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Prozess:Russischer Student erhält Bewährungsstrafe für Pokémon-Jagd

"Ich bin vielleicht ein Idiot, aber bestimmt kein Extremist", sagt der Student Ruslan Sokolowskij.

(Foto: Konstantin Melnitskiy/AFP)
  • Ein 22-Jähriger hat in einer Kirche in Russland Pokémon-Go gespielt und wurde deshalb jetzt zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
  • Es handelte sich eigentlich um eine Protestaktion des Studenten gegen ein geplantes Gesetz, das die Pokémon-Jagd in Kirchen verbieten sollte.
  • Dieses Gesetz kam zwar nie zustande - das Gericht verurteilte ihn aber wegen Verletzung antireligöser Gefühle und Anstiftung zu antireligiösem Hass.

Der große Rummel um Pokémon Go hat sich zwar längst gelegt. In Russland hat es jetzt aber ein juristisches Nachspiel um die Handy-App gegeben, mit der Nutzer in ihrer Umgebung bunte Fantasiegeschöpfe aufspüren können. Ein 22-Jähriger war in einer Kirche auf Pokémon-Jagd gegangen - und wurde von einem Gericht deshalb nun zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, wegen Verletzung religiöser Gefühle und Anstiftung zu antireligiösem Hass. Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor dreieinhalb Jahre Lagerhaft gefordert.

Der Student Ruslan Sokolowskij hatte im August 2016 auf einen Bericht des staatlichen Nachrichtenkanals Rossija 24 reagiert, wonach die Pokémon-Jagd an bestimmten Orten unter Strafe gestellt werden soll, darunter in Wahlbüros und Kirchen. Auf Youtube veröffentlichte er ein Video davon, wie er in der größten Kirche der Stadt am Ural niedliche Monster fängt. Die Kathedrale auf dem Blut wurde nach dem Ende der Sowjetunion an der Stelle errichtet, an der 1918 der letzte Zar Nikolaus II. mit seiner Familie von Bolschewisten erschossen wurde.

Die angekündigte Lex Pokémon kam zwar nie zustande, dem Video-Blogger wurde gleichwohl vorgeworfen, drei andere Gesetze verletzt zu haben: In Videos, die Sokolowskij früher veröffentlicht hatte, erkannte die Staatsanwaltschaft Aufstachelung zu Feindschaft und Hass. Mit der Pokémon-Jagd in der Kirche habe er zudem religiöse Gefühle verletzt. Dieser Straftatbestand wurde nach dem Skandal um die Aktion der Punk-Aktivistinnen von Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale 2012 eingeführt. Außerdem fanden Fahnder bei einer Durchsuchung von Sokolowskijs Wohnung einen Stift mit eingebauter Kamera; der Besitz von Spionage-Technik ist in Russland verboten.

Im Plädoyer der Staatsanwaltschaft hieß es: "Die Äußerung von Missachtung gegenüber dem Staat darf nicht toleriert werden. Wenn es jemandem nicht gefällt, kann er ja wegziehen." Stattdessen äußere der Angeklagte "nur seine negative Einstellung, ohne Gegenvorschläge zu machen".

Der Student reagierte schockiert. Er sei überzeugter Atheist, Kosmopolit und Libertarist, aber er habe niemanden daran gehindert, seinen Glauben zu praktizieren, sagte er in seinem Abschlusswort vor der Urteilsverkündung. "Vielleicht bin ich ein Idiot, aber ich bin ganz bestimmt kein Extremist." Es sei eine Tat ohne Opfer.

Der Fall inspirierte die Autoren von "Die Simpsons"

Sokolowskijs Video-Blog war nicht ausdrücklich politisch; wie viele andere Youtube-Kanäle sprach er über aktuelle Ereignisse, Videospiele und andere Blogger. Gleichwohl stufte die Menschenrechtsorganisation Memorial Sokolowskij als politischen Gefangenen ein, weil er allein für eine Meinungsäußerung vor Gericht kam. Derzeit zählt Memorial in Russland 116 politische Gefangene. Menschenrechtsvertreter weisen darauf hin, dass sich die Fälle häufen, in denen russische Gerichte Menschen allein für Äußerungen in sozialen Netzwerken, für das Teilen angeblich extremistischer Inhalte oder auch nur für einen Klick auf "Gefällt mir" verurteilen.

Der Fall hatte wegen des skurrilen Tatvorwurfs international Aufsehen erregt und offenbar auch die Autoren der Zeichentrickserie "Die Simpsons" inspiriert. In einer Folge, die der amerikanische Sender Fox im April ausstrahlte, jagt Homer Simpson während des Gottesdienstes Pokémons. Der Sender 2x2, der die Serie in Russland ausstrahlt, kündigte an, die Folge nicht zu zeigen.

© SZ vom 11.05.2017

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