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Polizeigewalt in USA:Ferguson ist ein Wendepunkt - zum Besseren

Ferguson, Missouri Marks One-Year Anniversary Of The Death Of Michael Brown

Demonstrationen und Gedenken am Jahrestag: In Ferguson gehen die Menschen ein Jahr nach dem Tod von Michael Brown wieder auf die Straße. Auf dem Canfield Drive war der schwarze Teenager am 9. August 2014 erschossen worden.

(Foto: AFP)
  • Ein Jahr nach dem Tod des schwarzen Teenagers Michael Brown sind Rassismus und Polizeigewalt noch immer bestimmende Themen in der US-Gesellschaft.
  • Im Zuge der Proteste unter dem Motto "Black Lives Matter" kam es zu Fortschritten, die schon wirken oder mittelfristig für Veränderungen sorgen werden.
  • Die Polizei hat ihre Deutungshoheit verloren. Reformen haben begonnen - langsam, aber unaufhaltsam.

Ein Jahr ist es her, dass der weiße Polizist Darren Wilson in Ferguson den schwarzen Teenager Michael Brown erschossen hat. Brown war unbewaffnet, vor Wilsons Schüssen hatte es eine Rangelei gegeben. Dass der tote Körper des 18-Jährigen auch noch vier Stunden in der Mitte des Canfield Drive herum lag, ohne dass Spuren gesichert wurden, machte viele Schwarze noch trauriger und wütender - in Ferguson, der nahen Großstadt St. Louis und ganz Amerika.

"Black Lives Matter" ist seither der Slogan für die Proteste, die nach dem 9. August begannen. In der mehrheitlich von Afroamerikanern bewohnten Kleinstadt Ferguson kam es zu Plünderungen, die Polizei setzte Tränengas ein und schickte die Nationalgarde - die Staatsmacht trat auf wie die US-Armee im Irak. In Missouri war der Staat ausgerüstet mit Kriegsgerät und an Dialog nicht interessiert.

Mike Brown ist leider nicht der einzige Name, den die Welt mit dem Ausmaß von Polizeigewalt in den USA verbinden. Eric Garner in Staten Island, Tamir Rice in Cleveland, Walter Scott in North Charleston und Sandra Bland in Texas. Allein 2015 sind bereits 695 Menschen - Schwarze, Weiße, Latinos, Native Americans - von Beamten getötet worden, hat das Datenprojekt "The Counted" errechnet.

Gedenken in Ferguson

Ein Jahr nach dem Tod von Michael Brown

Hat sich also gar nichts getan in den vergangenen zwölf Monaten? Doch, es gibt viele Fortschritte auf vielen Ebenen, die entweder schon wirken oder mittelfristig für Veränderungen sorgen werden.

Wut schwarzer Aktivisten hält Thema am Leben - und in den Medien

Dass nun ständig über Polizeibrutalität und die verheerenden Auswirkungen des "Kriegs gegen Drogen" in den USA diskutiert wird, liegt auch an den vielen jungen Afroamerikanern, die über Twitter, Instagram, Facebook und Vine unermüdlich über Gewalttaten und Alltagsrassismus berichten. Sie filmen nicht nur selbst, wie sich Cops etwa bei Demonstrationen verhalten (mehr zu Bedeutung der Smartphones später) oder dokumentieren, wie sie mit friedlichem Protest Shopping Malls lahmlegen. Sie sorgen - wie im Fall Sandra Bland - auch dafür, dass TV-Sender und etablierte Medien wie die Washington Post berichten.

Nicht nur die New York Times ist überzeugt, dass hier eine neue Bürgerrechtsbewegung entsteht (mehr über die Parallelen zu Civil-Rights-Bewegung der 60er Jahre in diesem SZ-Interview). Aktivisten wie Deray McKesson und Johnetta Elzie reisen nicht nur durchs Land, um über das Thema zu informieren: Sie sind auch Mini-Nachrichtenagenturen, die Informationen an mehrere hunderttausend Follower - darunter viele Journalisten - verbreiten.

Smartphones als "game changer" - zum Guten

Die Tatsache, dass fast jeder Amerikaner ein Smartphone besitzt, ermöglicht es nicht nur Aktivisten und Bürgern, Ereignisse in Echtzeit zu dokumentieren, die gerade keine TV-Kamera einfängt. So entsteht ein öffentlicher Diskurs jenseits der etablierten Medien. Und es waren gerade Handy-Videos, die auf brutalste Art bewiesen, was viele Menschen weltweit nicht wussten oder nicht wahrhaben wollten: Es gibt Polizisten, die einen Mann wie Eric Garner würgen, der "I can't breathe" röchelt. Und es gibt Cops, die einen flüchtenden Schwarzen in den Rücken schießen, und anschließend in ihrem Bericht schreiben, dass sie aus Notwehr gehandelt haben (so geschehen im Fall Walter Scott).

Diese kurzen Filme sind ein game changer, wie man in den USA sagt: Niemand kann ihre Existenz noch ihre Beweiskraft leugnen. Rechtsexperten wie David Harris von der University of Pittsburgh und Kenner wie David Simon (Autor von "The Wire") sind sich einig: Die Polizei kontrolliert nicht mehr das Narrativ über bestimmte Ereignisse. Sie hat Deutungshoheit verloren.