Prozess gegen Anders Breivik "Wir sollen offen und tolerant sein - aber es gibt auch sehr viel Hass"

Dem Gerichtsverfahren gegen den Attentäter Anders Behring Breivik kann man sich in Norwegen kaum entziehen. Die Gesellschaft solle mit mehr Demokratie und Freiheit auf die Verbrechen reagieren, fordern Presse und Politik. Aber das ist leicht gesagt. Acht Norweger schildern ihre Sichtweise auf das Verfahren.

Protokolle: Lena Jakat, Fabian Uebbing, Felicitas Kock

Die Anschläge vom 22. Juli hätten die norwegische Gesellschaft grundlegend erschüttert, ist immer wieder zu lesen. Stimmt das? Und welche Auswirkung hat der Prozess gegen den Attentäter, der nun in Oslo begonnen hat? Acht Norweger berichten von der Rückkehr der Rosen, von zufälligen Begegnungen, Angst und Hoffnung.

"Es zeigt, dass die ganze Nation sich sorgt und den Wunsch nach mehr Offenheit und mehr Demokratie unterstützt", sagt die Abgeordnete Lene Vågslid.

(Foto: REUTERS)

Jostein, 27, Arzt

Ich persönlich verfolge den Prozess nicht besonders aufmerksam. Ich glaube, die meisten interessiert, was in seinem Kopf vorgeht, was ihn zu so einer Tat getrieben hat. Die Schuldfrage ist ja schon geklärt, die Beweggründe sind aber immer noch unfassbar. Ich habe 2011 im Ausland studiert, war am 22. Juli aber im Urlaub in Norwegen. Die Zeit nach dem Anschlag war natürlich von Trauer geprägt, trotzdem war es schön zu erleben, wie damit umgegangen wurde. Das Thema Vergeltung hat kaum eine Rolle gespielt, es ging vielmehr um Zusammenhalt und Nächstenliebe. Das fand ich toll. Ich hatte nach dem Anschlag Angst, dass das Land in eine Sicherheits-Hysterie verfallen würde. Wir Norweger haben ein hohes Grundvertrauen - das schätze ich sehr an meinem Land. Zum Glück hat sich da wenig verändert.

Andreas Hoyer, 30, Musiker und Journalist, lebt in Berlin und Norwegen

Es ist seltsam. Ich habe mir den Prozessauftakt über das Internet angeschaut, fünf Stunden am Stück. Ich konnte nicht aufhören, obwohl ich wusste, dass es besser wäre. Wenn man diesem Mann zuhört, der sich gewählt ausdrückt, hört man jemanden, der aus demselben Milieu stammt wie man selbst. Und andererseits hat er diese schrecklichen Verbrechen begangen. Das ist irgendwie surreal. Ich glaube, viele Leute sind wirklich wütend. Medien und Politiker betonen immer, wie Norwegen auf diese Taten reagieren soll: mit Offenheit und noch mehr Toleranz. Aber ich glaube, es gibt auch sehr viel Hass. Dafür war der Fall des Schöffen exemplarisch, der für Breivik die Todesstrafe gefordert hatte und deswegen ausgetauscht werden musste.

Lene Vågslid, 26, Parlamentsabgeordnete der Arbeiterpartei

Nach den Anschlägen im vergangenen Juli sammelten sich an vielen Orten in Norwegen Menschen mit Rosen in der Hand, um ein Zeichen für Solidarität und Mitgefühl zu setzen. Damals waren wir entschlossen, nicht zuzulassen, dass die Ereignisse unsere Gesellschaft auseinander reißen. Jetzt, nachdem der Prozess begonnen hat, ist die Atmosphäre von damals zurück und mit ihr die Rosen. Ich sehe sie jeden Tag, wenn ich morgens durch das Regierungsviertel zur Arbeit laufe. Menschen stecken sie an Gitter und Mauern. Das ist recht hart, aber zugleich ein gutes Gefühl: Es zeigt, dass die ganze Nation sich sorgt und den Wunsch nach mehr Offenheit und mehr Demokratie unterstützt.

Beides kann es aber nur in einer Gesellschaft geben, die in Sicherheit ist. In der Arbeit des Parlaments sind sicherheitspolitische Fragen seit dem 22. Juli viel wichtiger geworden. Zwar eint die Abgeordneten der verschiedenen Parteien dieselbe Grundhaltung. Welche Maßnahmen jedoch konkret ergriffen werden sollten, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die politische Debatte geht weiter.

