Prozess:Obdachlosen getötet und angezündet - Richter verhängt lange Haftstrafen

Prozess um Tod eines Obdachlosen  in Köln

In der Unterführung in Köln erinnert eine Kerze an den dort getöteten Obdachlosen.

(Foto: dpa)
  • Wegen gemeinschaftlichen Totschlags eines Obdachlosen sind zwei ebenfalls Obdachlose zu siebeneinhalb Jahren Gefängnisstrafe verurteilt worden.
  • Das vom Richter verhängte Strafmaß ging über die von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafe hinaus.
  • Die beiden Angeklagten hatten den Mann im November in einer Unterführung in Köln zu Tode getreten und anschließend seine Leiche angezündet.

Es war in einer kalten Novembernacht 2016, als Polizisten in einer Unterführung in der Kölner Innenstadt ein Feuer entdeckten. Erst auf den zweiten Blick erkannten sie, dass in den Flammen ein Mann lag. Der alarmierte Notarzt konnte nur noch den Tod des 29-jährigen Obdachlosen feststellen. Der Mann hatte in der Unterführung sein Schlaflager gehabt. Die Ermittlungen ergaben, dass zwei andere Obdachlose für seinen Tod verantwortlich waren.

Der 37 Jahre alte Mann und die 31 Jahre alte Frau sind jetzt vom Landgericht Köln wegen gemeinschaftlichen Totschlags zu jeweils sieben Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Der Richter verhängte ein Strafmaß, dass über das von der Staatsanwaltschaft geforderte hinausging. Diese hatte für den Mann eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren, für die Frau fünf Jahre und sechs Monate gefordert.

In der Tatnacht hatten die beiden Angeklagten nach einem Streit ihr Opfer so brutal gegen den Kopf und in den Bauch getreten, dass der Mann nach kurzer Zeit starb. Um die Spuren zu beseitigen, zündeten sie anschließend die Leiche an. Im Prozess hatten sie sich auf Notwehr berufen. Der getötete Mann soll die Frau sexuell belästigt haben.

Gewalt gegen und unter Obdachlosen nimmt immer weiter zu. Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) sind dabei im vergangenen Jahr in Deutschland 17 Menschen getötet worden. Demnach wurden 128 Fälle von Körperverletzungen bekannt. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Viele Opfer zeigen Gewalttaten erst gar nicht an.

Die Gründe für die Angriffe haben der BAGW zufolge oftmals menschenverachtende und rechtsextreme Motive. Auch Experten des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) haben herausgefunden, dass unter den mindestens 179 Todesopfern rechtsextremer Gewalt seit 1990 etwa 20 Prozent Obdachlose waren.

In vielen Fällen geht die Gewalt aber auch von Obdachlosen selbst aus. Alkohol- und Drogenkonsum, Streit um Lebensmittel und beengte Verhältnisse in Obdachlosenunterkünften sind die häufigsten Gründe für gewalttätige Übergriffe. Frauen sind häufiger Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch. Um Obdachlose besser schützen zu können, fordert die BAGW eine konsequente Strafverfolgung.

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