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Prozess um Zwangsrasuren in Ohio:Amish-Anführer im "Bartkrieg" schuldig gesprochen

"Wie Tiere geschoren": Im Prozess um die Zwangsrasur von Abweichlern ist der Anführer einer Amish-Gemeinde im US-Bundesstaat Ohio schuldig gesprochen worden. Dem 66-Jährigen und den 15 Mitangeklagten drohen nun mehrere Jahre Gefängnis.

Zeugen beschreiben ihn als autokratischen Herrscher: Sam Mullet, Anführer einer Splittergruppe der Glaubensgemeinschaft der Amish im US-Bundesstaat Ohio. Der 66-Jährige soll nicht nur die Post seiner 125 Anhänger geöffnet und Vergehen mit Schlägen bestraft, sondern zur angeblichen Teufelsaustreibung auch Sex mit jungen Frauen aus der Gemeinde gehabt haben. Aus Rache ließ er im Herbst vergangenen Jahres sogar Abweichlern die Bärte kappen - doch der "Bartkrieg" hatte ein juristisches Nachspiel.

Amish-Anführer Sam Mullet im September vor dem Gerichtsgebäude in Cleveland. Er soll den "Bartkrieg" angezettelt haben.

(Foto: AP)

Seit August muss sich der Vater von 18 Kindern dafür vor einem Gericht in Cleveland verantworten. Das sprach Mullet und 15 seiner Anhänger jetzt wegen eines "Hassverbrechens" und Verschwörung für schuldig. Die Angeklagten sollen Abweichler und religiöse Gegenspieler aus der Gemeinde in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und ihnen ihre Haare und Bärte abgeschnitten haben. Mullet galt als Hauptangeklagter, er soll den "Bartkrieg" angezettelt haben.

Den Amish gilt üppige Gesichtsbehaarung als Ausdruck von Männlichkeit, Würde und Frömmigkeit, das Abschneiden wird als Erniedrigung empfunden. Staatsanwalt Steven Dettelbach sagte, die Angeklagten seien auf Mullets Geheiß in die Häuser der Opfer eingedrungen, hätten sie körperlich angegriffen und "fast wie Tiere geschoren".

Die Amish lehnen technischen Fortschritt wie Elektrizität oder Telefon weitgehend ab und führen zumeist ein einfaches, bäuerliches Leben. Der Großteil ihrer US-Mitglieder lebt in Ohio und Pennsylvania. Die Verurteilten gehören einer Gruppe an, die sich vor 17 Jahren von einer Amish-Gemeinde in Ohio abgetrennt und einen eigenen Clan um Mullet gebildet hatten.

Um eine Verurteilung wegen Hassverbrechen zu erreichen, musste die Staatsanwaltschaft beweisen, dass die Bartattacken religiös motiviert waren und damit mehr als nur eine einfache Körperverletzung darstellen. Die Geschworenen folgten dieser Argumentation. Das konkrete Strafmaß soll kommenden Januar bekanntgegeben werden - bis zu 20 Jahre Haft könnte das Gericht gegen die Angeklagten jeweils verhängen.

© Süddeutsche.de/dpa/AFP/vks/bero