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Prozessauftakt in Gießen:Mutmaßlicher Würth-Entführer steht vor Gericht

  • Am 17. Juni 2015 wurde der Unternehmersohn Markus Würth entführt; einen Tag später fand die Polizei ihn in einem Wald, angekettet an einen Baum.
  • Mithilfe von Sprachanalysen konnte ein mutmaßlicher Täter ausfindig gemacht werden.
  • Der 48-Jährige steht seit heute wegen erpresserischen Menschenraubes vor Gericht. Er bestreitet die Tat.
Prozess um Würth-Entführung beginnt

Der 48-jährige Angeklagte und sein Anwalt am Dienstag vor dem Gießener Landgericht.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Vor rund drei Jahren wurde der Sohn des Milliardärs Reinhold Würth entführt. Am heutigen Dienstag hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter begonnen. Der 48-Jährige muss sich wegen erpresserischen Menschenraubes vor dem Landgericht Gießen verantworten.

Der mysteriöse Fall ereignete sich am 17. Juni 2015. Damals wurde der 50 Jahre alte Markus Würth, der seit seiner Kindheit geistig behindert ist und zum Tatzeitpunkt in einer Wohneinrichtung im osthessischen Schlitz lebte, gekidnappt. Der Entführer verlangte drei Millionen Euro Lösegeld. Die Familie des Opfers schaltete die Polizei ein. Ein geplanter Geldtransfer scheiterte. Tags darauf fand die Polizei den Entführten lebend in einem Wald in der Nähe der geplatzten Übergabe, angekettet an einen Baum, körperlich unversehrt.

Im Mittelpunkt der Anklage steht ein wissenschaftliches Stimmgutachten. Es sei ein "Novum", dass ein solches Gutachten das zentrale Beweismittel in einem Verfahren sei, erläuterte der Gießener Staatsanwalt Thomas Hauburger. Zwei Experten-Teams hatten einen Telefonmitschnitt des Entführers analysiert. Aufgrund der Sprechweise des mutmaßlichen Täters soll so unter anderem sein Alter, seine Heimatregion sowie die Gegend bestimmt werden können, in der dieser Deutsch gelernt habe. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Stimme des Täters dem serbischstämmigen Angeklagten gehört.

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Über zweieinhalb Jahre hinweg war eine Sonderkommission der hessischen Polizei unzähligen Hinweisen auf den Täter nachgegangen. Erst als die Fahnder die Sprachaufnahmen des Entführers von Sprachforschern und dem Bundeskriminalamt analysieren ließen, ergab sich eine entscheidende Spur. In Öffentlichkeitsfahndungen, darunter auch im TV-Kriminalfallmagazin "Aktenzeichen XY ... ungelöst", präsentierten die Beamten die Sprachaufzeichnungen, in der Hoffnung, dass jemand die Stimme des Entführers erkennt. Am 18. Januar dann meldete sich eine Dame aus dem Rhein-Main-Gebiet bei den Behörden und sagte, sie sei sich sicher, dass die Stimme zu einem Handwerker gehöre, mit dem sie unlängst zu tun gehabt habe.

Im März erfolgte die Festnahme. Zunächst hatte der Mann bestritten, Markus Würth entführt zu haben. In den vergangenen Wochen habe der Angeklagte zu den Vorwürfen geschwiegen, so Staatsanwalt Hauburger. Das Landgericht Gießen will den Fall an zwölf Prozesstagen bis Anfang Dezember verhandeln. Die Ermittlungen der Polizei laufen weiter, da die Beamten nicht ausschließen, dass der Täter Komplizen hatte.

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