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Prozess gegen "El Chapo":Tonnenweise Drogen, tausendfacher Mord und entlarvende Eitelkeit

Drogenboss ´El Chapo"

El Chapo im Januar 2017 vor seiner Auslieferung an die USA. Der Prozess gegen ihn wird womöglich der teuerste der US-Geschichte.

(Foto: Pgr/Ho/Prensa Internacional via ZUMA/dpa)

Joaquín Guzmán galt als einer der meistgesuchten Verbrecher der Welt. Jetzt wird der frühere Drogenboss aus Mexiko in New York vor Gericht gestellt - unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Prozess.

Er gilt als mächtigster Drogenboss der Welt, als "Staatsfeind Nummer 1" in den USA: der Mexikaner Joaquín Guzmán, genannt "El Chapo", jahrzehntelang Chef des Rauschgiftkartells Sinaloa. Zweimal gelang dem heute 61-Jährigen spektakulär die Flucht aus dem Gefängnis, und wenn er nicht so furchtbar eitel wäre, würde er womöglich immer noch frei herumlaufen. Seit Januar 2017 sitzt er in New York im Gefängnis, an diesem Montag hat der Prozess gegen ihn begonnen. Unter anderem wird ihm mehrfacher Mord, Drogenschmuggel, illegale Waffennutzung und Geldwäsche vorgeworfen. Schon wenn er nur in einem dieser Punkte für schuldig befunden würde, käme er wohl lebenslang hinter Gitter. Die SZ beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie wurde El Chapo zum Verbrecher?

Joaquín Guzmán wurde 1954 oder 1957 geboren (die Angaben gehen auseinander), als Sohn ärmlicher Landwirte im Hinterland der Region Sinaloa im Westen Mexikos. Als Kind besserte er das Familieneinkommen mit dem Verkauf von Orangen auf, als 15-Jähriger entdeckte er den Drogenanbau als bessere Einnahmequelle. Er wurde zum Kumpan des Drogen-Schwergewichts Miguel Ángel Felix Gallardo. Nach dessen Verhaftung 1989 entstand die Sinaloa-Gang, und der schnauzbärtige El Chapo ("Der Kleine"), der nur zwischen 1,55 und 1,65 Meter groß ist (auch hier gehen die Angaben auseinander), startete seinen Aufstieg zur Verbrecherlegende. Die Sinaloa-Gang entwickelte sich unter seiner Führung zu einem multinationalen Konzern, der sein schmutziges Vermögen weltweit mit Immobilien und diversen Firmen wusch. Der Anklageschrift zufolge wird El Chapo vorgeworfen, 25 Jahre lang tonnenweise Rauschgift in die USA geschmuggelt zu haben. In seinen aktivsten Zeiten war das Sinaloa-Kartell schätzungsweise für ein Viertel der illegal nach Amerika eingeführten Drogen verantwortlich. Guzmán soll so mehr als 14 Milliarden Dollar verdient - und den Tod Tausender Menschen in Auftrag gegeben haben. Das Time-Magazin zählte ihn zeitweise zu den 50 einflussreichsten Männern der Welt. "Er ist ein Genie der Geschäfte", sagte Mexikos früherer Geheimdienstchef Guillermo Valdés der Zeitung El País. Zeitweise wurde Guzmán vom Forbes-Magazin als Milliardär geführt. Wie dieser Mann aussah, wusste in der Öffentlichkeit aber niemand so genau: Bis er 1993 verhaftet wurde, existierten nur 13 bis 20 Jahre alte Fotos von ihm. Er versteckte sich wohl die meiste Zeit über in den Bergen seiner Heimat.

Ausbruch von mexikanischem Drogenboss

So gelang "El Chapo" die Flucht

Wie wurde er zum Schrecken der Justiz?