Per, 75, Rentner

All die Nachrichten über das Verfahren, das ist viel zu viel. Vor neun Monaten wurden wir mit Informationen über die Anschläge in Oslo und auf Utøya überschwemmt und jetzt geht das alles von vorne los: Neun Seiten in meiner Tageszeitung, das Fernsehen berichtet von morgens bis abends darüber. Was mich besonders ärgert, ist, dass im Fernsehen ständig Leute gezeigt werden, die die Geschehnisse vor Gericht interpretieren. Jeder in Norwegen muss zu all dem eine Meinung haben und die am besten auch noch in der Zeitung kundtun. Natürlich muss es für die Familien, die jemanden verloren haben, schrecklich sein. Aber letzten Endes: Was ist der Unterschied zwischen dem Mord an einem und der Tötung von 77 Menschen? Das sind jeweils grauenvolle Taten.

Niklas Tessem, 30, energiepolitischer Berater

Die norwegische Gesellschaft ist klein, offen und friedlich und selbstverständlich haben uns die Ereignisse vom 22. Juli in einen Schock versetzt. Heute Morgen saß ich im Bus zufällig neben dem Vorsitzenden einer der Oppositionsparteien in unserem Parlament. Dass er sich so frei in der Öffentlichkeit bewegt, hat mir Hoffnung gegeben, dass wir unsere Offenheit erhalten können. Es ist schwierig mit der Brutalität dieses Mannes umzugehen. Aber wir müssen uns dem Bösen stellen und unserem Justizsystem vertrauen.

Gro Bartolfsen, 37, Kommunikationstrainerin, lebt in München

Ich komme aus der Region um Tromsø, nördlich des Polarkreises, sehr weit entfernt von Oslo. Dort ist das Verfahren zwar Gesprächsthema, aber in der Hauptstadt ist das alles wohl noch sehr viel präsenter. Viele atmen auf, dass es jetzt endlich so weit ist und der Prozess begonnen hat. Sie wollen die Verhandlung endlich hinter sich bringen. Schon im vergangenen Sommer haben die Menschen zu Hause die Zeitungen umgedreht, weil sie Breiviks Gesicht nicht mehr ertrugen. Das ist nun bald vorbei. Nach den Anschlägen lag eine positive Energie in der Luft. Man hatte das Gefühl: Wir halten zusammen. Wir haben viel darüber gesprochen, was wirklich im Leben zählt. Dass die Ereignisse einen langfristigen Einfluss auf die norwegische Gesellschaft haben, glaube ich aber nicht.

Ingvil, 50

Der Prozess beschäftigt mich. Der 22. Juli hat uns gezeigt, wie unvorstellbar grausam ein bis dahin als normal eingeschätzter Mensch sein kann. Nie mehr können wir glauben, dass es immer nur "die Anderen" sind. Und nein, das Trauma ist nicht überwunden, wir werden immer über die Opfer trauern und die Grausamkeit des Täters nie vergessen.

Inge Skjalælaaen, 32, Mathematiker

Ich habe Angst, dass die extreme Rechte mit den wirtschaftlichen Krisen überall in Europa wächst. Und meine Sorge ist, dass Breivik für solche Radikale zur Kultfigur werden könnte, zum Vorbild. Diese Vorstellung ist sehr unheimlich. Ich glaube, viele Menschen haben davor Angst. Ich finde es interessant, Breivik während der Verhandlung zu beobachten, sein Gesicht zu sehen, sein Verhalten, seine Stimme zu hören. Es ist immer noch irgendwie irreal, dass ein menschliches Wesen solche Taten begehen kann. Ich verstehe nicht, warum manche Prozessbeobachter sagen, er würde kein Anzeichen von Gefühl zeigen. Wenn ich ihn sehe, sehe ich einen Mann voll von Gefühl, von allem. Einen Mann, der ein riesiges Chaos im Kopf hat. Es ist ein wichtiger Prozess, für die Hinterbliebenen und für das ganze Land und seine demokratischen Werte.

Die Interviewten, die im Text nur mit Vornamen genannt werden, wurden auf eigenen Wunsch anonymisiert.