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Prozess gegen Oscar Pistorius:Erwartbar eindimensionale Empörung

Diesem öffentlichen Druck standzuhalten, war sicherlich kein Leichtes, zumal in Südafrika, anders als etwa in den USA, die Entscheidung bei einer einzigen Richterin lag. Nachdem Thokozile Masipa am Donnerstag eine Verurteilung wegen Mordes - auch im Sinne des deutschen Totschlags - ausgeschlossen hatte, brach bei Twitter eine Welle der Wut und Empörung los. "Wollt ihr mich verschaukeln", hieß es da zum Beispiel zum Urteil. "Lächerlich". Zornige Zuschauer sahen Masipas Entscheidung als Beleg für das fortwährende Privileg der Weißen beziehungsweise für die mangelnde Verfolgung von Gewalt gegen Frauen an.

Die Entscheidung der Richterin derart abzukanzeln und als frauenverachtend beziehungsweise rassistisch gefärbt hinzustellen, ist ebenso einfach wie erwartbar - schließlich waren die auf Twitter versammelten Stimmen ja schon vor Beginn der Urteilsverkündung von Pistorius' Schuld überzeugt.

Weniger laute, aber professionellere Stimmen attestieren Masipa allerdings eine vorbildliche Prozessführung. "Das Verfahren wurde außergewöhnlich gut geführt", sagt zum Beispiel Bateman, er habe selten ein Verfahren erlebt, das so schnell durchgezogen wurde. Zwar gibt es in Juristenkreisen Kritik an Masipas Rechtsinterpretation - daran, dass sie sich in ihrem Urteil ausschließlich auf die Gesetze und die Beweislage stützte, dürfte aber niemand ernsthaft zweifeln. Und Staatsanwalt Gerrie Nel hat Pistorius im Kreuzverhör derart erbarmungslos in die Mangel genommen, dass er über jeden Verdacht erhaben ist, den Angeklagten bevorzugt behandelt zu haben.

Prozess offenbart Probleme

Hat also dieser Prozess tatsächlich bewiesen, wie weit sich Südafrika von der tief gespaltenen Gesellschaft entfernt hat, die es jahrzehntelang war? Vielleicht. Auf einer anderen Ebene hat er jedoch auch aufgezeigt, dass noch lange nicht alles getan ist.

In einem Artikel für die Zeitung City Press schreibt Mondli Makhanya, dass dieser Prozess "Südafrika einen Spiegel vorgehalten habe". Neben all den Errungenschaften des Landes sind dort auch Flecken zu sehen. Probleme, mit denen Südafrika noch immer zu kämpfen hat: Erstens eine überlastete Polizei, der im Fall Pistorius - wie so oft - eklatante Pannen anzulasten sind. Zweitens Gewaltkriminalität, so massiv und so weit verbreitet, dass die Richterin die Geschichte des Angeklagten nachvollziehbar findet: Dass er, als er einen vermeintlichen Einbrecher hört, nach seiner Waffe greift und auf ihn feuert. Der Prozess hat, auch dank der Aktivisten, die regelmäßig vor dem Gerichtsgebäude protestierten, drittens häusliche Gewalt wieder zum Thema gemacht. In kaum einem anderen Land werden Frauen so häufig von ihrem Partner getötet wie in Südafrika. Der Guardian berichtet unter Berufung auf die Nichtregierungsorganisation Sonke Gender Justice, dass 2009 dort alle acht Stunden eine Frau von ihrem Partner getötet wurde.

Und schließlich ist da noch die Sache mit Schwarz und Weiß. Makhanya schreibt - nicht ohne Sarkasmus -, zwar seien einige Akteure im Prozess schwarz gewesen: "Da war der Sicherheitsmann von Pistorius' Wohnanlage. Da waren Übersetzer und Ordner. Und ja, da sind Richterin Thokozile Masipa und ihre Assessoren, die wichtigsten Personen im Gericht." Doch der Staatsanwalt, die Verteidiger, die Gutachter, sie alle waren weiß: "Die Tatsache, dass sie Tropfen in einem weißen Meer sind, sollte Südafrikaner in diesem 20. Jahr unserer Demokratie stören."

David Smith, der den Prozess für den britischen Guardian verfolgt hat, weist außerdem daraufhin, dass eine weitere schwarze Person eine wichtige Rolle spielte, die nicht zu sehen war: der vermeintliche Eindringling. Was, wenn Pistorius tatsächlich einen schwarzen Einbrecher erschossen hätte und nicht das weiße Model Reeva Steenkamp? Hätte der Prozess dann für annähernd so viel Aufmerksamkeit gesorgt? Wohl kaum. In eine ähnliche Richtung denkt Tim Butcher. Im Telegraph schreibt er über die Furcht vor der "schwarzen Gefahr", die tief ins kollektive Bewusstsein der niederländischen Siedler und ihrer Nachfolgen eingebrannt sei. Masipas Urteilsbegründung gebe vor allem deswegen Anlass zur Sorge, weil "sie die Angst vor Angriff als eine sehr reale Eigenart des Lebens im modernen Südafrika darstellt, so real, dass bisweilen extreme Reaktionen berechtigt sind."

Als der Angeklagte und die Richterin am Freitag den Gauteng High Court von Pretoria verließen um nach Hause zu fahren - Pistorius zu seinem Onkel Arnold, wo er seit Beginn des Prozesses lebt und dessen Adresse nun die Welt kennt, seit sie am Freitag vor Gericht genannt wurde - hatte das Verfahren aber auch eine zutiefst demokratische Wirkung gezeigt. Der Prozess fand, wie Butcher notiert, auf den "Flachbildschirmen in den Herrenhäusern der Reichen" ebenso statt wie "in den sozialen Netzwerken auf den Handys der Dienstmädchen". Der Fall Pistorius hat alle Menschen im Land gefesselt, arm, reich, schwarz, weiß, Frauen, Männer. Und er wird es in vier Wochen noch einmal tun, wenn Richterin Masipa das Strafmaß bekanntgibt.

© Süddeutsche.de/mikö

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