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Protokolle von Rauchern:"Ich rauche, weil ich Verzicht langweilig finde"

Rauchen

Eine Zigarette kann entspannend sein, sagen jedenfalls Raucher.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es macht die Haut faltig und verkürzt das Leben um Jahre. Wie gefährlich Rauchen ist, weiß jeder. Auch die sechs Raucher, die hier erklären, warum sie es trotzdem tun.

Ich rauche seit 44 Jahren und freue mich jeden Morgen auf meinen Kaffee und die erste Zigarette dazu. Für mich ist Rauchen ein Ritual, das Erlebnisse noch schöner macht, zum Beispiel die Zigarette nach einem leckeren Essen. Rauchen hat für mich viel mit dem Mund zu tun. Ich mag das Gefühl, zu inhalieren, und den Geschmack meiner Zigaretten. Rauchen ist für mich Entspannung. Es erinnert mich an Atemübungen, die gibt es beim Yoga ja auch. Ich genieße es auch, im Restaurant zwischen Vorspeise und Hauptgang zum Rauchen raus zu gehen. Das ist schön, wie ein kleiner Rückzug in sich selbst.

Eine Zeit lang habe ich sehr viel geraucht, 20 bis 30 Zigaretten am Tag. Da habe ich gemerkt, dass mir das nicht gut tut, und reduziert. Heute rauche ich 10 bis 15 Zigaretten am Tag und fühle mich okay. Ich habe keinen Husten und keine Konditionsprobleme. Das würde ich merken, denn ich mache gerne Sport.

Wenn ich körperlich spüren würde, dass ich unter dem Rauchen leide, würde ich wahrscheinlich etwas ändern. Aber wenn ich aufhören würde, würde ich sehr nervös werden. Ich habe es ein paar Mal versucht. Das letzte Mal 1999. Damals habe ich ein halbes Jahr durchgehalten, meine längste Raucherpause. Heute habe ich gar keine Lust, aufzuhören - auch wenn ich weiß, dass es Schwachsinn ist. Natürlich ist Rauchen eine Sucht. Aber als Raucher verdrängt man die gesundheitlichen Folgen gerne. Ich blende die Warnungen auf den Packungen aus. Wenn in Zukunft Fotos dazukommen, werde ich einfach durch sie hindurch gucken.

Dorothea, 60, Rentnerin aus Besigheim

"Weil die Zigarette danach noch immer die beste ist"

Rauchen ist scheiße, sagt meine Lunge. Weil ich mich die Treppen hoch schleppe. Weil ich manchmal einen furchtbaren Hustenanfall bekomme, bei dem ich kotzen muss. Weil ich denke, dass das nun das Ende ist. Weil ich weiß, dass Rauchen doof ist. Weil ich beim Fußball mit Kumpels und Kollegen seit neuestem immer im Tor stehen muss. Weil ich bei Wanderungen wie ein toter Maikäfer auf halbem Weg zurückbleibe. Weil ich keinen Balkon habe und meine Wohnung verqualmt ist. Weil Frauen oft nur auf Nichtraucher stehen. Weil ich meinen Kindern kein gutes Vorbild bin. Weil es mich Lebensjahre kosten wird.

Rauchen ist okay, sagt meine Erfahrung. Weil mir ein Ziegel auf den Kopf fallen könnte und die Lebensjahre dann auch weg wären. Weil ich die Zigarettenpausen kreativ zum Nachdenken oder zum Redigieren nutze. Weil ich vor dem Haus immer nette Leute treffe, die das Laster mit mir teilen. Weil deren Horizont oft weiter ist als von den anderen spaßbefreiten Vögeln, die nicht rauchen. Weil ich die Zigarette ganz cool im Mundwinkel halten kann. Weil es ein Abenteuer ist, sich im Club trotz Rauchverbot eine anzustecken. Weil es den Schweiß des Nachbarn auf der Tanzfläche überdeckt. Weil die Zigarette danach noch immer die beste ist.

Olaf, 42 Jahre, Journalist aus Hamburg

Rauchen ohne schlechtes Gewissen

"Ich rauche vermutlich, weil ich Verzicht langweilig finde"

Ich rauche mehr oder weniger intensiv seit ich 14 Jahre alt bin, also schon ganz schön lange. Ich schätze, ich habe damit angefangen, weil Rauchen cool und erwachsen auf mich gewirkt hat, weil man nur auf dem Oberstufenschulhof rauchen durfte. Meine Eltern haben es seltsamerweise nicht verteufelt, eher hingenommen.

Heute rauche ich vermutlich, weil ich abhängig bin, weil ich keine gesundheitlichen Auswirkungen bemerke, weil ich Verzicht langweilig finde und weil man Laster haben darf und nicht hundert Prozent optimiert sein muss.

Ich denke schon öfter, dass es besser wäre aufzuhören; hauptsächlich weil ich davon ausgehe, dass es mich gesundheitlich doch irgendwann einholt. Richtig ärgere ich mich, wenn ich nicht rauchen kann, zum Beispiel bei der Arbeit, denn dann ist es doch sehr deutlich eine Abhängigkeit.

Michaela, 35, Psychotherapeutin aus Köln

"Die Denkblockade löst sich in Rauch auf"

Als ich vor einigen Monaten von Münster weg zog und die Umzugskisten endlich ausgepackt waren, fiel mir neben den vielen kleinen Eigenarten, die eine neue Stadt mit sich bringt, vor allem eines auf: In Berlin gibt es noch Vertreter einer ansonsten aussterbenden Art 'Raucherkneipe'. Die gemütliche kleine Bar an der Ecke, in der überall Aschenbecher bereitstehen und der blaue Dunst durch den Raum wabert. Ich fühle mich sofort willkommen.

