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Prostitution in Dortmund:Nachschub kommt aus Bulgarien

Zuerst beschränkten sich die Probleme mit ihnen nur auf den Straßenstrich. Sie machten viel für wenig Geld und ohne Kondom. Mittlerweile ist die Dortmunder Nordstadt mit ihrem Straßenstrich nach Ansicht der Polizei Anziehungspunkt für Banden aus Osteuropa geworden, die im ganzen Ruhrgebiet aktiv sind. Wenn in Essen oder Bochum ein Taschendieb geschnappt werde, dann komme der oft aus der Dortmunder Nordstadt, sagt Oberbürgermeister Sierau. Er war anfangs dagegen, den Straßenstrich zu schließen. Mittlerweile sieht er aber einen ganzen Stadtteil als gefährdet an.

Nordstadt, das ist in Dortmund alles, was nördlich vom Bahnhof kommt. Für viele ist es das Ruhrgebiet im Kleinformat. Es gibt hier Neuankömmlinge aus allen Ländern, die billigen Wohnraum finden. Und solche, die ein paar Blöcke weiter in schönen Gründerzeithäusern leben, Oberstudienräte und Gemüsehändler. Das alles hatte in den letzten Jahren zu einer gemeinsamen Identität gefunden, die Nordstadt war nicht mehr das Schmuddelkind der Stadt.

"Jetzt haben viele wieder Angst, ihre Kinder zur Schule zu bringen", sagt der Oberbürgermeister. Dortmund sei immer eine Stadt von Einwandern gewesen, ohne sie gäbe es sie gar nicht. Die Neuen wollten hier aber gar nicht ankommen, sie seien nicht daran interessiert, ein Teil der Stadt zu werden. In manchen Straßen haben die Prostituierten und ihre Begleiter leerstehende Häuser besetzt und hausen dort auf Matratzenlagern. Es gibt Gebiete, in denen sich die Menschen nachts nicht mehr hinaustrauen, es gab Schießereien. Die örtliche SPD spricht davon, dass auf dem Strich keine Rede davon sein könne, dass hier selbstbewusste Huren einem normalen Beruf nachgehen. Vielmehr hätten Menschenhändler das Milieu unter ihre Kontrolle gebracht.

Der Nachschub komme wie im Shuttlebetrieb, vor allem aus Plovdiv, einer Stadt in Bulgarien, aus der viele der derzeit etwa 700 offiziell registrierten Prostituierten stammen, die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Eine Delegation der Stadt ist neulich nach Plovdiv gefahren, "Für die Frauen ist das Elend dort noch viel größer als hier", sagt Elke Rehpöhler von der katholischen Beratungsstelle Kober, die direkt am Straßenstrich in zwei Containern die Huren berät. "Vor zwei Jahren hätte ich eine Schließung verstanden, heute haben wir aber große Fortschritte gemacht", sagt Rehpöhler. Die Frauen aus Bulgarien würden mittlerweile alle Kondome benutzen, hätten einigermaßen Deutsch gelernt und würden nicht mehr alles mit sich machen lassen. Auch sie war neulich in Plovdiv, dort hat ihr eine Mitarbeiterin der örtlichen Sozialbehörde gesagt: "Die Sinti und Roma schicken ihre Töchter zur Prostitution, damit es der Familie daheim besser hat."

Rehpöhler sagt, das könne man gut oder schlecht finden, es sei aber die Realität. Solange es soziale Ungleichheiten gebe in Europa und die Nachfrage nach Sex, so lange würden neue Frauen kommen. Durch die Schließung des Strichs werde das Gegenteil des eigentlichen Ziels erreicht. "Die Frauen werden wieder in die Wohngebiete gehen, die Freier mit ihren Autos stundenlang durch die Straßen fahren. Es wird chaotisch werden." Wie auch die Grünen befürchtet sie, dass es für die Prostituierten gefährlicher werde, ihren Beruf auszuüben, irgendwo in dunklen Ecken. Es wäre das Ende des Dortmunder Modells.

Oberbürgermeister Sierau sagt, die Stadt handele aus Notwehr. Sie habe viel getan für den Aufschwung der Nordstadt, der nun gefährdet sei. Statt der erhofften Kreativen, Familien und Studenten sind Kriminelle in das Viertel gekommen. "Wir müssen ein Signal senden Richtung Plovdiv, Richtung Bulgarien und Rumänien, dass die Verhältnisse in Dortmund andere geworden sind." Und Elke Rehpöhler von der Beratungsstelle sagt, es habe schon die ersten Frauen gegeben, die gefragt hätten, ob es nicht auch andere Arbeit gebe in Deutschland.