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Prozess gegen Somalier in Hamburg:Piraten als Berufsrisiko

Wichtige Aussage im Hamburger Piraten-Prozess: Besonnen und gelassen schildert der Kapitän der gekaperten "Taipan" die Ereignisse im April, als zehn somalischen Piraten sein Schiff überfielen.

Dierk Eggers sagt, das Reden sei seine Sache nicht. Er steht draußen im Flur des Hamburger Landgerichts, zieht unter seine Winterjacke noch eine Strickjacke, drapiert die türkisfarbene Wollmütze auf seinem Kopf und versucht, die Kameras zu ignorieren, die auf ihn gerichtet sind. Eggers ist Kapitän auf großer Fahrt, 69 Jahre alt und wichtiger Zeuge in einem der spektakulärsten Prozesse des ablaufenden Jahres. Zehn somalische Piraten sind in Hamburg angeklagt, am 5. April 2010, Ostern, die Taipan rund 600 Meilen vor dem Horn von Afrika angegriffen, beschossen und geentert zu haben. Die Taipan stand unter Eggers' Kommando auf dieser Fahrt.

Aussage des Kapitäns im Piraten-Prozess

Vor dem Landgericht in Hamburg sagte heute Dierk Eggers aus, der deutsche Kapitän des von somalischen Piraten gekaperten Schiffes. 

(Foto: dpa)

Der alte Seebär, schon Jahrzehnte auf See, relativiert an diesem Mittwoch den Rummel, der um den ersten Piratenprozess in Hamburg seit ein paar Hundert Jahren gemacht wird. Piraterie sei nun mal sein Berufsrisiko, sagt er draußen vor dem Gerichtssaal. Piraten gebe es, so lange er zur See fahre. Beschossen worden sei er zwar noch nie, aber dass Freibeuter an Bord kamen und Güter und Geld verlangten, "das ist oft passiert. Erst jetzt wird das so hochgespielt".

Zuvor, auf dem Zeugenstuhl, hatte Eggers ganz bedächtig von jenem 5. April erzählt. Die Taipan war zwei Tage zuvor in Djibuti ausgelaufen und hatte den Golf von Aden schon verlassen, jene kritische Zone, in der Piraten am häufigsten zuschlagen. Da erspähte der Mann im Ausguck bei tropischer Hitze und dunstiger Luft in acht Seemeilen Entfernung eine Dau, ein arabisches Holzschiff für den Fischfang, das sogleich auch auf dem Radar auftauchte. Eggers berichtete, wie er die Taipan anwies, den Kurs zu wechseln, um zu sehen, ob das Schiff ihr folgen würde. "Sie schien sogar abzudrehen, was ich falsch interpretierte", sagte Eggers. Er glaubte, die Dau würde nun Fischernetze aussetzen, denn es seien Bänke dort, die Fischfang erlaubten. Aber sie setzte zwei Skiffs aus, kleine, schnelle Boote. So schnell, dass nicht die Skiffs selbst, sondern der Wasserwirbel ihrer Motorschrauben auf dem Radarbild erschienen. "Als Linie", sagt Eggers.

Der Kapitän wusste, was nun kommen würde. Bis auf drei Mann schickte er die Besatzung in den speziell gesicherten Maschinenkontrollraum, von Seeleuten "die Zitadelle" genannt. Eggers versuchte noch, die Piraten per Leuchtrakete zu beeindrucken, aber da sei auch schon das Feuer aus Kalashnikovs eröffnet worden. "Die Kugeln flogen nur so durch die Luft", durchschlugen das Glas der Brückenfenster "und gingen auch durch Stahl, wie Butter". Nun verschwanden auch Eggers und der Rest der Mannschaft im Schutzraum einige Decks tiefer, von wo aus sie die Stromversorgung des Schiffes kappten. Fortan hörten sie nur noch durch die Lüftungsschächte, wie die Piraten nach ihnen suchten; hörten, wie niederländische Soldaten landeten, die Piraten festnahmen. Bei Anbruch der Dunkelheit war die Taipan frei.

Eggers sagt, er und seine Mannschaft hätten "großes, schicksalhaftes Glück" gehabt. Aber er habe dennoch keine Furcht gehabt, "und ich habe heute keinen Hass". Hier im Gericht müsse man reden, werde fotografiert, das sei alles nicht seine Welt: "Nur da draußen weißt du, wer du wirklich bist."