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Prozess um getöteten Austauschschüler:"Er hat um sein Leben gefleht"

Prozess um Tod von Diren

Statsanwältin Jennifer Clark zeigt bei Hauptverhandlung im Gerichtssaal in Missoula im US-Staat Montana auf einem Monitor Bilder aus der Tatnacht.

(Foto: dpa)
  • Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hat der Angeklagte in der US-Stadt Missoula Diren D. aus Wut erschossen. Der Verteidiger hingegen erklärt, das Ehepaar habe schlicht Angst gehabt.
  • Während des Prozessauftaktes bricht Diren D.s Mutter im Gerichtssaal immer wieder in Tränen aus.
  • Diren D. war in der Nacht zum 27. April auf der Suche nach etwas zu trinken in die Garage von Markus Kaarma eingedrungen. Dieser schoss viermal in die Garage und traf Diren tödlich am Kopf.

Vor Gericht wird der Tathergang minutiös nachgezeichnet

"Nein, nein, nein, bitte" - das, sagt die stellvertretende Bezirksstaatsanwältin Jennifer Clark, seien die letzten Worte von Diren D. vor seinem Tod gewesen. "Er flehte um sein Leben". Dieser Satz ist bisher noch nie zitiert worden. Er stamme, sagt die Anklägerin, aus der Aussage, die Janelle P., die Lebensgefährtin des Angeklagten, in der Nacht unmittelbar nach den Schüssen vor der Polizei gemacht habe.

"Es war keine gerechtfertigte Anwendung von Gewalt", sagt die Staatsanwältin. Diren sei nicht in ein bewohntes Gebäude eingedrungen, er habe auch niemanden bedroht. Markus Kaarma sei wütend gewesen, weil schon zweimal Gegenstände aus seiner Garage gestohlen wurden. Minuziös zeichnet sie die Tatnacht, Direns letzte Sekunden, mit Bildern, Grafiken und Zitaten vor dem US-Gericht nach.

Die Staatsanwältin nimmt die Waffe aus einem Plastiksack und zeigt sie den Geschworenen. Sie zeigt, wie man nach jedem Schuss repetieren muss, um die nächste Patrone in den Lauf zu schieben. Als sie die Schrotflinte durchlädt, wird der metallische Klang nur durch das Schluchzen von Direns Mutter übertönt. Nachbarn hätten am nächsten Tag berichtet, was sie gehört hatten, sagt die Anklägerin: "Bumm, bumm, bumm. Pause. Bumm."

Der Fall Diren

Diren D., Sohn einer türkischstämmigen Familie aus Hamburg, wurde nur 17 Jahre alt. Er war Austauschschüler in Missoula, Montana, in den USA. In der Nacht zum 27. April war er mit einem Freund in dem Wohnviertel unterwegs gewesen, in dem sowohl seine Gasteltern als auch Markus Kaarma mit seiner Familie leben.

Nach Angaben des Freundes ging der 17-Jährige auf der Suche nach etwas zu trinken in die halb offenstehende Garage. Dort hatte Kaarma, bei dem bereits mehrfach eingebrochen worden war, Bewegungsmelder und eine Videokamera installiert. Als er den Eindringling bemerkte, nahm er seine Schrotflinte, schoss viermal in die Garage und traf Diren D. tödlich am Kopf.

Staatsanwalt geht von vorsätzlicher Tötung aus

Die Anklage lautet nun auf "deliberate homicide", vorsätzliche Tötung, darauf stehen mindestens zehn Jahre Haft. Es ist nach dem Gesetz in Montana das schwerste Tötungsdelikt und kann sogar mit der Todesstrafe geahndet werden. Die Staatsanwaltschaft glaubt, genügend Beweise dafür zu haben, dass Kaarma den deutschen Schüler vorsätzlich und nach Plan getötet hat, und sich dabei nicht auf das Notwehrrecht berufen kann.

"No, no, no, no, please! Mit diesen Worten bettelte er um sein Leben. Aber es wurde ausgelöscht", sagt Jennifer Clark über Diren D.s letzte Sekunden. Die Staatsanwältin zeigte den Geschworenen Bilder aus der Garage und Diren D.s Blut auf dem weißen Auto des Angeklagten. "Hier hat er Schutz gesucht. Vergebens."

"Sie haben nach zwei Einbrüchen einem Dieb eine Falle gestellt und es sogar vorher angekündigt", so Clark über das Ehepaar. Sie glaubt nicht, dass Markus Kaarma lediglich seine Familie schützen wollte. "Er sagte, er warte nur darauf, ein paar Jugendliche abzuknallen. Und er sagte es mit Wut, nicht Angst."

"Notwehr ist absurd", sagt die junge Staatsanwältin mit scharfer Stimme. "Sie haben über das versteckte Babyfon Diren 23 Sekunden lang beobachtet. Sie haben sogar Fotos gemacht. Sie hatten keine Angst, sie waren nicht in Panik." Dann habe die Frau gesagt: "Showtime!" Diren wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal, dass er beobachtet wurde. Ein paar Sekunden später war er tot.

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