Prozess gegen Norwegen-Attentäter Breivik Mein Freund, der Massenmörder

Sie gingen mit ihm zur Schule, waren Arbeitskollegen oder WG-Mitbewohner: In Oslo haben frühere Freunde des norwegischen Attentäters Anders Behring Breivik ausgesagt. Sie erinnern sich einen Kumpel, der "offen, ehrlich, gesellig" war - aber immer mehr zum Einzelgänger und Wunderling wurde.

Von Gunnar Herrmann, Oslo

Nett, freundlich, loyal, aber manchmal auch seltsam und selbstfixiert - die ehemaligen Freunde des Anders Behring Breivik tun sich schwer, den Mann zu beschreiben, der am 22. Juli 2011 in Norwegen 77 Menschen ermordet hat. Vier alte Bekannte des Täters standen am Dienstag im Zeugenstand. Sie waren seine Klassenkameraden, Arbeitskollegen, WG-Mitbewohner - eine Clique, die sich seit der Schule kennt und durch dick und dünn ging.

Dass der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik Freunde hatte, daran besteht nach diesem Prozesstag kein Zweifel mehr. Doch mit dem 77-fachen Mörder wollen die Mitglieder seiner früheren Clique heute nichts mehr zu tun haben.

(Foto: REUTERS)

Doch keiner von ihnen wollte Breivik am Dienstag noch einmal treffen: Der Angeklagte musste auf Wunsch der Zeugen den Saal verlassen. Alle Vier baten zudem darum, anonym zu bleiben - als Freund eines Massenmörders möchte niemand bekannt werden. Doch daran, dass Breivik Freunde hatte, gute Freunde sogar, gab es nach diesem Prozesstag keinen Zweifel mehr.

Der erste Zeuge erinnerte sich mit fast zärtlichen Worten an den Jungen, den er in der Grundschule kennenlernte. "Er war smart, nett, freundlich zu mir. Ich war gern mit ihm zusammen." Ein gewöhnlicher Elfjähriger, fleißig , beliebt in der Klasse. Als "offen, ehrlich, gesellig" beschrieb ihn ein anderer Zeuge. "Er war einer meiner engsten Freunde."

"Er hatte ein düsteres Weltbild"

Doch die Freunde erzählten auch die Geschichte eines Mannes, der zunehmend vereinsamte und wunderlicher wurde. Dass etwas nicht stimmte, hatten sie lange gemerkt. Spätestens 2006 als Breivik seine Wohnung aufgab und zu seiner Mutter zog. Er wirkte niedergeschlagen, meldete sich kaum noch und erzählte, dass er an einem Buch über die "Islamisierung Europas" arbeite - offenbar das rechtsextreme Pamphlet, mit dem er später seine Terroranschläge zu rechtfertigen versuchte. Bei den seltenen Treffen mit der Clique äußerte er immer extremere politische Ansichten.

Die Freunde waren besorgt. "Er hatte ein düsteres Weltbild", sagte einer. Ein anderer erinnerte sich, dass Breivik sehr wütend werden konnte, wenn man ihm mit Gegenargumenten begegnete.

Im Prozesses wird es nun vor allem um die Frage gehen, ob diese Entwicklung Symptom einer Psychose war - oder Ausdruck einer politischen Radikalisierung, ob Breivik geisteskrank ist oder zurechnungsfähig. Breivik selbst sieht sich als politischen Attentäter und nannte in Verhören persönliche Erfahrungen als Grund für seine Radikalisierung. Er berichtete etwa von Schlägereien mit ausländischen Jugendlichen. Ein Pakistaner habe ihm einmal die Nase gebrochen, die er darum später beim Schönheitschirurgen richten ließ.

All das können seine Freunde aber nicht bestätigen. Die Nase, sagen sie, habe er sich aus Eitelkeit operieren lassen. Darüber habe man sogar mit ihm scherzen können. Warum er immer extremer wurde, dafür haben sie auch keine Erklärung.

2010 glaubte die Clique schon, Breivik habe sich gefangen. Da zog er auf einen Bauernhof, zwei Autostunden von Oslo entfernt. Heute weiß man, dass er dort seine Bombe bastelte. Die Freunde waren damals erleichtert, dass er das Kinderzimmer in der Wohnung seiner Mutter verließ. Bei den letzten Treffen habe Breivik wieder normaler gewirkt, sagte ein Schulfreund.

Nur besuchen durfte die Clique ihn in seinem neuen Zuhause nicht. Das fanden die Freunde seltsam. Im Sommer 2011 lud Breivik sie nach langem Drängen dann aber doch ein. Es passe ihm aber erst nach dem 22. Juli, sagte er.

Linktipp: SZ-Korrespondent Gunnar Herrmann berichtet live vom Prozess in Oslo.