Zum ersten Mal erwischten ihn seine Jäger 1993 in Guatemala. Guzmán wurde an Mexiko überstellt, zu 20 Jahren Haft verurteilt und kam ins Gefängnis. 2001 gelang ihm die Flucht, versteckt unter einem Berg Schmutzwäsche. 2,5 Millionen Dollar soll der Drogenboss angeblich für seine Flucht gezahlt haben. Offensichtlich wurde er dabei von Regierungsfunktionären unterstützt, das machte seinen Fall zum Politikum. Im Februar 2014 wurde er nach monatelanger Überwachung zum zweiten Mal gefasst, mexikanische Soldaten und Ermittler der US-Antidrogenbehörde DEA agierten dabei gemeinsam. Eine Spezialeinheit holte Guzmán um 6.40 Uhr morgens aus dem Bett eines Hotels. Diese Festnahme sei der größte Erfolg seiner Amtszeit, sagte Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto. El Chapo kam wieder in ein Hochsicherheitsgefängnis. 17 Monate später konnte er abermals entkommen - auf spektakuläre Weise. Unter der Dusche in Guzmáns Zelle, die aus Gründen der Privatsphäre im toten Winkel der Überwachungskameras lag, begann ein etwa 1,5 Kilometer langer Tunnel. Der endete in einem Rohbau und verfügte über ein Belüftungs- und Beleuchtungssystem sowie ein auf Schienen montiertes Motorrad, mit dem offenbar der Aushub und Werkzeug transportiert wurden.

Was macht Guzmáns dritte Verhaftung so spektakulär?

Schlussendlich stolperte der mächtigste Drogenboss der Welt über seine Eitelkeit: Er wollte einen Film über sein Leben drehen lassen. Mit der Organisation betraute er die Telenovela-Darstellerin Kate del Castillo, heute 46. Guzmán ist ein Fan von ihr, beide verband eine Brieffreundschaft. Über diesen Kontakt kam die Polizei auf seine Fährte. Zusammen mit Oscar-Gewinner Sean Penn, der Kontakte nach Hollywood vermitteln sollte, reiste Castillo am 2. Oktober 2015 in das Versteck des Drogenbosses. Mexikanische und amerikanische Sicherheitsbehörden verfolgten die Reisegruppe. Vier Tage nach dem Treffen stöberte das mexikanische Militär Guzmán im Naturschutzgebiet Nuestra Senora auf. Noch einmal gelang ihm die Flucht, doch am 8. Januar 2016 stürmten Marineinfanteristen das Haus, in dem er sich versteckt hielt.

Warum sitzt er in den USA in Haft?

Ein Jahr nach seiner neuerlichen Festnahme wurde Guzmán an die USA überstellt - für Mexiko war die Auslieferung die einzige Möglichkeit, den Drogenboss von seinen Kommunikationswegen abzuschneiden. Außerdem haben die USA großes Interesse, El Chapo in ihrem Land zu inhaftieren, schließlich hat er einen Großteil seiner Geschäfte dort gemacht. Guzmán kam ins Metropolitan Correctional Center nach New York. Er sitzt in einer Einzelzelle mit permanenter Videoüberwachung, 23 von 24 Stunden brennt Licht. Kontakt zu anderen Häftlingen ist ihm genauso verboten wie zu seiner Frau. Nur seine Anwälte und seine siebenjährigen Zwillingstöchter dürfen ihn besuchen. Amnesty International beschwerte sich, die Unterbringung verletze humanitäre Standards. Er selbst beklagte unter anderem, dass er sich das TV-Programm nicht selbst aussuchen dürfe und eine Doku über Rhinozerosse habe anschauen müssen.

Wie wird der Prozess ablaufen?

Der Prozess vor einem Bundesgericht in Brooklyn dürfte bis zu vier Monate dauern. Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm, schwer bewaffnete Agenten patrouillieren rund um das Gebäude, der Luftraum ist gesperrt. Bislang wurde für jede Anhörung Guzmáns die Brooklyn-Bridge dichtgemacht. Zeugenlisten werden unter Verschluss gehalten, damit seine Leute nicht erfahren, wer gegen ihren Boss aussagt. Richter Brian Cogan verfügte, dass auch die Namen der Geschworenen geheim bleiben. Ihre Auswahl dürfte mehrere Tage dauern. Am 13. November halten Anklage und Verteidigung Eröffnungsplädoyers. Die Todesstrafe ist nach Absprache zwischen den USA und Mexiko ausgeschlossen.

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