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Prozess:Welche Ehre?

die story: 'Sie hat sich benommen wie eine Deutsche ...' Mord im Namen der Ehre?

Hatun Sürücü (hier ein Bild aus dem Film "Sie hat sich benommen wie eine Deutsche") wollte ein selbstbestimmtes Leben führen. Dafür musste sie sterben.

(Foto: WDR)

Mehr als zehn Jahre nach dem Mord an der Deutschkurdin Hatun Sürücü stehen zwei ihrer Brüder wegen der Tat in Istanbul vor Gericht.

Dieses Foto. Eine dunkelhaarige Frau im Blaumann ist darauf zu sehen, 23 Jahre alt, in der Hand hält sie eine Bohrmaschine. Hatun Sürücü aus Berlin, die Elektroinstallateurin werden will und ein Kind hat, das sie alleine aufzieht. In ihren Augen erkennt man den Stolz darauf, so zu arbeiten und zu leben, wie sie will. Doch das durfte sie nicht, ihre Familie war dagegen. In einer Februarnacht 2005 bat ihr Bruder Ayhan sie, kurz vor die Haustür zu kommen. "Bereust du deine Sünden?", fragte er. Dann schoss er der Schwester drei Mal in den Kopf. Hatun Sürücü hatte noch ihre Kaffeetasse in der Hand, oben in der Wohnung schlief ihr kleiner Sohn.

Das Foto von Hatun Sürücü im Blaumann sieht man in Berlin bis heute. Bei den Gedenkfeiern etwa, die jedes Jahr an ihrem Todestag stattfinden. Manchmal legt es auch jemand zu dem Stein, der am Tatort für die junge Frau errichtet wurde. "Weil sie sich Zwang und Unterdrückung ihrer Familie nicht unterwarf", steht darauf. Das Verbrechen, das weit über die Landesgrenzen hinaus Schlagzeilen machte, bewegt Berlin bis heute. Ein sogenannter Ehrenmord, mitten in der deutschen Hauptstadt. Es gibt Bücher und Theaterstücke über den Fall, der Film "Die Fremde" mit Sibel Kekilli, der an Hatun Sürücüs Leben angelehnt ist, wurde 2011 als deutscher Beitrag ins Rennen um den Auslands-Oscar geschickt.

Nur gesühnt wurde der Mord nie richtig. Und es schien, als würde das so bleiben. Doch jetzt, mehr als zehn Jahre später, könnte doch noch Recht gesprochen werden. Aber nicht in Deutschland.

Im Jahr 2006 saßen drei Brüder der Ermordeten in Berlin vor Gericht, Ayhan, Mutlu und Alpaslan Sürücü. Sie sollen die Tat gemeinsam geplant haben. Es gibt einen eindeutigen SMS-Wechsel dazu. Eine Freundin der Familie, die damals dabei war, sagte vor Gericht, die Brüder seien "wie im Rausch" gewesen. Einer habe zu Ayhan gesagt: "Ich hab dir doch gesagt, schieß nur einmal auf den Kopf." Ayhan, der jüngste Bruder, damals 18, nahm die Schuld auf sich und bekam eine Jugendstrafe. Die anderen zwei verließen das Gericht als freie Männer und setzten sich in die Türkei ab. Dort waren sie auch noch, als der Bundesgerichtshof die Freisprüche aufhob und einen neuen Prozess anordnete. Dazu kam es aber nie, die Türkei weigerte sich, die beiden auszuliefern. Das Unrecht blieb ohne Strafe. Bis zu diesem Oktober.

Der Justizpalast in Kartal, auf der asiatischen Seite von Istanbul. Eine moderne Rechtsfabrik mit Hunderten Gerichtssälen, einem Postamt und eigenen Bankfilialen. Im dritten Untergeschoss befindet sich das 10. Gericht für schwere Straftaten. Dort sitzen seit Kurzem Alpaslan und Mutlu Sürücü auf der Anklagebank. Die türkischen Behörden hatten schon vor Jahren die Akten aus Berlin kommen lassen und nun ein Verfahren eingeleitet. Aktenzeichen 2015/145. Den Brüdern wird Mord, der Tod eines nahen Verwandten und unerlaubter Waffenbesitz vorgeworfen.

