Poller als Sicherheitsmaßnahmen Wie von einem Billard-Queue angestoßen

Poller schützen Jüdisches Gemeindezentrum in München.

(Foto: Robert Haas)

In Münster waren an 17 Orten in der Stadt versenkbare Poller geplant. Hätte das die Toten verhindert? Tests zeigen: Der Effekt der Barrieren ist oft begrenzt.

Beschlossen war der Schutzplan schon: Im September 2017, noch unter dem Eindruck der Terroranschläge in Nizza und am Berliner Breitscheidplatz, hatte der Rat der Stadt Münster ein großes Konzept verabschiedet, um besonders gefährdete Punkte zu sichern. An 17 Punkten sollten versenkbare Poller installiert werden - unter anderem um Schloss- und Domplatz sowie an den Zufahrten zur Innenstadt. Auch in der Nähe der Stelle, an der am Samstag ein Mann mit einem Kleintransporter in eine Menschenmenge gefahren ist, sind Blockaden geplant.

Allein: Sie hätten in diesem Fall nicht geholfen. Die betroffenen Straßen wären von ihnen nicht geschützt gewesen. Der Ort der Tragödie galt offenbar nicht als bedroht genug. Das zeigt bereits einen zentralen Punkt der nach derartigen Vorfällen oft geforderten Maßnahmen auf: Sie werden eine Stadt niemals vollständig sichern, einfach weil sie niemals überall stehen können. Schon aus finanziellen Gründen. Münster hatte beispielsweise mit Kosten von gut 20.000 Euro gerechnet - pro Stück.

Das Wrack rutschte noch 25 Meter weiter

Auch ansonsten haben die Blockaden, anstelle der versenkbaren Zylinder oft Quader aus Beton, Wassertanks, Behälter mit Sand oder einfach quergestellte Lkw, ihre Schwachstellen. Oft müssen sie unter der schieren physikalischen Gewalt, mit der schnelle Fahrzeuge auf sie treffen, nachgeben. Das allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Im Frühjahr 2017 gab es auf dem Testgelände der Dekra in Neumünster zum Beispiel eine Versuchsreihe, bei der ein Zehntonner, von einer Seilwinde auf 55 Kilometer pro Stunde beschleunigt, auf eine Lücke zwischen zwei Betonquadern auffuhr. Resultat: Die Blockaden zerstörten das Fahrzeug zwar, das Wrack rutschte aber noch 25 Meter weiter und krachte mit Schwung in die Begrenzung des Geländes.

Bei einem Aufprall im spitzen Winkel war der Effekt fast noch fataler: Der LKW stieß die vermeintlichen Hindernisse an wie ein Queue eine Billardkugel. Sie schlitterten danach wie ein Geschoss über den Asphalt.

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Wichtig ist bei mobilen Sperren daher die Frage, wie ihre Bodenreibung erhöht werden kann. Sie kann die ursprüngliche Bewegungsenergie des Fahrzeugs, die proportional zur Masse und zum Quadrat der Geschwindigkeit ist, abbauen. Die Reibung hängt vom Gewicht der Hindernisse und der Art der Kontaktfläche ab. Die Stadt Dortmund benutzt deshalb Antirutschmatten. Allerdings ist deren Effekt sehr begrenzt.

Lastwagen und Container als Hindernisse

Wirkungsvoller ist es, die Masse der Blockaden zu erhöhen. Quergestellte Lastwagen, große Polizeifahrzeuge oder Container mit Bauschutt gelten als wirkungsvollere Hindernisse als ein einfacher Klotz. Sie werden aber aus naheliegenden Gründen nur punktuell und temporär eingesetzt, etwa um Weihnachtsmärkte zu schützen. Einige Städte, darunter Magdeburg, testen Barrieren, die mit Drahtseilen zu einer Art Kette verbunden sind. Das erhöht ebenfalls Gewicht und Bodenreibung.

Auch mit besonderen Formen wird experimentiert. Metallsperren, deren Querschnitt einem L, einem X oder einem Dreieck ähneln, können kippen, wenn ein LKW sie trifft. Dabei verkeilen sie sich zwischen Unterboden und Asphalt und wuchten das Fahrzeug in die Höhe.

Für all diese Vorrichtungen gilt allerdings dasselbe wie für die beschlossenen Sicherheitsmaßnahmen in Münster: Sie schützen nur unterschiedlich gut jene Orte, die als besonders gefährdet identifiziert worden sind. Wie sich am Samstag wieder gezeigt hat, werden potenzielle Täter immer Punkte einer Stadt ausmachen, an denen sie genug Opfer finden - und die trotzdem gut erreichbar sind.

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