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Erster Prozesstag gegen norwegischen Attentäter:Videos und Tonbänder dokumentieren Breiviks tödlichen Terror

Menschen fliegen durch die Luft, Trümmerteile stürzen auf die Straße: Zum Prozessauftakt gegen Anders Behring Breivik führt die Staatsanwaltschaft bisher nicht veröffentlichte Videos des Bombenanschlags in Oslo und Tonaufnahmen vom Massaker auf Utøya vor. Der Angeklagte verfolgt das Geschehen emotionslos - einzig als ein von ihm produziertes Propagandavideo gezeigt wird, weint der Massenmörder.

Die erste Provokation erfolgt, kaum dass Anders Behring Breivik den Gerichtssal betreten hat: Er streckt den Anwesenden zum Gruß seinen rechten Arm mit geballter Faust entgegen. Bei einem Haftprüfungstermin im Februar interpretierte der Anwalt des norwegischen Attentäters, Geir Lippestad, eine ähnliche Geste als rechtsradikalen Gruß. Lippestads Mandant scheint die ihm zuteil werdende Aufmerksamkeit zu genießen: Immer wieder huscht ein Lächeln über sein Gesicht, Minuten vor Prozesseröffnung unterhält er sich noch mit seinem Verteidigerteam.

Dem Mann in schwarzem Anzug mit hellbrauner Seidenkrawatte wird der Tod von 77 Menschen zur Last gelegt: Am 22. Juli vergangenen Jahres zündete Breivik zunächst im Osloer Regierungsviertel eine Autobombe, dabei kamen acht Menschen ums Leben. Anschließend richtete er auf der Insel Utøya ein Blutbad an, auf der zu diesem Zeitpunkt ein Jugendlager der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Norwegens stattfand. Von diesem Montag an muss sich der Massenmörder nun wegen seiner Taten vor Gericht verantworten: die Entwicklungen des ersten Prozesstages in der Rückschau, mit Eindrücken aus Oslo von SZ-Korrespondent Gunnar Herrmann.

[] Verteidiger: Breiviks Aussage "wichtigstes Beweismittel"

Zum Ende des ersten Prozesstags kommt die Verteidigung zu Wort: Anwalt Geir Lippestad betont das "fundamentale Recht" seines Mandanten auf eine Aussage. Von Dienstag an soll Breivik aussagen. Der 33-Jährige müsse angehört werden, seine Worte seien "das wichtigste Beweismittel". Welche Wirkung die Worte des Angeklagten auf Opfer, Angehörige und Öffentlichkeit haben könnten, scheint dem Verteidiger bewusst zu sein: Das Weltbild des 33-Jährigen sei schwierig zu verstehen, sagt Lippestad. "Er hat den Wunsch, als zurechnungsfähig verurteilt zu werden", betont er. Nach dieser Stellungnahme endet Tag eins des Verfahrens.

[] Video- und Tonaufnahmen vom Tag des Terrors

Mit dem Tag des Terrors setzt die Staatsanwaltschaft ihre Ausführungen nach der Mittagspause fort. Den Vormittag des 22. Juli nutzte Breivik, so haben die Ermittler anhand von Computerdaten rekonstruiert, um Manifest und Video im Internet zu verbreiten.

Oslo

Am späten Vormittag macht er sich dann von der Wohnung seiner Mutter aus mit einem präparierten Kleintransporter auf nach Oslo. Um 12:03 löst Breivik im Regierungsviertel ein Parkticket. Videosequenzen von Überwachungskameras, die wenige Minuten später datieren, zeigen den 33-Jährigen in gestreiftem Hemd mit Regenschirm und Dokumententasche, wie er sich zu Fuß aus dem Viertel entfernt. Mit dem Taxi lässt er sich zurück zur Wohnung seiner Mutter chauffieren.

Dann lässt Staatsanwalt Holden Videobilder des ersten Anschlags vorführen: Darauf ist zu sehen, wie Passanten auf den geparkten Transporter zugehen, in dem Breivik die Bombe platziert hat. Die Wucht der Detonation lässt Menschen durch die Luft fliegen, Trümmerteile gehen nieder, Papierfetzen wirbeln in der Stille nach der Explosion. Der Angeklagte verfolgt die schockierenden Bilder emotionslos, anwesende Angehörige und Prozessbeobachter reagieren sichtlich entsetzt auf die bisher unveröffentlichten Aufnahmen.

