Stilkritik zu singenden Politikern Haushaltsdebatte, schalala

Wenn Politiker im Deutschen Bundestag singen, dann meistens nur im Chor, etwa die Nationalhymne, wie hier bei der Wahl des Bundespräsidenten im Jahr 2012.

(Foto: Regina Schmeken)

Ein australischer Minister hat über die Landesgrenzen hinaus Bekanntheit erlangt, nachdem er seine Rede im Parlament in Liedform vorgetragen hat. Ein Modell das Schule machen könnte, etwa im Bundestag?

Von Friederike Zoe Grasshoff

Mal angenommen, Theresa May würde im britischen Parlament nicht mehr über den Brexit sprechen, sondern nur noch über ihn singen. Mal angenommen, Donald Trump würde in Zukunft nur noch in Eminem-Impulsreferaten die ihm so verhasste Welt adressieren. Und nur mal angenommen, die nächste Haushaltsdebatte im deutschen Bundestag würde im Kanon ausgefochten: Wäre das wirklich so schlimm, wäre das eine Verrohung der Sitten? Oder wäre dies nicht die eher folgerichtige Weiterentwicklung einer Welt, die heute schon so neongelb wie absurd aus den Displays quillt?

Was dieser Tage ebenfalls aus den Displays quillt, und man muss an dieser Stelle sagen: glücklicherweise - ist der Gesang von David Templeman. Templeman, 53, ist ein australischer Politiker, Parlamentsabgeordneter und Kulturminister im westaustralischen Mandurah. Vor ein paar Tagen fasste er sein politisches Jahr im Parlament von Mandurah in einem Song zusammen; Templeman wählte nicht etwa Eminem oder etwas anderweitig Aggressives, er wählte Simon & Garfunkel und wandelte den Song "The Sound of Silence" ab, auf politische wie unpolitische Weise.

Die Einlage von Andrea Nahles im Bundestag bleibt unvergessen

Anstatt mit "Hello darkness, my old friend" eröffnete er seine Performance mit den Worten: "Hello speaker, my old friend", zu deutsch: Hallo Sprecher, mein alter Freund. Und so ging das weiter, zwei Minuten und 22 Sekunden lang: Zwar singt Templeman (und das übrigens gar nicht mal so schlecht) auch darüber, dass Australien in diesem Jahr die Einweg-Plastiktüte verbannt hat, ansonsten bringt er aber in erster Linie seine Kolleginnen und Kollegen im Parlament mit Provokationen zum Lachen: "Parlamentarier halten Reden, die niemand versteht", oder: "Parlamentarier halten Reden, bei denen niemals jemand zuhört." Was bei dieser, nun ja, Rede, nun nicht zutreffen sollte.

In den sozialen Netzwerken, die sich in diesem Klick-Fall ausnahmsweise wirklich sozial verhalten, wird Templeman für seinen selbstironischen Auftritt gefeiert; der britische, konservative Politiker Phillip Lee schreibt etwa auf Twitter: "Inspiration aus Down Under für meine nächste Brexit-Rede. Wundervoll!"

Klar: Es gab auch im deutschen Bundestag schon mal ein verhaltenes "Happy Birthday" (damals für Alois Gerig von der CDU), und da war die (leider unvergessene) Pippi-Langstrumpf-Einlage von SPD-Politikerin Andrea Nahles. Aber natürlich beides nicht zu vergleichen mit Templeman und seinem Anti-Silentium im Parlament: Denn das ist Youtube-Blödelei und Statement in einem. Was bei ihm als Kulturminister auch Teil seiner deformation prefessionelle ist, ist natürlich nicht so einfach, wenn man dem Bundesministerium der Finanzen vorsteht. Aber einen Versuch wäre es in jedem Fall wert. "Money Money Money", "Oh Lord, won't you buy me a Mercedes Benz?", "Alles nur geklaut" ... es gibt so viele Möglichkeiten.

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