Der Gerichtssaal ist klein und technisch auf dem neuesten Stand. Von der Decke hängt ein Monitor, um Zeugen und Sachverständige zuzuschalten. Glasbausteine an einer Wand erwecken den Eindruck, dass man direkt rausspazieren könnte. Aber ob die Brüder wieder davonkommen, wird sich zeigen. Zum Prozessauftakt haben die beiden ihre Aussage gemacht, teilte das Gericht mit, ohne ins Detail zu gehen. Noch sind sie auf freiem Fuß, nach ihrem Beruf gefragt, gaben sie an, Angestellte zu sein. Die Anwältin der Männer will sich auf Anfrage nicht näher äußern. Im Umfeld der Familie ist von einem "Unglücksfall" die Rede.

Als der Bruder um das Treffen bittet, ist sie kurz davor, ihren Gesellenbrief zu erhalten

Die Familie wird auch im Prozess in Istanbul im Mittelpunkt stehen. Die Sürücüs sind Kurden, die als Hirten in Anatolien lebten. Der strenggläubige Vater ging, wie so viele, in den Siebzigerjahren nach Berlin. Er arbeitete in einer Großbäckerei und lebte mit seiner Frau und den neun Kindern in einer Vierzimmerwohnung in Kreuzberg. Tochter Hatun ging aufs Gymnasium, wurde mit 16 aber aus der Schule genommen und in der Türkei mit einem Cousin verheiratet. Sie wurde schwanger, doch die Ehe scheiterte. Hatun Sürücü zog zurück nach Berlin, wo sie ihr Kind bekam. Sie legte das Kopftuch ab, begann eine Ausbildung und hatte bald einen deutschen Freund. Als ihr Bruder sie in jener Februarnacht um ein Treffen bat, war sie kurz davor, ihren Gesellenbrief zu erhalten. Ihr Sohn lebt heute in einer Pflegefamilie.

Wer genau für den Mord verantwortlich ist, das ist bis heute unklar. Ob der Vater davon wusste oder gar ein radikaler Imam dahintersteckte. Das Gericht in Istanbul hat am ersten Tag eine Schwester, Songül, verhört, ein weiterer Bruder, Emrah, ist als Zeuge geladen. Und dann soll noch Ayhan Sürücü aussagen, der jüngste Bruder. Er saß in Berlin neun Jahre in Haft, wo er Fernsehinterviews gab und vom diffusen Ehrbegriff der Familie erzählte: "Hinter dem Begriff 'Ehre' stand immer in Klammern gesetzt 'meine Mutter", 'meine Schwester', 'meine Frau', was auch immer."

Nach seiner Haft wurde Ayhan Sürücü in die Türkei abgeschoben, inzwischen lebt er in Istanbul wieder mit seinen beiden älteren Brüdern zusammen. Die drei betreiben einen Köfte-Imbiss. Mit der Presse will aus der Familie niemand reden. Nur Mutlu Sürücü, streng religiös wie der inzwischen verstorbene Vater, sagte einmal dem Rundfunk Berlin-Brandenburg, dass er seine Schwester wegen ihres Lebenswandels verachtet habe: "Hass war schon da, auf jeden Fall."

Wird es Gerechtigkeit geben? Abdurrahim Vural war beim Berliner Prozess 2006 Anwalt der Nebenklage und hat 2010 versucht, das Verfahren in der Türkei neu aufrollen zu lassen. Er sagt, er sei froh, dass es endlich so weit sei. Ende Januar geht der Prozess weiter. "Das Istanbuler Gericht wird ein angemessenes Urteil fällen", sagt Vural. Das Schlimmste sei für ihn, dass die Sürücü-Brüder in Istanbul ein gutes Leben führen konnten. Und dass keiner von ihnen je ein Wort der Reue geäußert habe.