Vor Gericht Fall Tayler: Verwirrung zwischen zwei Wahrheiten

Vor dem Wohnblock in Altona-Nord, in dem Tayler lebte, gedachten Unbekannte im Dezember 2015 des toten Kindes.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)

In Hamburg stirbt ein Kleinkind aus prekären sozialen Verhältnissen an einem Schütteltrauma. Der angeklagte Stiefvater bestreitet die Tat und erzählt eine andere Geschichte.

Von Thomas Hahn

An diesem Mittwoch treten Sanitäter und der Kinderarzt in den Zeugenstand am Landgericht Hamburg. Danach könnte endlich mehr Klarheit herrschen im Prozess gegen Michael Q., den die Staatsanwaltschaft verdächtigt, den 13 Monate alten Tayler im Dezember 2015 zu Tode geschüttelt zu haben. Q. bestreitet die Anklage wegen Totschlags. Der ganze Fall muss deshalb als Rätsel betrachtet werden, auch wenn er auf den ersten Blick so klar erscheint.

Das Kind ist tot, die Diagnose Schütteltrauma ist laut Anklage eindeutig, und Michael Q. war als Letzter allein mit dem Jungen, bevor die Sanitäter und der Kinderarzt kamen. Aber er will dem Kind nichts angetan haben. Kann es eine andere Erklärung geben als die, dass da ein Mann die Kontrolle verloren hat? Hat Tayler seine tödlichen Verletzungen womöglich erst später erlitten? Die Sanitäter und der Kinderarzt müssten sagen können, in welchem Zustand Tayler war, nachdem Q. den Rettungswagen gerufen hatte.

Hätten die Behörden den Tod des Kindes verhindern können?

Der gewaltsame Tod eines Kindes ist so etwas wie die ultimative Tragödie für eine Gesellschaft, vor allem wenn nahestehende Personen die Täter sein sollen und das Jugendamt schon ein Auge auf sie hatte, wie auch bei Tayler. In solchen Fällen schwingt immer auch die Frage mit, ob die Behörden diesen Tod nicht hätten verhindern können. In Hamburg müssen sie sich das nun erneut fragen.

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Es hat in der Hansestadt bereits zahlreiche Vorfälle gegeben, in denen Kinder aus prekären Verhältnissen Opfer von häuslicher Gewalt wurden. Erst im vergangenen November wurde der Hartz-IV-Empfänger Sascha K. zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er seinen drei Monate alten Sohn Jamie im Suff so heftig geschüttelt hatte, dass dieser schwerstbehindert bleiben wird. Nun blickt die Stadt auf den nächsten Fall. Aber das Geständnis fehlt, die Hauptverhandlung wird zur Prüfung für die Justiz. Und die Öffentlichkeit erlebt, wie kompliziert es sein kann, harmlose Eltern von gefährlichen zu unterscheiden.

Michael Q. ist ein unscheinbarer Mann, 27 Jahre alt, alleinerziehender Vater zweier Kinder im Alter von sechs und sieben Jahren, und er ist sozusagen der Stiefvater von Tayler; als Tayler tödlich verletzt wurde, war Q. mit dessen Mutter Jacqueline B. liiert, die in dem Verfahren jetzt die Nebenklägerin ist. Q. trägt Brille, kurzes schütteres Haar und vor Gericht meistens T-Shirts. Am ersten Prozesstag hat er eine Erklärung verlesen. "Ich habe Taylor nicht geschüttelt", hieß es darin, "Tayler war für mich wie ein eigener Sohn." Dann stellte er sich allen Fragen. Seine Antworten waren kurz und klar. Er wirkte ungebrochen und selbstbewusst, obwohl er seit April in Untersuchungshaft sitzt.

Q. bestreitet die Tat und hat eine alternative Geschichte parat

Der verurteilte Sascha K. war ein windiger Mensch mit Suchtgeschichte. Michael Q. ist anders. Er trinkt nur selten. Dass Jacqueline B. kiffte, gefiel ihm nicht. "Ich habe ihr gesagt, dass ich das wegen der Kinder nicht gut finde." Und auch sonst wirkt er prinzipientreu. "Mir hat mein Vater beigebracht, dass man Frau und Kinder nicht schlägt", und er schlage auch nicht. Er könne allenfalls mal lauter werden, wenn seine Kinder zum Beispiel ihr Zimmer nicht aufräumen, dann packe er sie schon mal am Arm.

