Prozess gegen Attentäter Breivik in Oslo Blumen gegen die bestialischen Taten

"Wir müssen das auf würdige Weise machen": Auch der sechste Prozesstag gegen Anders Behring Breivik offenbart neue Grausamkeiten der Attentate von Oslo und Utøya. Während im Gerichtssaal der Angeklagte seine Taten verherrlicht und seine Opfer verhöhnt, erwächst draußen vor dem "Tinghus" abermals ein Rosenmeer.

Von Johanna Bruckner

Abermals werden Rosen zum Symbol gegen den Terror. Fast genau neun Monate nach den Anschlägen von Oslo und Utøya sind sie wieder überall in der norwegischen Haupstadt zu finden. Besonders viele zieren die Absperrgitter vor dem Tinghus (Gericht), jenem Ort, den Anders Behring Breivik seit nunmehr sechs Tagen zur Bühne seiner menschenverachtenden Ideologie zu machen versucht. Während der Massenmörder drinnen seine Opfer verhöhnt, erzählt, wie er sich im Vorfeld seiner Morde entmenschlichte, platzieren die Menschen draußen bunte Blumen. Nicht wenige sind mit einem kleinen Schild versehen, darauf: die Namen der Opfer.

Gegen das Vergessen: Während Anders Behring Breivik im Osloer Gericht immer neue Grausamkeiten seiner Attentate offenbart, legen Menschen draußen Rosen nieder.

(Foto: dpa)

Auch im Gerichtssaal selbst sind die 77 Menschen präsent, die am 22. Juli vergangenen Jahres bei einem Bombenanschlag in der Hauptstadt und einem Massaker auf der kleinen Insel im Tyrifjord ihr Leben lassen mussten. Manche Angehörige nehmen nunmehr den sechsten Tag den Gang in Saal 250 auf sich, es ist kein leichter Weg. Denn auch wenn der Angeklagte an diesem Montag zum ersten Mal Worte des Bedauerns geäußert hat, die wenigsten Anwesenden halten Breiviks Reue für glaubhaft.

Der norwegische Journalist Trygve Sorvaag berichtet, wie der 33-Jährige gleich zu Beginn der Verhandlung sein Morden auf Utøya in allen schrecklichen Details schildert. Breivik erzählt, wie er auf der kleinen Insel bereits Angeschossenen nachsetzte, um sicherzugehen. Er berichtet von Jugendlichen, die er als Polizist verkleidet mit der Aussicht auf Rettung aus ihrem Versteck lockte und dann tötete.

Breivik bezeichnet Utøya als politisches "Indoktrinations-Camp"

Während seines Massakers seien ihm Zeifel gekommen, sagt der 33-Jährige, er habe sogar mit einem gefundenen Handy die Polizei angerufen, um sich zu stellen. "Viele Menschen in Norwegen hätten es mehr verdient, hingerichtet zu werden, als diese Jugendlichen." Als Beispiel nennt er Journalisten. Auf die Nachfrage von Staatsanwältin Inga Bejer Engh, warum er trotzdem weiter getötet habe, weiß Breivik keine Antwort.

Abermals flüchtet er in seine rechtsradikale Ideologie: Utøya sei ein politisches "Indoktrinations-Camp" gewesen; er würde heute wieder so handeln, er bereue nur, dass 33 seiner Opfer unter 18 Jahren gewesen seien. Bei einigen seiner Opfer im Regierungsviertel entschuldigt sich Breivik: Manche der Toten und Verletzten hätten keine Verbindung zur Politik und den Ministerien gehabt. Diese Personen seien nicht sein eigentliches Ziel gewesen.

Dann nimmt der Angeklagte konkret Bezug auf eines seiner überlebenden Opfer, einen zehnjährigen Jungen. Zwar verschonte der Attentäter das Kind, es wurde jedoch Zeuge von Breiviks Morden. "Ich verstehe, das ich sein Leben zerstört habe", sagt der Beschuldigte, "ich habe auch seinen Vater getötet."

Das Leid, das er den Familien seiner Opfer zufügte, vergleicht Breivik mit seiner eigenen Situation. Auch er habe nach den Anschlägen vom 22. Juli den Kontakt zu Freunden und Familie verloren. "Der einzige Unterschied war, dass ich es mir so ausgesucht habe."

Bizarre Parallelwelt

Einmal mehr wird deutlich, wie sehr Breivik schon vor seinen Anschlägen in seiner eigenen, ideologisch verblendeten Parallelwelt lebte. In Anlehnung an Bluttaten von al-Qaida habe er vor dem geplanten Mord an der ehemaligen nowegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundlandt eine Rede halten wollen, berichtet Breivik - und zitiert aus der Erinnerung einige Sätze. Die sozialdemokratische Politikerin war am Tag des Attentats zu Besuch auf der Insel, hatte diese beim Eintreffen Breiviks aber bereits wieder verlassen.

Auch zu einem möglichen Fluchtplan äußert sich der Angeklagte: Er habe unter anderem erwogen, Utøya mit einem Wasserflugzeug zu verlassen. Das Fliegen habe er sich selbst mithilfe von Youtube-Videos beigebracht. Auf diese Aussage fragt ihn die Staatsanwältin, ob er technisch begabt sei - und wieso er den mit der Bombe präparierten Kleintransporter nur mithilfe des automatischen Einparksystems habe positionieren können.

Auf solche kritischen Fragen reagiert Breivik wie schon an den Prozesstagen zuvor gereizt. Erneut äußert er den Vorwurf, die Anklagevertretung versuche, ihn lächerlich zu machen. Der 33-Jährige äußert seine wohl schlimmste Befürchtung, im "Irrenhaus" zu landen. " Natürlich passe ich meine Sprache an, wenn ich weiß, dass vier Psychiater vor mir sitzen", sagt Breivik. Er habe überlegt, seine selbstentworfene Uniform im Gericht zu tragen, aber gefürchtet, dass könne auf die Gutachter "bizarr" wirken.

Am Nachmittag bekommen dann auch die Anwälte der Nebenklage Gelegenheit, Breivik zu befragen. Erneut geht es um die Geschehnisse auf Utøya, der Angeklagte soll sich zu einzelnen Morden äußern. Auf gezielte Nachfrage verweigert Breivik eine Entschuldigung. Die anwesenden Angehörigen ertragen auch diese Provokation. "Wir müssen das auf würdige Weise machen. Wenn die Leute schreien und brüllen würden, wäre das ein Zirkus und kein Prozess. Wir wollen nicht, dass das ein Zirkus wird", sagt der Vater eines getöteten Jungen.