Prozess in Brandenburg "Ich kann mich nicht erinnern, in meinem Kopf ist alles anders"

Seine Frau ist ebenfalls zum Prozess gekommen. Schwarz gekleidet sitzt sie neben einer Notfallseelsorgerin, die ihr immer wieder über den Arm streicht, als der Staatsanwalt die Anklageschrift verliest. Die Frau hat Tränen in den Augen, doch sie richtet ihren Blick die ganze Zeit auf Jan G. Als könne sie endlich die Antwort auf die Frage erhalten, warum ihr Mann im Dienst sterben musste. Doch sie bekommt nur viele zusammenhanglose Sätze zu hören, als Jan G. sich an sie wendet.

"Ich kann mich nicht entschuldigen", sagt er, "ich kann nur sagen, dass es mir leid tut." Er wisse nicht, warum er auf die Polizisten zugerast sei und ob er überhaupt auf der Straße gewesen sei, "ich kann mich nicht erinnern, in meinem Kopf ist alles anders". Er wisse, dass die Polizisten keine Chance hatten zu reagieren, sagt Jan G. "Aber ich hatte auch wenig Zeit, eine Entscheidung zu treffen." Und dann kommt wieder einer dieser wirren Sätze: "War es überhaupt eine Entscheidung oder eine Handlung wie bei Oma?"

Der psychiatrische Sachverständige wird in seinem Gutachten klären müssen, woran Jan G. leidet und inwiefern eine psychische Krankheit seine Taten beeinflusst hat. Aus früheren Gerichtsentscheidungen weiß man, dass Jan G. in äußerst schwierigen Verhältnissen aufwuchs. Sein Vater starb, als er drei Jahre alt war, seine Mutter hatte wechselnde Lebensgefährten. Einer von ihnen missbrauchte Jan G. und seine Schwestern über mehrere Jahre hinweg. Jan G. wurde früh verhaltensauffällig, mit zehn kam er das erste Mal in eine jugendpsychiatrische Klinik. Später wurde er in einem Kinderheim untergebracht, in dem er aber nicht bleiben durfte, nachdem er mehrere Einbrüche begangen hatte.

In Behandlung wegen Schizophrenie

Er kam wieder bei seiner Mutter unter, nahm Drogen, galt als suizidgefährdet. Seit 2013 war er zudem wegen Schizophrenie in Behandlung und sollte Medikamente nehmen, was er aber nicht tat. Und seit er 15 ist, hat er immer wieder Gewalttaten begangen. Zuletzt wurde er im November 2016 zu einer Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt, die aber auf Bewährung ausgesetzt wurde. Ein Gutachter hatte bei Jan G. eine "gute therapeutische Beeinflussbarkeit" festgestellt, und die Hürden, um jemanden bei einer positiven Prognose in die Psychiatrie einzuweisen, sind hoch.

Wenige Wochen später stand Jan G. wieder einmal unter Drogen, als er seine Großmutter in ihrem Haus im brandenburgischen Müllrose besuchte. Er wollte duschen, doch die Badewanne war vollgeräumt. Die beiden begannen zu streiten, Jan G. schüttete seiner Großmutter erst Honig über den Kopf, dann begann er, sie zu schlagen, zu treten und zu würgen. Als sie telefonieren wollte, holte er ein Küchenmesser und stach ihr in den Has. Die Frau verblutete, Jan G. flüchtete in ihrem Auto.

Seine Mutter, die ebenfalls Nebenklägerin ist, fehlt im Prozess. Ihr Anwalt sagt, sie sei krebskrank, kürzlich sei ihr Lebensgefährte verstorben, "ich habe einen gebrochenen Menschen erlebt". Und er erzählt, dass die Mutter sich immer wieder an die Behörden gewandt und auf die Gefährlichkeit ihres Sohnes hingewiesen habe, vergebens. "Die Vorzeichen waren zu 200 Prozent gegeben", sagt der Anwalt. "Die Behörden, die sich hier geirrt haben, werden eine lange Zeit nicht schlafen können". Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

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