Prozess in Darmstadt:Freund des Angeklagten berichtet von Beleidigungen durch Tuğçe

  • Im Prozess um den gewaltsamen Tod der Studentin Tuğçe hat ein Freund des Angeklagten ausgesagt. Die Studentin sei kurz vor dem Schlag auf Sanel M. zugelaufen und habe ihn beleidigt, sagte der 18-Jährige.
  • Die Anwälte der Nebenkläger bezweifelten, dass der Zeuge diese Szene beobachten konnte.
  • Später wirft der Zeuge Tuğçes Bruder vor, ihn in einer Verhandlungspause beleidigt zu haben.

Von Susanne Höll, Darmstadt

Freund des Angeklagten im Zeugenstand

Im Prozess um den Tod der Studentin Tuğçe Albayrak hat ein Freund des Angeklagten die letzten Sekunden vor dem Schlag geschildert. Die Studentin sei auf Sanel M. zugelaufen und habe gerufen: "Komm doch her, du kleiner Hurensohn", sagte der Zeuge - ein Schüler aus Offenbach - vor dem Landgericht in Darmstadt.

Sanel M. habe Tuğçe daraufhin mit der rechten Hand auf die linke Kopfseite geschlagen. Sie sei direkt umgekippt. Er habe angenommen, sie sei ohnmächtig. "Ich habe nicht gedacht, dass es eine so schwere Kopfverletzung ist", sagte der Schüler vor Gericht. Der 18-Jährige hatte versucht, den angetrunkenen Sanel M. zu beruhigen, hatte ihn festgehalten. Er hatte, anders als die übrigen Freunde des Angeklagten, an dem Abend keinen Alkohol getrunken.

Protest von der Nebenklage

Die Anwälte der Nebenkläger - Eltern und Brüder der Toten - bezweifelten, dass der Zeuge diese Szene beobachten konnte. Videoaufnahmen zeigten, dass er erst im Moment des Schlages den Kopf zu Tuğçe drehte.

Zum Schluss seiner Aussage erklärte der Zeuge, der Bruder von Tuğçe habe ihn in einer Verhandlungspause als "Hurensohn" bezeichnet. Von der Nebenklage kam Protest. Der Sachverhalt konnte nicht geklärt werden.

Widersprüchliche Aussagen vor Gericht

Am vierten Verhandlungstag hörte das Gericht noch weitere Freunde von Sanel M., die sich wie andere beim vorangegangenen Prozesstermin am Montag öfter auf Erinnerungslücken beriefen und auf Nachfragen vor allem von Kammer, Staatsanwaltschaft und Nebenklage widersprüchliche Angaben machten.

Der Angeklagte hatte zum Prozessauftakt eingeräumt, Tuğçe vor einem Schnellrestaurant in Offenbach einen heftigen Schlag ins Gesicht versetzt zu haben. Sie stürzte, zog sich Kopfverletzungen zu und fiel ins Koma, aus dem sie nicht mehr erwachte. Sanel M. ist wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. Das Gericht hat insgesamt 60 Zeugen geladen. Das Urteil fällt voraussichtlich im Juni.

Die Freundinnen von Tuğçe sind bereits vernommen worden und hatten sich vor Gericht in Widersprüche verwickelt. Schließlich räumten sie ein, bei dem Streit weniger friedfertig reagiert zu haben als zuvor angenommen. Sie hätten ebenfalls gepöbelt. Nach Aussagen einer Zeugin nannte der Angeklagte die Mutter von Tuğçe Albayrak eine "Nutte". Die Studentin habe ihn daraufhin als "Hurensohn" betitelt.

(Mit Material der dpa)

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB