Swimmingpool:Halb Becken, halb Business

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Wer hätte nicht gerne einen Pool im Garten? Gerade während der Pandemie träumen viele vom eigenen Becken. Mittlerweile gibt es aber auch Angebote, die Bademöglichkeiten Fremder zu nutzen.

(Foto: Eugenio Marongiu/imago images/Westend61)

Team-Event, Geburtstag, Familienausflug: In den USA ist es längst üblich, dass Menschen ihre Pools vermieten. Der Trend schwappt auch immer mehr nach Deutschland. Was soll das?

Von Viola Schenz

Die Fotos sehen verführerisch aus: türkises Wasser, makellose Rasenflächen, Hängematten unter Palmen, Blumenbeete an Terrakotta-Terrassen, Liegestühle, Cocktails, Grill-Lounge. Solche Gartenparadiese kann man sein Eigen nennen: für Stunden, Tage oder ein ganzes Wochenende. Einer der Sommertrends 2021 heißt nämlich: Miete dir einen Pool!

Die Idee stammt aus Amerika und verbreitet sich inzwischen auch immer mehr in Europa: Poolbesitzer stellen Spaß und Erholung im eigenen Grün anderen zur Verfügung - Nachbarn, Touristen, generell garten- und balkonlosen Mitmenschen. Saubergefegt und ergänzt mit modischen Pizza- oder Avocado-Luftmatratzen und Eiswürfelkübeln lassen sich auch unscheinbare Hinterhofanlagen marktgerecht aufpeppen. Online-Plattformen namens Swimmy, Swimply, Peerspace oder Splacer bringen mit dem Credo "Glück lässt sich teilen!" für eine Vermittlungsgebühr Vermieter und Mieter zusammen. Auf den ersten Blick ist dieses Garten-Airbnb ein Gewinn für sämtliche Seiten: ein lukratives Geschäft für Vermieter und Agenten, ein erschwinglicher Teilzeit-Luxus für Nutzer.

Das Angebot ist üppig. Im baden-württembergischen Weinheim gibt es einen Naturteich einen halben Tag lang für 25 Euro pro Person zu mieten, eine "Wohlfühloase mit viel Privatsphäre" ist in Augsburg für 35 Euro zu haben, ebenfalls pro Erwachsenem oder Kind, in und um Straßburg liegen die Raten zwischen 20 und 26 Euro. Eigenheimbesitzer in Kaliforniens heißem San Fernando Valley kassieren gar 150 bis 200 Dollar - pro Stunde wohlgemerkt. Jacuzzi, Blick übers Tal und Zugang zum häuslichen Bad inklusive.

Wer es noch eine Stufe komfortabler will, kann sich Snacks, Dinner oder Drinks liefern lassen. Im kalifornischen Sherman Oaks bringt die Vermietung eines großen Anwesens 25 000 Dollar im Monat ein, berichtet die New York Times, in New Yorks Stadtteil Queens lassen sich mit einem Pool 2500 Dollar die Woche machen. Bei solchen Preisen können sich Vermieter auch noch locker den Putztrupp leisten, der anschließend alle Spuren in Pool und Bad tilgt.

Der Spaß kann einem schnell vergehen, wenn man das Kleingedruckte liest

Das Geschäft boomt: Der amerikanische Anbieter Swimply verzeichnete Ende Juli 61 000 Buchungen quer durch die USA, 2019 waren es noch 37 000 gewesen. Bei Peerspace, ebenfalls in Amerika ansässig, schossen die Anfragen, Stand Juni 2021, um 360 Prozent nach oben im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Die Corona-Pandemie treibt die Nachfrage nach Spaß im Nass an, die weltweiten Hitzewellen befeuern den Hype zusätzlich. Es ist bereits der zweite Sommer, in dem überall öffentliche Pools immer wieder geschlossen oder nur beschränkt zugänglich sind. Und selbst wenn gerade mal keine "Hochrisikogebiet"-Verkündungen oder Teil-Lockdowns drohen, haben viele Menschen Angst oder empfanden zumindest Unbehagen, ein Gemeinde-Bad aufzusuchen. Private Mietpools dagegen versprechen eine gewisse Sicherheit: Sie lassen sich gruppenweise mieten, man kann selbst bestimmen, wer dabei ist, Hygienemaßnahmen sind vertraglich geregelt.

In den USA kommt eine Grundskepsis dazu, eine Ur-Angst vor öffentlichen Pools. Schon immer und unabhängig von der Covid-Verbreitung vermuten Amerikaner gerne allerorts "Germs", Keime, die mindestens Krankheiten verbreiten und schlimmstenfalls tödlich sind. Antibakterielles Spezialgel zum Desinfizieren der Hände gehört bei ihnen zur Grundausstattung von Handtaschen und Reisegepäck, auch die Manschetten, die man im Supermarkt auf den bazillenverseuchten Einkaufswagengriff legen kann, gab es in den USA lange vor der Pandemie. Ein gemeinsames Bad mit halbnackten Unbekannten, noch dazu in einem künstlichen, beheizten Becken ist daher als Ansteckungsort geradezu verschrien und gilt als Hygiene-Gau.

Lärm, zugeparkte Grundstücke - die Nachbarn ärgert das

Entsprechend streng gestalten sich die Vorschriften für Mieter und Vermieter, und sie reichen bis über den Gartenzaun; denn es folgen natürlich erste Beschwerden aus der Nachbarschaft und Polizeieinsätze wegen Lärmbelästigung und zugeparkter Grundstücke - manche sicherlich auch aus Neid auf das florierende Geschäft nebenan.