Utøya

Mit dem Auto begibt sich Breivik anschließend in Richtung Utøya, etwa 30 Kilometer nordwestlich von Oslo. Als Polizist verkleidet setzt er über auf die kleine Insel im Tyrifjord. Anhand einer Grafik zeichnet Staatsanwalt Holden die tödliche Spur des Attentäters nach: Minutiös schildert er, wo genau der Mörder auf seine Opfer traf; abermals werden alle Getöteten namentlich genannt. Dann kündigt Holden an, er werde nun "kräftiges Tonmaterial" vorspielen - und gibt den Angehörigen Gelegenheit, den Saal zu verlassen. Auf dem Band ist zu hören, wie ein Mädchen während des Amoklaufes minutenlang die Polizei um Hilfe anfleht. Die Jugendliche hatte sich in der Caféteria des Ferienlagers versteckt, in der Breivik mehrere Menschen erschoss. "Kommt schnell, kommt schnell", sagt das verzweifelte Mädchen - im Hintergrund peitschen Schüsse, Schreie sind zu hören.

[] Angehörige der Todesopfer im Gerichtssaal

Die Besucherbänke im Osloer Gerichtssaal sind für die Familien der 77 Todesopfer reserviert. Die Überlebenden wurden in Nebenräumen platziert, sie können das Geschehen via Bildschirm mitverfolgen. Mancher bleibt dem Prozess jedoch auch bewusst fern: In der Verhandlung wird der Schrecken vom 22. Juli 2011 erneut lebendig. Nur vereinzelt kommt Breivik am Montag zu Wort, in seinen wenigen Aussagen verhöhnt er seine Opfer. Von Dienstag an wird der Angeklagte aussagen - die Staatsanwalt will die Ausführungen des 33-Jährigen allerdings auf Prozessrelevantes beschränken.

Die anwesenden Angehörigen verfolgen den Prozessauftakt größtenteils gefasst, ein junges Mädchen bricht jedoch in einer Prozesspause zusammen und muss behandelt werden. Neben dem Täter werden die Überlebenden und Angehörigen vor Ort auch mit der gewaltigen Medienpräsenz konfrontiert. Vor dem Prozess wurden deshalb Klebesticker mit der Aufschrift "No interview, please" verteilt.

[] Breivik weint bei Filmvorführung

Er sei nicht arbeitslos, sondern von Beruf Schriftsteller und übe seine Tätigkeit vom Gefängnis aus weiter aus, hatte Breivik die Richterin zu Beginn kritisiert. In seinen Ausführungen geht Staatsanwalt Holden auf das mehr als 1500 Seiten starke Manifest des Rechtsradikalen ein, in dem dieser die vermeintliche "islamische Kolonialsierung" Europas kritisiert. Vor seiner Terrorserie hatte Breivik sein menschenverachtendes Pamphlet über das Internet verbreitet - und einen etwa zwölfminütigen selbstproduzierten Videofilm ins Netz gestellt: Knights Templar 2083. Als dieser im Gerichtssaal vorgeführt wird, beginnt der Angeklagte zu weinen.

[] Staatsanwalt gibt Einblicke in Leben des Attentäters

Wer ist dieser Mann, der kaltblütig 77 Menschen ums Leben gebracht hat - und weitere Anschläge plante? Staatsanwalt Svein Holden berichtet, wie aus dem Norweger Anders Behring Breivik der rechtsradikale Attentäter von Oslo und Utøya wurde. Er schildert, wie der heute 33-Jährige 2001 über das Internet in Kontakt mit militanten Nationalisten kommt, wie er 2002 nach London reist - angeblich zum Gründungstreffen des Geheimbundes "Knights Templar" (Tempelritter). Staatsanwalt Holden zweifelt in seinen Ausführungen jedoch die Existenz der Organisation an. Breivik habe in den Jahren vor den Anschlägen intensiv Computerspiele genutzt, darunter sogenannte Ego-Shooter, berichtet der Staatsanwalt. Spätestens im September 2010 nehmen Breiviks Terrorpläne dann konkrete Formen an: Er beginnt dem Staatsanwalt zufolge die Zutaten für seinen Sprengstoff zu kaufen.

