Prozess um mutmaßliche Kindsmörderin Erst kam ein Kind, dann die Angst, der Alkohol, der Tod

"Durch pflichtwidriges Unterlassen" habe Sabine H. ihre Babys getötet, sagt die Staatsanwaltschaft. Von der Angeklagten gibt es ein halbherziges Geständnis.

Von Constanze von Bullion

Wie ein Ungeheuer jedenfalls sieht sie nicht aus, diese schmale Person, der die Unsicherheit ins Gesicht geschrieben steht. Sabine H. ist dünn geworden im Gefängnis und vielleicht auch ein bisschen dünnhäutiger, jedenfalls wagt sie kaum aufzuschauen, als sie am Donnerstag in Handschellen in den Saal 007 des Landgerichts von Frankfurt an der Oder geführt wird. Eine sachliche, fast klinische Atmosphäre herrscht in diesem Betonwürfel, und vielleicht wird diese Kühle helfen zu verstehen, was längst als ein Jahrhundertverbrechen gilt.

Sabine H. mit ihrem Anwalt am ersten Prozesstag.

(Foto: Foto: AP)

Sabine H. aus Frankfurt an der Oder soll neun ihrer insgesamt 13 Kinder kurz nach der Geburt ums Leben gebracht haben, und wenn jetzt der Prozess gegen sie beginnt, wird da nicht nur die Geschichte einer Frau erzählt, die erst ihre Gefühle besiegt hat und dann sich selbst. Das Verfahren gegen die Frau, die als "Mörder-Mutter" berühmt wurde, könnte auch für Aufregung sorgen, weil die öffentliche Empörung in keinem Verhältnis zu dem steht, was die Juristen bisher nachweisen konnten.

Halbherziges Geständnis

Annette Bargenda ist eine kleine, resolute Dame, die seit Jahren Mörder und Totschläger anklagt. Im Gerichtssaal stapelt sie einen Aktenberg vor sich auf. Der allerdings kann nicht verbergen, dass die Staatsanwältin schon ihre erste Niederlage eingesteckt hat. Die Anklage wegen Mordes hat das Gericht zurückgewiesen, der erste der neun Todesfälle ist nach DDR-Recht schon verjährt, nun wird wegen achtfachen Totschlags angeklagt.

Die Staatsanwältin steht auf, verliest die Anklage. Die Kindsmutter habe ihre Babys "durch pflichtwidriges Unterlassen" getötet, sagt sie. Nach der Geburt habe sie die Säuglinge in Stoffstücke gewickelt und unversorgt liegen lassen, "mit dem Ziel, sie sterben zu lassen". Immer wieder habe sie das getan und sei sich der Konsequenzen ihrer Tat "vollständig bewusst" gewesen.

Sabine H. sieht ängstlich aus und im Lauf der Verhandlung immer unglücklicher. Sie schweigt über ihre Taten, weshalb der Vorsitzende Richter vorliest, was sie einer Haftrichterin erzählt hat. Am 1. August letzten Jahres war das, am Tag, nachdem ihr Neffe im Garten ihrer Mutter winzige Knochen von Neugeborenen gefunden hatte, vergraben in Blumenkästen und einer alten Plastikbadewanne. Was Sabine H. damals zu Protokoll gab, das klingt wie ein halbherziges Geständnis - und wie die Beschreibung eines Films, der im entscheidenden Moment immer abreißt.

Er beginnt im Jahr 1988, als Sabine H. mit ihrem Mann und drei Kindern in einem Plattenbau in Frankfurt an der Oder lebte. "Mein Mann wollte weiter keine Kinder", das ist ein Satz, den sie so oder so ähnlich immer wieder zu Protokoll gegeben hat. Als könnte er irgendwie all das erklären, was ihr selbst ein Rätsel zu sein scheint.

Wenn stimmt, woran sie sich damals erinnerte, dann schlief ihr Mann, als eines Morgens unerwartet bei ihr Wehen einsetzten. Er soll weder von der Schwangerschaft etwas bemerkt haben, noch von der Geburt; nichts von dem Säugling, der kopfüber in die Kloschüssel stürzte, nichts von dem Blut und der Verzweiflung seiner Frau, die auf dem Sofa eine Flasche aufmachte und sich später auf dem Balkon wiedergefunden haben will. Den kleinen Körper habe sie im Blumenkasten entdeckt. Wie er da hin kam? Keine Ahnung, Filmriss. Nur was von ihm zurückblieb, das hat sie nicht vergessen.

Kleinbürgeridyll - Sabine H.s Haus in Frankfurt/Oder. Hier fand ihr Neffe die Skelette der Neugeborenen in den Blumenkästen.

(Foto: Foto: ddp)

Teufelskreis

"Ich sah immer wieder das blaue Gesicht vor mir, den Schaum vor den Lippen", hat Sabine H. bei der Vernehmung erzählt. Damals habe dieser "Teufelskreis" begonnen: Erst kam ein Kind, dann kamen die Bilder und mit ihnen die Angst, der Alkohol, der Tod. Sie habe gegen ihre Muttergefühle angetrunken und gegen das Wissen, verantwortlich zu sein. Und ihr Mann? Warum hat sie den nicht eingeweiht? Sie weiß es nicht. "Ich hatte vielleicht Angst."

Sabine H. hat sich in allen Vernehmungen immer schützend vor ihren Mann gestellt. Dabei hat sie ausgesagt, sie habe in all den Jahren immer gehofft, er würde endlich etwas bemerken. Tat er aber angeblich nicht. Ihr nächstes Kind bekam sie 1992 in einer Pension in Goslar. Es "wimmerte etwas", sagt sie. Sie lag dann noch lange mit dem Baby im Bett, die Nabelschnur ließ sie erst mal dran.

Damals hat sie angeblich nichts getrunken. Am nächsten Tag soll sie das Neugeborene dann in einen Mantel gewickelt und nach Frankfurt gebracht haben. Es starb, wie nach ihm weitere sieben Babys. Wie und wo, das will Sabine H. nicht mehr wissen. "Da ist ein großes schwarzes Loch."

Ein hübsches Paar

Es gibt einen, der könnte ihr vielleicht helfen, diesen löchrigen Film wieder zusammenzuflicken. Oliver H. kommt mit ausholendem Schritt ins Gericht, er ist ein sportlicher, breitschultriger Mann, und früher müssen er und Sabine H. mal ein hübsches Paar abgegeben haben. Jetzt hält er sein Gesicht bis zuletzt hinter einer Baseballmütze verborgen.

Oliver H. war früher bei der Stasi und beim Zoll, heute ist er 43 Jahre alt und ohne Arbeit. Letztes Jahr hat er sich scheiden lassen von der Frau, die ihm jetzt im Gerichtssaal so schüchtern zublinzelt, als fürchtete sie sich ein wenig vor ihm. Alle neun toten Kinder stammen von Oliver H., das wurde durch einen DNS-Test nachgewiesen. Keine Aussage von ihm vor Gericht, er nickt ihr kurz zu, dann steht er auf und ist verschwunden.

Zurück bleibt eine Angeklagte, die ein wenig zusammensinkt in sich und die den Blick durch die Reihen der Zuschauer geistern lässt, so als suchte sie jemanden, ein vertrautes Gesicht. Sie hat ihren Kindern, den vier lebenden, immer wieder Briefe geschrieben, erzählt ihr Anwalt.

Es ist wohl nicht viel Post zurückgekommen.