Aus dem Sommerspaß wird also schnell Ernst, wenn man bei Simply oder Splacer das Kleingedruckte durchscrollt. Auch die Haftungsfragen wollen natürlich juristisch genau geklärt sein, im prozesswütigen Amerika, wo sich mit unerheblichen Verletzungen vor Gericht Millionenentschädigungen erstreiten lassen, ist das eine grundsätzliche Notwendigkeit. Rutscht ein "Gast" in einer Wasserlache aus und bricht sich ein Bein, könnte ein entsprechender Rechtsstreit das gesamte Mietpool-Business erschüttern.

In Deutschland und Europa muss man mit einer Registrierung auf Swimmy und Co. ebenfalls einen ausufernden Katalog aus Regeln, Verpflichtungen und Geboten beachten. So hat jeder Eigentümer eidesstattlich zu bescheinigen, dass "sein Schwimmbad den Sicherheitsstandards entspricht, welche die Schwimmbadnorm (EN 16582-1) von 2016 vorschreibt". Selbst kleine Details und Geschäfte sind berücksichtigt: "Sie können im Verwaltungsformular Ihres Inserats angeben, ob Sie Ihren Mietern den Zugang zu Ihren Toiletten erlauben", heißt zum Beispiel bei Swimmy. Der Mieter wiederum verpflichtet sich, "die Räumlichkeiten in demselben Zustand zu hinterlassen, wie er sie vorgefunden hat, nicht aber die Instandhaltung durchzuführen".

Die Regelbücher gleichen frappierend den amerikanischen "Pool Rules"-Warnschildern, die amerikanische Motel-Betreiber neben ihren mitunter badewannenkleinen Schwimmbecken aufstellen müssen. In riesigen Lettern weisen diese darauf hin, was ihre Gäste alles nicht dürfen: reinhüpfen, kreischen, rumrennen, tauchen, eine Limo schlürfen, ein Eis schlecken, Musik spielen - gefolgt von einem fast zynisch anmutenden "Viel Spaß!" ("Enjoy!"). Genau solche spaßbremsende Verbote wollen Amerikaner eigentlich umgehen, wenn sie sich in einem privaten Garten einmieten. Doch die Regularien, die man bei Swimply und anderen Anbietern einhalten muss, überbieten längst diejenigen für öffentliche Pools. Es ist ein Paradox: Man schafft sich das, was man ursprünglich vermeiden wollte.

Warum nicht auch den Sandkasten oder den Fitnessraum anbieten?

In Deutschland hält sich die Miet-Mode bislang in Grenzen, was natürlich damit zu tun hat, dass eigene Pools nicht so verbreitet sind, öffentliche Freibäder und Badeseen dagegen schon. Die Plattformen versuchen deshalb das Geschäft anzukurbeln, indem sie ihre Websites gleich mit Ideen für zünftige Pool-Partys flankieren: Junggesellen-Abschied, Babyparty, Teambuilding-Event oder schlicht: Geburtstag feiern. Neue Covid-Virusvarianten und weitere Hitzewellen dürften allerdings sowieso das Geschäft beleben.

Aber wie sieht die rechtliche Lage in Corona-Zeiten aus? Da gibt es vorläufig freie Bahn. "Das stun­den­wei­se Un­ter­ver­mie­ten eines Schwimm­ba­des an Ein­zel­per­so­nen oder An­ge­hö­ri­ge eines Haus­stan­des ist nicht durch die Co­ro­na-Kon­takt- und Be­triebs­be­schrän­kungs­ver­ord­nung un­ter­sagt", ent­schied das Ver­wal­tungs­ge­richt Wies­ba­den im März 2021 in einem Eil­ver­fah­ren. Ein sol­cher Be­trieb stel­le keine Ein­rich­tung mit "Pu­bli­kums­ver­kehr" dar. Das Gericht wies jedoch darauf hin, dass vor der Untervermietung sicherzustellen sei, dass "tatsächlich keine Durchmischung der einzelnen Untermietergruppen" erfolge. Diese Vorgabe erfordere insbesondere, dass sich "die unterschiedlichen Untermietergruppen keine Umkleiden und Sanitäreinrichtungen" teilten und sich auch ansonsten nicht begegneten.

Eine grundsätzliche Frage gilt es allerdings noch mit sich zu klären: Will man das wirklich - sein Badewasser mit fremden Menschen teilen? Nun, Airbnb-Anhänger sind da schon lange hemmungslos, und viele Vermieter haben sich wohl eh von ihrem Schlaf- und Badezimmer oder eben ihrem Swimmingpool verabschiedet. Sie vermieten lieber professionell und profitabel und haben sich in ein neues eigenes Refugium zurückgezogen.

Und die Idee mit dem Pool könnte nur der Anfang gewesen sein: Swimply ruft Grundstücksbesitzer dazu auf, auch ihre Tennis- und Basketball-Courts, Grill-Lounges, Kinderspielplätze, Jacuzzis oder Fitnessräume anzubieten. Das Sommermotto 2022 könnte also lauten: "Eigenheim plus Outdoor-Paradies zu mieten - auch stundenweise." Nur für die Wintermonate müsste man sich noch was einfallen lassen.

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