Prostitution in Zürich Sex in der Box

Der Straßenstrich von Zürich ist bald Vergangenheit. Fortan betreiben die Prostituierten der Stadt ihr Geschäft in sogenannten Verrichtungsboxen: Holzverschläge, in die der Freier mit dem Auto vorfährt. Die Prostituierten fürchten um ihr Geschäft.

Von Wolfgang Koydl, Zürich

Romantik sieht anders aus, aber vielleicht gewinnt der Ort ja wenigstens nachts ein wenig an Charme, wenn er bengalisch bunt beleuchtet werden soll. Im harten Licht der Augustsonne erinnert der Platz eher an einen Garagenhinterhof in einer Vorstadt: ein lieblos aufgeworfener Erdhügel, hinter dem sich notdürftig ein paar Bretterverschläge mit Plastikplane verstecken. Zudem stellt sich die Frage, warum diese Baracken die stolze Summe von 2,4 Millionen Schweizer Franken verschlungen haben. Denn so viel war den Bürgern von Zürich ein radikaler Umbau der Straßenprostitution in ihrer Stadt wert.

Vor mehr als zwei Jahren hatten die Wähler der Limmatstadt einem sogenannten Strichplatz zugestimmt, mit dem die Sex-Arbeiterinnen von ihrer bisherigen Flaniermeile am Sihlquai gleich hinter dem Hauptbahnhof weggeholt werden sollten. Nun ist das Werk vollbracht: Am kommenden Samstagnachmittag sind die Zürcher zu einem Tag der offenen Tür eingeladen. Begutachten können sie freilich nur die Arbeitsstätte der Freudenmädchen und nicht die Damen selber. Am darauffolgenden Montag ab 19 Uhr ist die Lokalität dann "open for business".

Aus den Augen, aus dem Sinn

Die Unterstände, die im Beamtendeutsch den lustzerstörenden Namen Verrichtungsboxen tragen, liegen nicht weit vom bisherigen Straßenstrich entfernt - gleich hinter der Grenze zu Zürichs hippem, modernem Businessdistrikt Kreis 5. Ein ganz neues Verkehrsschild mit einem roten aufgeklappten Schirm weist den Freiern den Weg zum Strichplatz, der zwischen Bahnanlagen und Stadtautobahnen eingebettet liegt. Aber eine schöne Aussicht wird beim bezahlten Sex ja nicht nur in Zürich eher kleingeschrieben. Der Schirm übrigens, teilte die Zürcher Presse ihren neugierig-erstaunten Lesern mit, sei in Osteuropa ein Symbol für Sex gegen Geld.

Der Umzug an diesen abgeschirmten Ort war notwendig geworden, weil die Zustände am alten Straßenstrich immer häufiger aus dem Ruder gelaufen waren. Gaffer und Gruppen alkoholisierter Jugendlicher belästigten die Prostituierten und ihre Kunden. Anwohner regten sich auf, vor allem aber auch mögliche Investoren, denen es schon lange ein Dorn im Auge war, dass käufliche Liebe diese Vorzugslage mit großem Immobilienpotenzial ruinierte.

Zutritt nur für Autofahrer

Ordnung muss sein: Die Regeln für Sex auf dem Striktplatz

(Foto: Steffen Schmidt/dpa)

Strikt sind die Regeln, die nun für den neuen Strichplatz gelten und die schön übersichtlich in klaren Piktogrammen plakatiert werden. Vorbild waren ähnliche Einrichtungen in Utrecht, Köln und Essen. Fußgänger und Radfahrer haben keinen Zutritt zu dem 200 Meter Rundkurs, der ein wenig angelegt ist, wie das Drive-in eines McDonald's-Restaurants. Der Kunde steuert zunächst eine Art von Bushaltestelle an, wo die Damen warten, und handelt die Einzelheiten aus. Dann fährt er zusammen mit der Sex-Arbeiterin in einen der zehn Bretterverschläge. Ein Pflock zwingt ihn dazu, so nahe an die Wand zu fahren, dass er den Wagen nicht verlassen kann.

Die Prostituierte hingegen hat eine Fluchtmöglichkeit und obendrein einen Alarmknopf, mit dem sie Hilfe herbeirufen kann. Die Einfahrt in die Sexbox ist so knapp bemessen, dass sich Autolackierbetriebe in der Umgebung vermutlich auf Umsatzzuwächse freuen können wegen all der Wagentüren, die beim Ein- und Ausparken zerkratzt werden. Pro Fahrzeug ist nur ein Freier erlaubt, Essen und Trinken sind auf dem ganzen Gelände verboten, außerdem jedes Wegwerfen von Abfall. Gebrauchte Kondome muss man also, wie es scheint, mit nach Hause nehmen und in der entsprechenden Tonne entsorgen. Wer es gleichwohl lieber ein wenig gemütlicher hat, kann sich mit einem Mädchen in eines der vier Wohnmobile zurückziehen, für die es eigens abgetrennte Stellplätze gibt.