. Zum Beispiel, wenn der Hüttenwirt mal kurz per Mail nachfragt, wo man denn so geblieben ist, nach der Online-Pränotation.

Allzu viel Unverlässlichkeit kann eine "posttraumatische Verbitterungsstörung" auslösen

Langfristig könnte dieses Verhalten allerdings - so war auch jüngst in der Fachzeitschrift Psychologie Heute zu lesen - zu einer "posttraumatischen Verbitterungsstörung" nicht nur unter Hüttenwirten führen. Durchaus möglich, dass immer mehr Menschen betroffen sind von der "reaktiven psychischen Störung infolge des Erlebens von Ungerechtigkeit, Herabwürdigung oder eines Vertrauensbruchs". Die Folgen: "quälende Verbitterungsgefühle, Aggressionsfantasien, schlechte Stimmung, Rückzug aus Sozialbeziehungen und Einengung des Lebens".

Ist uns die persönliche Freiheit des Einzelnen das tatsächlich wert? Muss das mit den vorgetäuschten Reservierungen (nicht nur) auf der Tilisunahütte denn wirklich sein? Und sind wir letztlich nicht alle Hüttenwirte, die immer wieder von anderen überaus schmerzhaft im Stich gelassen werden?

Sicher: Wer sitzen gelassen wird, der kann sich immer noch mit Arthur Schnitzler trösten, in dessen Ehekomödie "Zwischenspiel" es heißt: "Wer keine Verpflichtungen hat, für den gibt es auch nichts mehr zu fürchten."

So gesehen ist jedes "No show" ein Gewinn für die Freiheit, die ja, wie es im Lied eines Maxl Graf heißt, vor allem auf den Bergen wohnt. Nett ist das alles aber trotzdem nicht.

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