[] Breivik plädiert auf nicht schuldig

Nach der Verlesung der Anklageschrift fragt die Richterin den Angeklagten, wie er plädiert: "Ich erkenne die Taten an", sagt Breivik, "aber nicht die Strafschuld, weil ich in Notwehr gehandelt habe." Bereits vor der Einlassung des 33-Jährigen hatten Breiviks Anwälte angekündigt, dass ihr Mandant auf nicht schuldig plädieren werde. Sie wollen im Prozess beweisen, dass der 33-Jährige - entgegen eines ersten rechtspsychiatrischen Gutachtens - nicht geisteskrank ist, sondern in vollem Bewusstsein seiner Taten handelte. Ein in der vergangenen Woche veröffentlichtes zweites Gutachten hatte den Massenmörder für zurechnungsfähig erklärt. Es war in Auftrag gegeben worden, weil sowohl von Seiten der Opfer und Angehörigen als auch von Experten erhebliche Zweifel an der ersten psychologischen Untersuchung laut geworden waren. (Linktipp: Ausblick auf den Prozess der Psychiater)

Die insgesamt vier Rechtspsychiater werden den gesamten Prozess mitverfolgen und können auf Grundlage dieser Beobachtungen ihre Gutachten noch einmal überarbeiten.

[] Staatsanwältin trägt Namen der Opfer vor

Die Toten und Verletzten sollen nicht namenlos bleiben, ihr Leid dem Täter vor Augen geführt werden: Staatsanwältin Inga Bejer Engh trägt den Namen jedes einzelnen Opfers der beiden Attentate vor. Detailliert beschreibt die Anklagevertreterin, welche zum Teil schwersten Verletzungen die Menschen in Oslo und auf Utøya erlitten haben, wo und wie lange sie in Behandlung waren. Die Verlesung der Anklageschrift dauert fast eine Stunde. Breiviks Anwältin Vibeke Hein Baera, die links neben ihrem Mandanten sitzt, hat das Dokument vor sich auf dem Tisch liegen. Dorthin ist der Blick des 33-Jährigen während der ganzen Zeit gerichtet, konzentriert liest er mit.

[] Angeklagter attackiert Richterin

Kurz nach Prozesseröffnung ergreift der Angeklagte erstmals das Wort. Er erkenne das norwegische Recht nicht an, erklärt Breivik. Die Gerichte hätten "ihr Mandat von den norwegischen politischen Parteien erhalten, die den Mulitikulturalismus unterstützen". Außerdem bringt er Zweifel an der Objektivität der Richterin an. Diese sei mit der Schwester von Gro Harlem Brundtland befreundet. Die frühere Ministerpräsidentin Norwegens besuchte am Tag des Attentats das Jugendlager auf Utøya. Breivik wollte offenbar auch die sozialdemokratische Politikerin töten - doch weil er im Stau stand, traf er erst auf der Insel ein, als Brundtland diese bereits wieder verlassen hatte. Die Nachfrage von Richterin Arntzen, ob der Einwand gegen ihre Person formeller Natur sei, verneint Breviks Anwalt Lippestad nach kurzem Gespräch mit seinem Mandanten. Damit erkennt der Angeklagte die Unbefangenheit des Gerichts an.

[] 166 Nebenkläger im Prozess

Sie haben den Bombenanschlag in Oslo und das Massaker auf Utøya überlebt und gehen ganz unterschiedlich mit dem nun beginnenden Verfahren um: Während einige der Opfer dem Prozess bewusst fernbleiben, werden andere Überlebende der Bluttaten Breivik im Gerichtssaal gegenübertreten. 166 Nebenkläger gibt es in dem Verfahren.

[] Mehr als 1000 Journalisten aus aller Welt in Oslo

Um Punkt neun Uhr eröffnet Richterin Wenche Arntzen das Verfahren gegen Anders Behring Breivik. Gemeinsam mit einem Richterkollegen und drei Schöffen wird sie den Prozess führen, den die norwegische Öffentlichkeit mit Spannung erwartet und zugleich gefürchtet hat. Auch das internationale Interesse an dem Verfahren ist gewaltig: Mehr als 1000 Medienvertreter aus aller Welt sind nach Oslo gereist, vor dem Gericht haben schon Tage vor Prozessbeginn Fernsehteams provisorische Studios errichtet. Kurz nach der Eröffnung verweist Richterin Arntzen die Fotografen des Saales, das Geschehen wird jedoch vom norwegischen Fernsehen live übertragen.