Die Tat bestreitet er qualifiziert, das heißt, er bietet eine alternative Geschichte zu jener der Anklage an. Er sagt, am Nachmittag des 12. Dezember habe er mit Tayler auf dem Sofa gelegen. Sie hätten Musik gehört. Jacqueline B., seine Kinder und der ältere Sohn von B. seien unterwegs gewesen. Er selbst habe irgendwann die Spülmaschine ausgeräumt, dabei aber immer wieder auf Tayler geschaut. Dann habe er gesehen, wie Tayler krampfte und unregelmäßig atmete. Speichel und Blut liefen aus seinem Mund. Q. rief Jacqueline B. an. Als sie ihr lebloses Kind sah, rief Q. den Rettungswagen.

Es ist nicht leicht, sich Michael Q. als Choleriker vorzustellen, der ein kleines Kind so heftig misshandelt, dass es dabei tödliche Verletzungen erleidet. Aber es fällt auch schwer, großes Vertrauen in ihn zu setzen. Q. arbeitete zuletzt zweimal in der Woche in einem Aushilfsjob. Vor Gericht kam der Vorwurf auf, er habe sich zu wenig eingebracht, als Tayler infolge eines Schlüsselbeinbruchs bei einer Pflegefamilie war. Er habe wenig Zeit gehabt, sagte Q. Den Tag von Taylers Zusammenbruch verbrachte er "fast die ganze Zeit auf dem Sofa". Zwischendurch hatte er Sex mit Jacqueline B.

Jaqueline B. gab Q. die Schuld für den Tod von Tayler

Das Milieu, in dem diese schreckliche Geschichte spielt, ist schwer einzuschätzen, wenn man nicht vorschnell urteilen will. Michael Q.s Kinder stammen aus der Beziehung zu einer Frau, die angeblich als Prostituierte arbeitet und von den Kindern früh nichts mehr wissen wollte. Jacqueline B. ist die Cousine dieser Frau, Q.s Vater war gegen diese Liaison. Tatsächlich muss die Haushaltsführung von Jacqueline B. gewöhnungsbedürftig gewesen sein.

Für die Zweizimmerwohnung in Altona-Nord, in der Q., Jacqueline B. und die vier Kinder zusammenwohnten, gab es vom Jugendamt Auflagen für mehr Kindersicherheit. Aber die Wohnung muss weiterhin sehr unaufgeräumt gewesen sein, in mehreren Räumen lagen Wäschehaufen. "Das war ihr System. Wäsche nicht in den Schrank, sondern auf den Haufen", sagte Q., "ich habe irgendwann aufgegeben, was zu sagen." Wegen Tayler hatten Jacqueline B. und Michael Q. schon früher Streit. Sie warf ihm vor, für besagten Schlüsselbeinbruch verantwortlich gewesen zu sein. Dafür soll sie sich entschuldigt haben. Als Tayler tot war, gab sie wieder Q. die Schuld. Seither sind die beiden kein Paar mehr.

Anklage, Vorurteil und die Aussage des Angeklagten bilden eine verwirrende Melange

Jacqueline B. macht von ihrem Recht Gebrauch, nicht auszusagen. Auf der Zuhörerbank wiederum sitzt regelmäßig Verwandtschaft von ihr, unter anderen ihre Cousine, die Mutter von Q.s Kindern. Das fiel so sehr auf, dass die Vorsitzende Richterin Petra Wende-Spors irgendwann ins Publikum fragte, ob mögliche Zeugen unter den Zuhörern seien. Die Verwandten sagten, sie hätten keinen Kontakt mehr zu Jacqueline B. Man glaubte ihnen. Nun schleppt sich also der Prozess weiter mit der Frage nach Q.s Schuld.

Anklage, Vorurteil und die Aussage von Michael Q. verbinden sich zu einer verwirrenden Melange aus Eindrücken. Die Wahrheit zerfällt in Puzzleteile, und die Betrachter fragen sich: Wie sollte Tayler an einem Schütteltrauma gestorben sein, wenn Q. ihn nicht geschüttelt hat? Haben die anderen Kinder zu wild mit ihm gespielt? War Tayler gezeichnet von der nachlässigen Lebensweise der Jacqueline B.? Was hat es zu bedeuten, dass Michael Q. den Eindruck erweckte, im Krankenhaus habe Tayler infolge einer Komplikation im Computertomografen untersucht werden müssen? "Was da schiefgegangen ist, weiß ich nicht", sagte er. Vorerst gibt es ein ganzes Angebot an Wahrheiten.

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