Kurioser Prozess:Gefühlt 102

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Verhandlung über das tatsächliche Alter eines Mannes

Der Kläger (von hinten) aus dem Landkreis Stade sagt, er sei 102, das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen sah das anders.

(Foto: Philipp Schulze/dpa)

Ein 48-Jähriger beansprucht Altersrente - er sei über 100 und könne nicht länger warten. Das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen bestellt daraufhin den Greis persönlich ein.

Von Peter Burghardt, Hamburg

Das ist jetzt mal ein wirklich lustiger Beitrag zum Thema Ruhestand, auf die Idee muss einer erst mal kommen. Ein Mann mittleren Alters beansprucht Altersrente, er sei 102 Jahre alt. Kann ja sein, es gibt mehr Hundertjährige, als man meinen könnte, sie werden von der Rentenkasse allerdings selten vergessen.

Für gewöhnlich bekommt man seine Rentenzwischenbescheide schon in jüngeren Jahren zuverlässig zugeschickt, was einem die Zukunft jedes Mal in Zahlen vor Augen führt. Den Mann hielt das nicht davon ab, sich in einer Phase vermutlich großer Müdigkeit und dennoch beachtlicher Fantasie an die Deutsche Rentenversicherung zu wenden, die DRV. Er befinde sich im Rentenalter, berichtete er, und mahnte die Rente an, er könne nicht noch länger warten. Die DRV sah im Register nach und stellte fest, dass der Antragsteller 1973 in Stade geboren und demnach 48 Jahre alt ist. Außerdem sei er als Verwaltungsfachangestellter in Vollzeit tätig, was bei 102-Jährigen nicht zum Regelfall zählt. Seine Forderung wurde abgewiesen, der gefühlt vorzeitig gealterte Antragsteller jedoch blieb dabei.

Er sei 1919 in Hannover zur Welt gekommen, so seine Version. Er legte eine Eidesstattliche Erklärung vor sowie eine selbstgemachte Geburtsbescheinigung und erklärte die Daten der DRV für falsch: Er habe 1973 in Stade einen Unfall erlitten, darüber dürfe er jedoch aus Sicherheitsgründen nicht sprechen. War es möglicherweise eine Art Zweitgeburt? Auch Altbundeskanzler Helmut Schmidt habe wie er bis ins hohe Alter am Schreibtisch gearbeitet, soll der Mann laut der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung erläutert haben.

"Dass wir es nicht mit einem 102-jährigen Menschen zu tun haben, ist, glaube ich, offensichtlich."

Die Sache ging bereits im ersten Durchgang zu Ungunsten des Klägers aus, die DRV lehnte ab. Nun musste sich das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen, das LSG, allen Ernstes mit einer Feststellungsklage in der Angelegenheit befassen. Das LSG bestellte den vermeintlichen Senior persönlich ein und außerdem seinen Arbeitgeber, aus der Nähe betrachtet lassen sich die Dinge besser klären. Wobei man sich natürlich optisch leicht täuschen kann, wer weiß das nicht. Die einen sehen älter aus, als sie sind, die anderen jünger. Die einen fühlen sich älter, als sie sind, die anderen jünger. Die Gene, die Lebensweise, die Einstellung, da kommt viel zusammen. Manche laufen mit 90 Jahren noch Marathon, andere kriegen mit 30 in der Kneipe ohne Ausweis kein Bier.

Vor der Kammer in Celle tauchte der Beschwerdeführer am Freitag mit weißem T-Shirt, schwarzer Jacke und angegrauten Haaren auf. Sein Gesicht mit Maske verschwindet auf den Fotos aus dem Sitzungssaal erst hinter einem Rucksack und ist dann nur von der Seite zu sehen, das Gericht sah ihn und seine Personalien aber ganz deutlich. "Dass wir es nicht mit einem 102-jährigen Menschen zu tun haben, ist, glaube ich, offensichtlich", sagte der Richter Uwe Dreyer, womit das Urteil praktisch gesprochen war. Er wies die Berufung ab, die Feststellungsklage sei "schlichtweg unzulässig".

Die Verfahrenskosten in Höhe von 1000 Euro muss der Rentenschwindler bezahlen, Strafen dürften angesichts seiner erfindungsreichen Angaben folgen. Zurück bleiben Gedanken an Männer und Frauen, die mit 80 noch Geld verdienen müssen oder wollen, und an künftige Rentenantrittsalter, das ewige Arbeitsleben. Vielleicht sind die Gesündesten eines Tages noch mit 102 im Einsatz und die Rentenversicherungen dann wunderbar entlastet. Der Mann, der sich leicht verfrüht im zweiten Lebensjahrhundert wähnt, hat mutmaßlich noch Zeit, um über seine künftige Versorgung nachzudenken. Er ist ja noch jung und das Alter sowieso nur ein Gefühl.

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