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Zwangsprostitution:Einschleusen, abkassieren, weiterschicken

Prozess-Auftakt gegen mutmaßliche Bordellbetreiber

April 2018: Bundespolizisten nehmen im Rahmen einer Razzia im Rotlichtmilieu mutmaßliche Prostituierte in Gewahrsam.

(Foto: Benedikt Spether/dpa)
  • Ein deutsch-thailändisches Paar aus NRW steht vor Gericht, weil es im großen Stil thailändische Transsexuelle nach Deutschland geschleust haben soll.
  • Weitere Vorwürfe gegen das Paar lauten Zwangsprostitution und Zuhälterei.
  • Außerdem sei gegen drei thailändische Frauen Anklage erhoben worden, so die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt.

Es war die größte Durchsuchungsaktion der Bundespolizei, die es in Deutschland jemals gegeben hat. Mehr als 1500 Beamte durchkämmten im April mehr als 60 Bordelle. Dabei stießen sie auf ein asiatisch-europäisches Prostitutionsnetzwerk. Ein Ring, über den die involvierten Personen Frauen und transsexuelle Frauen aus Thailand nach Deutschland geschleust haben, um sie hier als Prostituierte ausbeuten zu können. Ein "Ermittlungskomplex", wie es die Staatsanwaltschaft ausdrückt, in dem noch immer gegen 49 Personen ermittelt wird.

Gegen fünf Beschuldigte hat am Dienstag vor dem Landgericht Hanau der Prozess begonnen. Auf der Anklagebank sitzen ein deutsch-thailändisches Paar und drei thailändische Frauen. Mit der Aussicht, in Deutschland gutes Geld verdienen zu können, hatten sie thailändische Staatsbürgerinnen nach Deutschland gelockt. Insgesamt konnten laut Staastanwaltschaft 39 mutmaßliche Opfer ermittelt werden. Die tätsächliche Fallzahl soll den Ermittlern zufolge um ein Vielfaches höher liegen. Der Sprecher der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft, Alexander Badle, geht von mindestens 150 bis 200 Fällen aus.

In Deutschland mussten die Prostitutierten zunächst in drei Siegener Bordellen anschaffen. Laut Staatsanwaltschaft wurde ihnen der Reisepass abgenommen, sie seien eingesperrt worden und hätten unter Zwang anschaffen müssen - auch ohne Kondom. Schläge und Todesdrohungen gegenüber den Prostituierten und ihren Familien seien ebenfalls vorgekommen.

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Die Prostituierten seien in Thailand gezielt angeworben woden, so Kathrin Rudelt, Anklagevertreterin der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. Noch in Thailand hätte man die Opfer fotografiert, um sie möglichst schnell im Internet anbieten zu können.

Angeklagt ist ein deutsch-thailändisches Ehepaar

Betreiber der Bordelle waren der angeklagte 63-jährige Deutsche und seine drei Jahre jüngere Ehefrau aus Thailand. Das mit "sexuellen Dienstleistungen aller Art" verdiente Geld, so steht es in der Anklage, hätten die beiden einbehalten, zur Begleichung der vermeintlichen Schleuser-Schuld. Zwischen 15 000 und 23 000 Euro seien von ihnen verlangt worden, zum Teil bis zu 36 000 Euro.

Außerdem hätten sie Geld für Miete und Verpflegung abkassiert. 70 Fälle von vorenthaltenem und veruntreutem Arbeitsentgeld legt die Staatsanwaltschaft der 60-Jährigen Angeklagten zur Last. Sie soll dafür verantwortlich gewesen sein, das Geld einzutreiben - tatkräftig unterstützt von der als Hausdame in dem Siegener Bordell agierenden 49-Jährigen. Diese soll mit den Kunden verhandelt und die Einnahmen kassiert haben. Außerdem soll sie in Kontakt mit thailändischen Mittelsleuten gestanden haben.

Einem Rotationsprinzip folgend soll die 60-jährige Angeklagte dafür verantwortlich gewesen sein, die Frauen von Siegen aus an andere Betriebe zu vermitteln. Die Lust deutscher Freier auf transsexuelle Frauen und Asiatinnen ist groß, das Geschäft lukrativ. Kurierfahrer brachten die Prostituierten an ihre neuen Bestimmungsorte: etwa Rodgau, Gießen, Speyer oder Saarbrücken. Meist waren die Etablissements als Massagesalon getarnt.

Eines der in das Netzwerk involvierten Bordelle befand sich im hessischen Maintal bei Hanau, betrieben von zwei 51 und 53 Jahre alten Schwestern aus Thailand. Auch sie sollen in zehn Fällen daran beteiligt gewesen sein, Prostituierte ins Land zu bringen und sich hier an Ihnen bereichert haben.

Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft gegen die fünf Angeklagten im Hanauer Prozess lautet auf Zwangsprostitution, gewerbs- und bandenmäßigem Einschleusen von Ausländern, Ausbeutung von Prostituierten, Vorenthalten und Veruntreuung von Arbeitsentgelt sowie Steuerhinterziehung, allein im im Fall der 60-jährigen Hauptbeschuldigten geht die Staatsanwaltschaft von 2,73 Millionen Euro Schaden aus. Bis Ende des Jahres sind 42 Verhandlungstage angesetzt.

Mit Material der Deutschen Presse-Agentur

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