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"Project Unbreakable" mit Vergewaltigungsopfern:Plakate gegen den Schmerz

Ein weißes Plakat, einen schwarzen Stift, mutige Frauen und Männer: Mehr braucht die amerikanische Fotografin Grace Brown nicht für ihre Fotos. So erschafft sie ungewöhnlich berührende Bilder von Menschen, die sexuellen Missbrauch und Vergewaltigungen erlebt haben - und aufschreiben, was die Täter zu ihnen sagten.

Von Jana Stegemann

Das erste Mal passierte es am Tag nach ihrem zwölften Geburtstag, einem Sonntag. Sally lag auf ihrem Bett. Die Mutter war nicht zu Hause, der kleine Bruder spielte im Vorgarten. Der Stiefvater betrat Sallys Zimmer. Er setzte sich auf die Bettkante. Er strich ihr übers Haar, bat sie, sich auszuziehen. Er sagte: "Hab keine Angst." Sie bekam trotzdem Angst. "Deine Haut ist so weich, du bist ein so schönes Mädchen. Ich möchte dir zeigen, wie lieb ich dich habe." Dann vergewaltigte er sie. Danach sagte er: "Wenn du es irgendjemandem sagst, werde ich deinen Bruder töten." Sally blieb still. 13 Jahre lang. Dann schrieb sie die Worte auf. Seine Worte. Sie weinte, als sie schrieb, und sie merkte, wie die quälenden Sätze an Macht verloren.

"Wenn du es irgendjemandem sagst, werde ich deinen Bruder töten." Das hat Sally auch auf das Plakat geschrieben, das ihr Grace Brown gab. Die 22-jährige Amerikanerin fotografiert Menschen, die Opfer von sexueller Gewalt wurden. Dazu braucht sie ihre Kamera, ein weißes Plakat und einen schwarzen Stift. Es entstehen Bilder, die nicht aufwändig inszeniert sind, aber eine außergewöhnliche Wirkung haben. Sie zeigen: Wer Opfer von Missbrauch geworden ist, muss sich nicht verstecken. Er muss sich nicht schämen. Er ist nicht allein.

Sally ist in Amerika aufgewachsen, einem Land, in dem alle zwei Minuten jemand Opfer von sexuellem Missbrauch wird. Sally steht für unzählige Mädchen und Jungen, Frauen und Männer, denen Gewalt angetan wurde und wird - und deren Peiniger nie zur Rechenschaft gezogen werden. Grace Brown möchte den Betroffenen zumindest "ihre Stimme zurückgeben", wie sie sagt.

Ekelhafte Worte

Wer die Worte und Sätze liest, die die Betroffenen in ihre Kamera halten - mal ernst, mal verschämt, mal trotzig -, wird wütend. Wütend auf jene Menschen, die anderen so großes Leid angetan haben. Wütend wegen der ekelhaften Worte. Und die Bilder zeigen, dass es mit der Tat oft nicht vorbei ist. Auch die Worte von Verwandten und Polizeibeamten können Schmerz zufügen. Weil sie dem Opfer einzureden versuchen, es trage eine Mitschuld.

"Project Unbreakable - the art of healing" nennt Grace Brown ihr Fotoprojekt. "Weil die Peiniger es nicht geschafft haben, ihre Opfer zu zerstören." Die Amerikanerin mit den halblangen dunklen Locken, aufgewachsen in Massachusetts, reist mittlerweile um die Welt. Fotografiert Vergewaltigungsopfer in Kanada, Frankreich und England. Und Brown und ihr dreiköpfiges Team bekommen Einsendungen von Vergewaltigungsopfern. Die Aufnahmen veröffentlicht sie auf ihrem Tumblr, anonym. "Name und Adresse tun nichts zur Sache." Doch die meisten zeigen ihr Gesicht.

Mittlerweile hat Brown mehr als 2000 Leidensgeschichten dokumentiert. Aber auch solche, die Mut machen. "Niemand kann dich zerstören, diese Botschaft möchte ich allen mitgeben", sagt Brown, "niemand ist mit seiner Geschichte allein".

Zuschriften aus der ganzen Welt

Die Idee kam Brown in einer Herbstnacht vor zwei Jahren. "Eine Freundin vertraute mir ihre Leidensgeschichte an", erzählt Brown. "Ich hatte von solchen Taten schon vorher in der Schule gehört, aber erst diese persönliche Geschichte berührte mich tief. Auf einmal verstand ich, wie häufig es zu so einer Tragödie kommt. Am nächsten Morgen wachte ich mit der Idee zu dem Projekt auf." Brown fotografierte zunächst Menschen, die sie kannte. "Da wusste ich noch nicht, wie stark dieses Projekt werden würde."

"Project Unbreakable" wurde 2012 vom Time Magazine unter die 30 wichtigsten Blogs weltweit gewählt, in sozialen Netzwerken werden die Bilder tausendfach geteilt. "Es gibt aber auch Menschen, die nicht verstehen, warum diese Art der Aufarbeitung so heilend sein kann. Sie fragen: Wie sollen solche Bilder helfen? Sie zerren die Opfer doch nur in die Öffentlichkeit." Aber sie konzentriere sich auf die Menschen, die sich helfen lassen wollen, erwidert Brown.

Sie bekam E-Mails, Hunderte E-Mails. "Menschen, die sich bei mir bedankten, für das was ich tat. Also machte ich weiter." Doch wie viele Leidensgeschichten kann die Seele einer 22-Jährigen ertragen? Brown sagt: "Es ist mir eine Ehre zu helfen. Wenn sich nur einer durch meine Arbeit besser fühlt, dann bin ich schon zufrieden."

Weiterführende Links:

- Webseite von "Project Unbrekable"

-Tumblr des Projektes

- Facebook-Seite von "Project Unbreakable"

- Gründerin Grace Brown im Video

© Süddeutsche.de/jobr/sks

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