Rauchen gehört für mich zum Lebensgefühl. Es mag nicht klug und garantiert nicht gesund sein, aber es hilft mir, mich zu entspannen. Wenn im Studium oder während der Arbeit ein scheinbar unlösbares Problem auftaucht, erledigt es sich häufig mit einer Zigarettenpause von selbst. Die Denkblockade löst sich in Rauch auf.

Rauchen in Gesellschaft kann sehr kommunikativ sein. Die Zigarette zwischen den Fingern wird dann zum Taktstock, der den Rhythmus eines Gesprächs vorgibt. Gelegenheiten dafür gibt es genug. Vor den öffentlichen Gebäuden der Republik sammeln sich in schöner Regelmäßigkeit Menschen, die ihrem Laster frönen und so fünf Minuten Zeit haben für ein ungezwungenes Gespräch.

Darüberhinaus macht das Rauchen viele gute Dinge noch viel besser. Die "Zigarette danach", die zum Kaffee, die nach dem Essen oder die zum Bier vervielfachen für mich den Genuss. Dass ich süchtig bin, überrascht mich nicht. Als Raucher schaffe ich mir, wenn man so will, künstlich ein weiteres Grundbedürfnis - und die Bedürfnisbefriedigung ist fast immer mit Spaß verbunden.

Solange ich rauche, möchte ich es deshalb ohne schlechtes Gewissen tun. Ich bin keiner von diesen Rauchern, die jedes Jahr mehrfach verkünden, jetzt endlich aufgehört zu haben. Ich bin mir aber sicher, dass ich es irgendwann einfach satt habe. Mein Großvater hat die Zigaretten gegen Lakritz getauscht, ein guter Freund geht stattdessen laufen, vielleicht kombiniere ich beides, wenn es soweit ist.

Marco, 32 Jahre, Student aus Berlin

Dreimal am Tag, maximal zehn Minuten

"Es ist so eine Art Gedankensammeln"

Die gesundheitlichen Schäden, die ich mir beim Rauchen zufüge, sind mir bewusst. Allerdings habe ich zu wenig Angst, an einer Krankheit zu sterben. Ein Grundrisiko besteht immer im Leben. Vielleicht ist das naiv, aber jetzt mit 23, denke ich, dass es okay wäre, nicht 80 oder 90 zu werden.

Rauchen verbinde ich mit Entspannung. Diese zehn Minuten gehören mir allein. Wenn ich sehr im Stress bin, bedeutet das Rauchen ein Ausgleich für mich. Ich kann mit komplizierten Dingen dann besser umgehen. Es ist eine Art des Gedankensammels. Ich bin mir sicher, dass man die gleiche Wirkung auch beim Tee trinken oder Schokolade essen empfinden kann, aber das ist eben von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Wenn ich entspannt zu Hause Serien schaue, macht es mir zum Beispiel nichts aus, den ganzen Tag nicht zu rauchen.

Trotzdem habe ich jetzt beschlossen, aufzuhören. Denn es betrifft ja nicht nur mich, sondern auch mein Umfeld. Irgendwann machen sich Freunde und Familie vielleicht Sorgen, wenn die gesundheitlichen Beeinträchtigungen schlimmer werden sollten. Außerdem ist Rauchen einfach schweineteuer. Es ist schon blöd, Geld dafür zu bezahlen, dass sich meine Blutgefäße verengen und ich Falten bekomme.

Aphrodite, 23, Studentin aus München

"Raucher sparen sich 504 Kalorien"

Mit 13 Jahren hat es angefangen, irgendwo zwischen Mathe- und Chemiestunde, damals noch in der Ecke der Mutigen, aufregend verboten im Turnhallenhinterhalt: die Raucherpause. Als Studentin stand ich vor der Unimensa, als Kellnerin vor der Kneipe und heute stehe ich eben vorm Bürogebäude. Ungefähr drei Mal am Tag, jeweils maximal zehn Minuten, entziehe ich mich so der gähnenden Langeweile oder dem anderweitig grauenvollen Geschehen.

Wenn's mal wieder länger dauert, haben andere ihren Schokoriegel, den mit dem Karamell und den Erdnüssen. Raucher sparen sich diese 504 (!) Kalorien. Klar, sie leben auf andere Weise ungesund, aber die hässlichen Kilos sind vor allem in Richtung Sommer einfach unpassend. Außerdem sind schon viele vom Lungenkrebs dahingerafft worden, ohne je den Hauch einer Kippe inhaliert zu haben. Sagt man sich als Raucher jedenfalls so.

Überhaupt: Hat es je einen cooleren Typen als den Marlboro-Mann gegeben, der Lasso schwingend in den Sonnenuntergang reitet? Hat es je kreativere Leute gegeben als die Macher der Lucky Strike-Werbung? Ich jedenfalls kaufe prinzipiell abwechselnd eine Packung von beiden Marken, erstere in der Light-Version, die zweite ohne Zusatzstoffe.

Es gibt auch noch ein paar andere Regeln: Nie vor der Mittagspause, nie auf nüchternen Magen und nie in geschlossenen Räumen. Nicht so beiläufig wie Helmut Schmidt, nicht so lässig wie Lemmy Kilmister und nicht, weil ich muss. Sage ich mir jedenfalls.

Julia, 27, Ingenieurin aus Düsseldorf

Protokollsammlung: Jana Stegemann, Oliver Klasen und Siri Warrlich

© SZ.de/swa/rus
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