Klage wegen Missbrauchs:Kampfansage an Prinz Andrew

Klage wegen Missbrauchs: Am Montag reichte Virginia Giuffre in New York Klage gegen Prinz Andrew ein.

Am Montag reichte Virginia Giuffre in New York Klage gegen Prinz Andrew ein.

(Foto: Bebeto Matthews/AP)

Die US-Amerikanerin Virginia Giuffre hat wegen mutmaßlichen Missbrauchs in New York Klage gegen den Sohn der Queen eingereicht. Welche Folgen hat das für den Prinzen?

Von Julius Bretzel

Es war zuletzt ruhiger geworden um den von Missbrauchsvorwürfen verfolgten Prinz Andrew, und vermutlich ist das schon die beste Nachricht, die sich der mittlere Sohn von Königin Elizabeth II. in den vergangenen Monaten erhoffen konnte: mal nicht in den Nachrichten aufzutauchen. Damit dürfte es nun aber erst mal wieder vorbei sein, denn am Montag schwappte aus den USA eine neue Welle negativer Schlagzeilen über den Prinzen herein.

Die US-Amerikanerin Virginia Giuffre, berichteten US-Medien, hat vor einem New Yorker Gericht Klage gegen Andrew eingereicht. Ihr Vorwurf: Der Prinz habe sie missbraucht, als sie noch minderjährig war. Es ist die nächste Volte einer Geschichte, die schon lange vor sich hin schwelt. Und der nächste Versuch einer Frau, die seit Jahren um Gerechtigkeit kämpft.

Klage wegen Missbrauchs: Prinz Andrew bestreitet alle Vorwürfe.

Prinz Andrew bestreitet alle Vorwürfe.

(Foto: Steve Parsons/AP)

Ein kurzer Rückblick: Virginia Giuffre, das erzählte sie 2019 in einem viel beachteten BBC-Interview, hatte als Jugendliche als Bedienstete in Donald Trumps Anwesen Mar-a-Lago in Florida gearbeitet und war dort in die Hände von Jeffrey Epsteins Vertrauter Ghislaine Maxwell geraten. Epstein, der im August 2019 in Haft starb, soll Dutzende Minderjährige missbraucht und zur Prostitution gezwungen haben, Maxwell fungierte angeblich als eine Art Zuhälterin: Sie soll Mädchen ausgesucht und Epstein zugeführt haben. Der wiederum soll die Mädchen auch anderen einflussreichen und befreundeten Männern vermittelt haben.

Virginia Giuffre behauptet, eine dieser Frauen zu sein. Epstein soll die damals 17-Jährige nach New York geflogen und dort gegen ihren Willen auch zum Geschlechtsverkehr mit Prinz Andrew gezwungen haben. Ihren Angaben zufolge habe der Prinz sie auch in London im Haus von Ghislaine Maxwell sexuell missbraucht.

Prinz Andrew hat die Vorwürfe bislang vehement bestritten. Er behauptete, sich nicht daran zu erinnern, Giuffre jemals getroffen zu haben. Auch von Epsteins Machenschaften habe er trotz jahrelanger Freundschaft nichts mitbekommen. Die Statements wurden für Andrew zum PR-Desaster. Im November 2019 legte er alle öffentlichen Ämter für die Royals nieder, in der Öffentlichkeit ließ er sich seither kaum noch blicken.

In ihrer am Montag eingereichten Klage gegen den Prinzen fordert die heute 38-jährige Giuffre einen nicht näher bezifferten Schadenersatz. Sie beschuldigt Andrew der sexuellen Nötigung und der vorsätzlichen Zufügung von körperlichem und seelischem Leid. Sein Reichtum, seine Macht, seine Position und seine Beziehungen hätten es ihm möglich gemacht, ein verängstigtes, verletzliches Kind zu missbrauchen. "Es ist längst an der Zeit, dass er zur Rechenschaft gezogen wird", heißt es in der Klageschrift. Sie hoffe, sagte Giuffre dem US-Nachrichtensender ABC, "dass andere Opfer sehen werden, dass es möglich ist, nicht in Schweigen und Angst zu leben, sondern dass man sein Leben zurückgewinnen kann, indem man seine Stimme erhebt und Gerechtigkeit fordert".

Muss Andrew vor Gericht aussagen?

Giuffre lebt heute in Australien. Ihre Klage reichte sie gerade noch rechtzeitig ein, bevor der "Child Victims Act" des US-Bundesstaates New York abläuft. Das Gesetz ermöglicht es Überlebenden von sexuellem Missbrauch in der Kindheit, eine Klage gegen Taten einzureichen, die bereits verjährt sind. Am 14. August endet das Gesetz. "Wenn sie es jetzt nicht tut, würde sie ihm erlauben, sich der Verantwortung für seine Taten zu entziehen", sagte Giuffres Anwalt David Boies dem Netzwerk ABC News.

Prinz Andrew wurde bereits 2015 von einem mutmaßlichen Opfer Epsteins angezeigt, in einer Zivilklage mehrerer Frauen. Die Klägerinnen behaupteten, von Epstein ausgebeutet worden zu sein. Doch das amerikanische Gericht strich die Vorwürfe gegen den britischen Prinzen aus den Akten - mit der Begründung, die Anschuldigung habe nichts mit dem Verfahren gegen Epstein zu tun. Die namenlose Klägerin gab sich erst im Nachhinein zu erkennen: Es war Virginia Giuffre.

Ein Sprecher Andrews wollte die neuesten Schlagzeilen zunächst nicht kommentieren, obwohl es für den Prinzen nun unangenehm werden könnte: Denn höchstwahrscheinlich wird er sich im Gericht unter Eid äußern müssen. Dabei könnte der Sohn der Queen womöglich gezwungen sein, private Briefe und E-Mails offenzulegen, die seine Beziehung zu Epstein und Giuffre enthüllen.

Ignoriere Prinz Andrew die Klage, könnte das Gericht einen Prozess ohne ihn weiterführen und ein Versäumnisurteil aussprechen, teilte Giuffre-Anwalt Boies schon mal herausfordernd mit. Dann müsste der Prinz den Schadenersatz-Forderungen sofort nachkommen. Es klang wie eine Kampfansage.

© SZ/moge
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