Falsche Polizeibeamte vor Gericht Die 110 ruft an

In Kiel wird ein Urteil gegen drei Betrüger erwartet, die sich als falsche Polizeibeamte ausgegeben haben. (Symbolbild)

(Foto: dpa)
  • Betrüger, die sich als Polizeibeamte ausgeben, versuchen in der Regel ältere Menschen dazu zu überreden, den Betrügern ihren Schmuck, Bargeld oder ihr ganzes Vermögen zu überlassen.
  • Nun sind drei von ihnen vor dem Landgericht Kiel angeklagt.
  • 2018 erbeuteten falsche Polizeibeamte allein in Bayern sieben Millionen Euro.
Von Friederike Zoe Grasshoff

Wollte man einen dummdreisten Spruch für diese Art des Verbrechens bemühen, wäre es wohl "Dreistigkeit siegt". Irgendwo in Deutschland klingelt also das Telefon, auf dem Display steht 110, nicht "Anonym", nicht dieser Versicherungsmensch, nein, 110 ruft an. 110 ruft an?

Ja und nein. Oft, zu oft, werden diese Anrufe angenommen. Und so beginnt die Manipulation, die im Namen der Polizei, der vermeintlichen Polizei, geschieht. Es ist mittlerweile kriminalistischer Alltag, in Ingolstadt, in Frankfurt, in der Hauptstadt, dass Betrüger sich als Polizeibeamte ausgeben und in aller Regel ältere Menschen am Telefon davon zu überzeugen versuchen, ihnen mal kurz ihren Schmuck, ihre Goldbarren, ihr Vermögen zu überlassen, und auch alles, was so auf dem Konto rumliegt - weil sie angeblich bald ausgeraubt und/oder von ihrer Bank betrogen würden.

Polizei in München "Das hat eine neue Dimension": Betrügerische Anrufe nehmen drastisch zu
Falsche Polizisten

"Das hat eine neue Dimension": Betrügerische Anrufe nehmen drastisch zu

Der Polizei München wurden mehr als 400 betrügerische Anrufe in nur einer Woche gemeldet. Jetzt appelliert die Polizei an die Bürger.   Von Martin Bernstein und Julian Hans

Ähnlich muss es jenem 88-Jährigen aus Norderstedt vorgegangen sein, der einen Monat lang von "Herrn Bach" und "Herrn Schwarz", angeblich Kriminalbeamte, angerufen worden sein soll, mehrstündige Telefonate, immer wieder, und irgendwann ging der Mann zur Bank und hob 185 000 Euro ab. Dann gab er sie drei falschen Polizisten, die von der echten Polizei "Abholer" genannt werden, und nun vor dem Landgericht Kiel angeklagt sind. "Die haben ihn mürbe gemacht", heißt es beim Gericht auf SZ-Anfrage. Für diesen Donnerstag sind die Plädoyers geplant, möglicherweise soll auch das Urteil gesprochen werden. Wie hoch die Strafe ausfallen könnte, sei nicht abzuschätzen, bloß: Neulich habe ein Hintermann in einem ähnlichen Fall vier Jahre und vier Monate bekommen, doch nun stünden Abholer vor Gericht, die hierarchisch untergeordnet seien.

Diese Form des Trickbetrugs ist in ganz Deutschland gängig und funktioniert, wie vieles, über den Mechanismus Angst - und eine fiktive Geschichte. Es beginnt in der Regel mit einem Anruf, die Täter agieren von professionell organisierten Callcentern aus, meist befinden sich diese in der Türkei. Die Nummer wird technisch manipuliert, sodass 110 oder ähnliches angezeigt wird, eine Stimme spricht in perfektem Deutsch. Zuerst erschleichen sich die Trickbetrüger das Vertrauen von Menschen, die sie für einen leichten Gegner halten. Heißt: Rentner, Alleinstehende, an Demenz Erkrankte; Telefonbücher werden nach alt klingenden Namen abgesucht und das vorgetragene Mantra geht dann so: Eine Einbrecherbande sei unterwegs und treibe ihr Unwesen, also Vorsicht, man habe einen Zettel mit dem Namen des Angerufenen gefunden. Ob man denn Wertgegenstände zu Hause habe, Bargeld? Dann wird ein verdeckter Ermittler, ohne Uniform versteht sich, es abholen, ja? Und bitteschön auch das Geld von der Bank abheben, das ist auch nicht sicher. Soweit die grobe Storyline.

117 Delikte 2018 in Bayern

Es ist aber auch schon vorgekommen, dass der Satz fiel: Hier spricht Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes. Manchmal tut es aber auch ein Herr Schwarz. Oder falsche Staatsanwälte und Notare, die neben falschen Polizisten auch gerne mal anrufen, wie Bernd Sedlmair erzählt, Kriminalhauptkommissar beim Bayerischen Landeskriminalamt und zuständig für Prävention. 2016 habe es begonnen mit den falschen Polizisten, was an den Enkeltrick erinnere. In jenem Jahr habe der Schaden in Bayern bei 1,3 Millionen Euro gelegen, 2018 bei sieben Millionen Euro und 117 "vollendeten Delikten", wie Sedlmair es ausdrückt. "Und es gibt ein sehr, sehr hohes Dunkelfeld, da viele Menschen sich schämen, aufgrund ihres geistiges Zustandes nicht in der Lage sind, Anzeige zu erstatten oder ihnen nicht bewusst ist, dass sie betrogen wurden."

Zum einen hätten ältere Menschen noch ein hohes Vertrauen in Institutionen wie die Polizei, zum anderen freuten sich manche auch, wenn das Telefon klingle. Man habe es mit "streng hierarchisierten Tätergruppierungen" zu tun, deren Drahtzieher von der Türkei aus agierten und ihre Leute vor allem in die deutschen Ballungsgebiete schickten. Auch in Berlin haben falsche Polizeibeamte fast zwei Millionen Euro von Senioren erbeutet, allein in den ersten beiden Monaten dieses Jahres. In Münster wurden der Polizei in den vergangenen zwei Wochen 45 Anrufe von falschen Polizisten oder Enkeln gemeldet. Es werden Warnungs-Comics veröffentlicht, die Münchner Polizei führt Theaterstücke über falsche Polizisten in Seniorenheimen auf. Bleibt die Frage, was das mit den Polizisten macht, mit den echten. "Die Menschen werden misstrauischer", sagt Sedlmair. Und das erschwere auch die Arbeit der echten Polizei.

Vor Gericht in München Falsche Polizisten stehen vor Gericht

Prozess

Falsche Polizisten stehen vor Gericht

Drei Männer sollen Senioren Goldbarren und Schmuck im Wert von fast 500 000 Euro gestohlen haben - indem sie vorgaukelten, bei den alten Leuten sei eingebrochen worden.   Von Susi Wimmer