„Liebe Mittelspurschleicher, wir müssen reden …“, schrieb die Polizei Pforzheim kürzlich in einem Facebook-Post und traf damit offenbar mitten ins Herz vieler Autofahrerinnen und Autofahrer. „Ihr seid so etwas wie das schlechte WLAN auf der Autobahn: Jeder wünscht sich, ihr wärt schneller, aber stattdessen hängt wegen euch der ganze Verkehr“, schrieben die Beamten. Man möge doch bitte rechts fahren, wenn dort frei ist, die rechte Spur sei kein Bermuda-Dreieck, sondern tatsächlich befahrbar. Der Beitrag erhielt fast 140 000 Likes, das sind mehr als die Stadt Pforzheim Einwohner hat. Christian Schulze hat ihn zusammen mit zwei anderen im Social-Media-Team verfasst.
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SZ: Herr Schulze, Sie ärgern sich über „Mittelspurschleicher“. Was ist so schlimm an denen?
Christian Schulze: Man fährt rechts, und in der Mitte schleicht einer. Um ihn nicht rechts zu überholen, muss man von der ganz rechten Spur nach ganz links wechseln und dann wieder nach ganz rechts zurück. Das nervt nicht nur, das kann auch zu gefährlichen Situationen führen. Und die sind unnötig in unseren Augen, deswegen haben wir gedacht, wir sprechen die Mittelspurschleicher mal direkt an, vielleicht ändert sich ja was.
Offenbar haben Sie vielen Autofahrerinnen und Autofahrern aus der Seele gesprochen. Der Post erhielt fast 140 000 Likes und 9000 Kommentare. Haben sich auch Leute direkt bei Ihnen gemeldet?
Witzigerweise ja. Wir haben E-Mails bekommen noch und nöcher. Die Leute haben angerufen, um sich zu bedanken und uns zu sagen, dass sie sich gefreut haben. In den fünf Jahren, die ich hier in der Pressestelle bin und Social Media mache, ist das noch nie vorgekommen. Das ist absolut verrückt – und schön. Ein Bürger hat wirklich gesagt: „Sind Sie der geile Typ, der das geschrieben hat?“
Hat sich auch ein geläuterter Mittelspurschleicher gemeldet?
Ja, ich glaube, wir haben tatsächlich beide Seiten angesprochen: die, die sich über Mittelspurschleicher aufregen, aber auch die, die sich selbst ertappt fühlen. Uns haben Leute geschrieben, dass sie mittlerweile an uns denken, wenn sie auf der Autobahn sind, und dann doch mit einem Lächeln rechts rüberfahren.
Manche Nutzer fordern einen Orden durch den Polizeipräsidenten oder eine Gehaltserhöhung für Sie. Zwei wollten eine Spendenaktion starten. Was davon ist bei Ihnen angekommen?
Noch gar nichts. Ich habe den Polizeipräsidenten mal direkt angesprochen, aber der hat nur gelächelt und gesagt: Sie kriegen eine Tüte Süßigkeiten oder so was. Letztendlich machen wir ja doch nur unseren Job.
Wie kamen Sie auf das Thema als nicht Betroffener? Der Polizei wird ja doch recht verlässlich Platz gemacht, selbst auf der Mittelspur.
Das stimmt. Wir haben letztes Jahr begonnen mit einem Post über den Beschleunigungsstreifen, den man bitte auch ausnutzen soll: Der Beschleunigungsstreifen ist wie das erste Date, beeindruckt, aber übertreibt es bitte nicht. Dann hatten wir was zum Blinken: Denken Sie daran, genug Blinkerflüssigkeit dabei zu haben. Dann was zum Ablenken und zum Reißverschlussverfahren. Bei einem der Beiträge hat jemand geschrieben: Macht doch mal was zur Mittelspur. Außerdem fahren wir alle auch privat Auto und fragen uns immer mal wieder auf der Autobahn: Warum fährst du jetzt nicht rechts, wenn doch alles frei ist?

Welcher Problemautofahrer ist der nächste? Der Motorlaufenlasser, der Radwegparker?
Jetzt müssen wir die andere Problematik der Autobahn ansprechen, die Raser und Drängler. Wir haben ja geschrieben, dass der Mittelspurfahrer oft die Lichthupe sieht, denn viele wissen nicht: Man darf die Lichthupe nutzen, nicht pausenlos, aber man darf seinen Überholvorgang ankündigen und andere Verkehrsteilnehmer auf eine Gefahr hinweisen.
Und das müssen Sie jetzt mit einem Post über die Drängler wieder einfangen?
Irgendwie so. Und dass es nicht sinnvoll ist, bei 180 km/h nur zwölf Meter Abstand zu halten. Das ist nicht nur gefährlich für die Person, die so dicht auffährt, und die, die davor im Auto sitzt, sondern für alle im direkten Umfeld. Dazu versuchen wir gerade, wieder etwas Nettes zu schreiben, aber das dauert noch, solche Beiträge müssen reifen.
Es gibt auch Menschen, die schreiben: „Warum kümmert sich die Polizei nicht um Wichtigeres?!!1*“
Das gehört zu den Top drei der Antworten unter fast allen unseren Beiträgen, egal ob es um einen Exhibitionisten geht, den wir festgenommen haben, oder um so ein Spaßposting zur Autobahn. Polizeiarbeit ist super vielfältig, wir können nicht den gesamten Alltag in einem Beitrag veröffentlichen. Und wenn wir über das eine reden, heißt das ja nicht, dass wir das andere nicht machen.
Noch mal kurz für alle, die an diesem Punkt des Interviews der Mittelspur immer noch die Treue halten wollen: Ist das verboten und, wenn ja, welche Strafe droht?
In Paragraf 2 der Straßenverkehrsordnung steht das Rechtsfahrgebot. Auf einer Autobahn mit drei Spuren ist das noch mal anders, dort darf man laut Paragraf 7 der StVo die mittlere Fahrspur benutzen, wenn hin und wieder ein Fahrzeug auf der rechten Spur ist. Ein Gerichtsurteil von 1989 nennt dafür einen groben Richtwert: Wenn Sie 20 Sekunden auf der rechten Spur fahren können, dann fahren Sie rechts. Wenn Sie das nicht tun und jemanden behindern, kann das 80 Euro und einen Punkt in Flensburg kosten. Wir kontrollieren das auch, videografieren denjenigen und ziehen ihn dann raus.
Weitere Folgen der Serie „Ein Anruf bei …“ finden Sie hier.

