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Prozessauftakt:Sergej W. soll mit sich und der Welt gehadert haben

Möglicherweise meint Heydenreich Sätze aus einem elektronischen Tagebuch, die der Angeklagte über viele Wochen geschrieben haben soll. Darin soll er mit sich und der Welt gehadert haben. Er habe nichts, so schrieb er offenbar, wofür es sich zu leben lohne. Schon in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim, wo er zunächst saß, hatte ihn der Anstaltsleiter auf Suizidgefährdung untersuchen lassen. Ist das der habgierige, zielgerichtete Proll, der mal eben 28 Menschen für seinen Profit opfert?

Auch das muss dieser Prozess klären. Die Vorgehensweise des Angeklagten ist bis ins Kleinste ermittelt worden: Wann und wie er Bankkonten einrichtete, wie er sich darauf die Kreditsummen überweisen ließ. Wie er die Komponenten für die Bomben kaufte, weit weg von seinem Heimatort, im 160 Kilometer entfernten Mannheim. Wie er das Zimmer in dem Hotel anmietete, wo sich auch die BVB-Spieler aufhielten, für beide möglichen Spieltermine. Wie er sich ein Zimmer hat geben lassen mit Blick auf den Parkplatz, wo der Bus abfuhr.

Die Ermittler haben auch Mantrailer-Hunde eingesetzt, sie verfolgten die Spur des Angeklagten von einem nahen Waldstück bis zu der Hecke. Und sie haben genau ausgerechnet, dass W. auf dem Weg von Schwaben nach Dortmund zehn Liter mehr Diesel getankt hat, als in seinen Tank passte - und schließen daraus, dass er den Diesel dafür verwendete, um in dem Wald beim Hotel ein Feuer zu entfachen, das seine Tatvorbereitungen verbergen sollte. Zur Vorbereitung gehörten auch Bekennerschreiben, die auf den "Islamischen Staat" als Täter hinweisen sollten.

Was wollte W. wirklich?

Es ist ein ziemlich ausgeklügelter Plan, den der Angeklagte - von den Ermittlern sehr gut dokumentiert - verfolgte. Aber was ist mit der inneren Tatseite, fragt der Verteidiger. Was wollte W. wirklich? Für Heydenreich läuft eine Vorverurteilungskampagne gegen den Angeklagten, die seiner Person nicht gerecht werde, die Akten seien durchgestochen worden, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Er hat Strafanzeige gestellt gegen unbekannt.

Wie es dem Angeklagten geht, ist für die Fans des BVB nun weniger interessant. Für sie zählt etwas anderes. Bomben gegen den BVB, das sind auch Bomben gegen den Ruhrpott, gegen ihr Selbstgefühl, gegen alles, auf was sie stolz sind. Das Landgericht Dortmund erwartet zur Verhandlung genau diese Fans. Menschen, die um ihre Spieler bangten. Alle 18 Spieler, die damals im Bus saßen, werden als Zeugen auftreten, auch Marc Bartra, der als einziger körperlich verletzt wurde. Drei Zentimeter neben seinem Kopf schlug eines jener Projektile ein, die der Angeklagte in seinen Bomben verbaut haben soll - mindestens 65 Metallstifte, eingegossen in Epoxidharz.

Als Zeuge wird ebenfalls der frühere Trainer Thomas Tuchel erscheinen, der auch wegen des Umgangs des BVB mit dem Anschlag den Verein verließ. Er und die Spieler werden nur wenige Meter vom Angeklagten entfernt sitzen, hinten warten die Fans auf ihre Jungs. Es dürfte emotional werden.

© SZ vom 21.12.2017/spes

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