Das südindische Gokarna gilt den Hindus als mythologischer Ort. Die Touristen kommen aus anderen Gründen hierher. Viele Kilometer Strand hat das Städtchen zu bieten, gesäumt von Kokospalmen, davor rauscht das Arabische Meer. Der Küstenort ist in den vergangenen 15 Jahren zum Hotspot für Rucksackreisende avanciert, die im feinen Sand von Om Beach, Paradise Beach und Kudle Beach ausspannen wollen. In Indien gibt es wenige Orte, die so schön und entspannt zugleich sind - existierten Pilger und Reisende bislang doch friedlich nebeneinander. Doch seit der Nacht vom 14. auf den 15. Februar ist der gute Ruf Gokarnas in Gefahr. Denn da gab es Prügel im Paradies.
Am späteren Abend haben Polizisten mit Stöcken Dutzende Touristen brutal geschlagen, die in einem Waldstück gemeinsam feierten. Das berichten indische Medien (zum Beispiel hier und hier). Zwei aus Europa stammende Augenzeugen bestätigen im Gespräch mit SZ.de den Vorfall. Ihren Schilderungen zufolge verlief der Abend wie folgt.
Auf einer Waldlichtung nahe des Kudle Beachs kommen einige Dutzend meist junge Rucksacktouristen aus dem Westen zusammen, darunter Italiener, Kanadier, Israelis, Deutsche und zwei Inder. Einige haben Bier dabei, einige wenige konsumieren Drogen. Ein Lagerfeuer wird angezündet, jemand spielt Gitarre, einer hat sogar eine Querflöte dabei.
"We are tourists, we bring money"
Um Mitternacht tauchen drei Männer mit Taschenlampen auf; schnell ist klar: Es handelt sich um Polizisten in Zivil. Die Feiernden fühlen sich sicher. Der Ort Gokarna liegt außer Hörweite, wen sollten sie also stören? Alkohol ist in dem Pilgerort zwar eigentlich verboten, aber man bekommt es ja unter der Hand überall - das weiß auch die Polizei. Kein Grund zur Aufregung, meinen die Touristen. Man habe die gestresst wirkenden Beamten "fast belächelt", erzählen die Augenzeugen später, einer habe gerufen: "We are tourists, we bring money". Doch die Beamten nehmen die Angelegenheit offenkundig ernst - sehr ernst.
Etwa zwei Stunden später - so schildern es die Touristen weiter - kommen die Polizisten wieder. Diesmal in Uniform und mit Verstärkung. Mindestens acht Beamte, darunter zwei Frauen. Sie halten Stöcke aus Bambus oder Rattan in Händen. "Wir wussten sofort, dass die nicht zum Reden da sind. Es lag Aggression in der Luft." Angeblich fordern sie Geld - doch das wird ihnen verweigert. Dann fangen sie an, die am Boden sitzenden Touristen zu durchsuchen. Sie werden fündig: Ein Mann gibt sofort zu, Haschisch zu haben. Eine Frau will sich nicht durchsuchen lassen. Die Polizisten wollen sie wohl mitnehmen, ebenso wie die feiernden Inder, von denen einer offenbar sehr betrunken ist.
Was folgt ist ein Musterbeispiel für missglückte Kommunikation: "Schlecht Englisch sprechende Polizisten redeten mit schlecht Englisch sprechenden Italienern", sagt der Augenzeuge später. An denjenigen, die festgenommen werden sollen, zerren Polizisten und Touristen, Dutzende Backpacker versuchen, einen menschlichen Wall zu bilden, umklammern sich, es wird gebrüllt. Acht Polizisten gegen eine Gruppe von 60, 70 Touristen auf einer Waldlichtung.
Plötzlich sei das Schlagen losgegangen. "Mit voller Wucht haben sie gedroschen", sagt die Augenzeugin, "so etwas habe ich noch nie gesehen". Auch die Polizistinnen knüppeln mit ihren Stöcken. Teilweise platzt die Haut der Getroffenen auf, in einem Fall bricht unter der Wucht des Schlags sogar ein Stock ab. Einer der Touristen "war von oben bis unten blau". Mehr als ein Drittel der Feiernden wird verletzt, schätzt die Augenzeugin. Der andere Augenzeuge spricht von "zwei Dutzend".
Nach einigen Tagen fand die Geschichte den Weg in die indische Presse. Die berichtete von 25 Nationalitäten und 200 Backpackern, die attackiert worden seien. Es ist ein bislang einzigartiger Fall. Nach den publik gewordenen sexuellen Übergriffen auf einheimische Frauen und westliche Reisende sind die Prügel von Gokarna denkbar schlechte Werbung für das vermeintlich sichere Reiseland Indien.
Polizei bezeichnet Fotos der Verletzten als Fälschung
Entsprechend vorsichtig reagierte bislang die Politik: Die zuständigen Minister des Bundestaats Karnataka, wo Gokarna liegt, taten unwissend und gaben zu Protokoll "geschockt" zu sein, wollten aber die Ermittlungen abwarten.

Aus dem Tourismusministerium in der Regionalhauptstadt Bangaluru gibt es Verständnis für die Polizisten. Man dürfe es nicht zulassen, dass "eine Tempelstadt wie Gokarna wie Goa wird", wo sich Fremde dem Drogenrausch hingäben und unangemessen kleideten. Die in den Medien abgebildeten Fotos der schweren Hämatome, die auch auf der Seite einer inzwischen gebildeten Facebook-Gruppe zu sehen sind, tut die örtliche Polizei als "Fälschung" ab.
Ein Polizeioffizier bestätigte den Vorfall verblüffend offen im Gespräch mit dem Magazin India Today. Demnach habe die Party in einem geschützten Areal stattgefunden, von Hinweisen auf Cannabis war die Rede. Die Nachtschwärmer hätten die Polizisten daran gehindert, ihre Pflicht auszuüben. "Nachdem ein Beamter angegriffen wurde, haben wir ihnen eine milde Packung Lathi (Schlagstock) verabreicht".
